Paartherapie:"66 Prozent erleben irgendeine Besserung"

Lesezeit: 2 min

Hilft Paartherapie nach Seitensprüngen oder bei chronischen Streitigkeiten? Therapeuten sagen ja - wobei das Ergebnis anders ausfallen kann, als gedacht.

SZ-Wissen: Was ist das Ziel einer Paartherapie?

Riehl-Emde: Ganz allgemein geht es um die Verbesserung der Paarbeziehung. Im Einzelfall hängt das Ziel natürlich davon ab, was ein Paar will. Manche kommen mit konkreten Problemen wie den Folgen eines Seitensprungs, andere beklagen "Kommunikationsprobleme", die sehr vieles bedeuten können, bis hin zu verkappten Trennungswünschen. Wichtig ist, ob man ein gemeinsames Anliegen erarbeiten kann. Manchmal geht es auch darum, eine Trennung zu ermöglichen.

SZ-Wissen: Wie lässt sich da Erfolg messen?

Riehl-Emde: Das übliche Kriterium in der Effektivitäts- und Ergebnisforschung bezieht sich auf die Verbesserung der Beziehung, sodass beide Partner sich wohler fühlen, ohne den mitbetroffenen Kindern zu schaden. Oft wirken sich Paarprobleme ja auf das psychische und körperliche Befinden aus. Auch eine konstruktive Trennung kann hilfreich sein und wird in der modernen Ergebnisforschung entsprechend bewertet. Vereinfacht gesagt, sind etwa zwei Drittel der Paartherapien erfolgreich, das heißt etwa 66 von 100 Paaren erleben irgendeine Verbesserung.

SZ-Wissen: Wie steht es um die wissenschaftliche Anerkennung von Paartherapie?

Riehl-Emde: Bisher ist die Paartherapie keine offizielle Krankenkassenleistung. Gleichwohl kommt in der Paartherapie das Know-how aus mehreren Schulen zusammen, von denen zwei wissenschaftlich anerkannt und seit Langem Kassenleistungen sind: die Psychodynamische Therapie und die Verhaltenstherapie. In diesen Schulrichtungen ist das paartherapeutische Setting zwar anerkannt. Es wird aber nicht von den Kassen bezahlt, weil es bei Paaren meist um Lebensprobleme und nicht um Krankheiten geht. Viel Know-how kommt auch aus der Systemischen Therapie, die seit Kurzem vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als Ausbildungsverfahren für angehende Psychotherapeuten empfohlen wird, aber die Hürde der Kassenzulassung noch nicht genommen hat. Wichtig für Paare, die Hilfe suchen, ist, dass sie einen spezifisch weiterqualifizierten Psychotherapeuten finden und niemanden, der sich einfach nur Therapeut nennt. Diese Bezeichnung ist ja nicht geschützt.

SZ-Wissen: Entwickelt sich die Paartherapie eigentlich mit dem historischen Wandel der Paarprobleme - ist sie auch deshalb schwer zu untersuchen?

Riehl-Emde: Bis etwas empirisch evaluiert ist, geht immer Zeit ins Land. Zum Beispiel beziehen sich die meisten Studien auf Paare bis zum 40. Lebensjahr, und es gibt kaum Studien zur Therapie älterer Paare über 60, die heute immer mehr unsere Hilfe suchen. Solange nur wenige empirische Studien vorliegen, können wir aufgrund der klinischen Erfahrung sagen: Paartherapie hilft auch älteren Paaren.

SZ-Wissen: Was sind die spezifischen Probleme der neuen Alten?

Riehl-Emde: Paare in langjährigen Ehen von 30 oder 40 Jahren leiden oft unter eingefahrenen Beziehungsmustern wie chronischen Streitigkeiten. In der Regel ist aber die Loyalität der Älteren groß: "Wir haben so viel gemeinsam durchlebt und gelitten, eigentlich kann ich meinen Partner jetzt nicht allein lassen." Jüngere Paare oder Paare aus kurz dauernden Beziehungen trennen sich schneller.

Astrid Riehl-Emde leitet stellvertretend das Institut für psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie der Universität Heidelberg.

Weitere spannende Themen aus dem SZ Wissen finden Sie hier.

Das neue Heft bekommen Sie jetzt am Kiosk.

Zur SZ-Startseite