"Empty-Nest-Syndrom" Kinder weg, Krise da

Familienalbum ohne Kind

Die amerikanische Fotografin Dona Schwartz ist Expertin für modernes Familienleben. Für ihr Projekt "On the Nest" hat sie junge und alte Eltern besucht - in den Zimmern der Kinder. mehr...

Wenn der Nachwuchs auszieht, haben Eltern endlich Ruhe und Zeit für sich. Für viele ist das allerdings der blanke Horror.

Von Titus Arnu

Nackt, blind, taub - so werden Mäuse geboren. Zwei Wochen nach der Geburt öffnen sie die Augen, drei Wochen lang werden sie gesäugt, bald können sie "Piep" sagen, ohne jemals eine Schule besucht zu haben. Kindheit und Pubertät sind innerhalb von weiteren zwei Wochen abgeschlossen. Im Alter von sechs Wochen ist das Nagetier geschlechtsreif, und dann ist die Maus aus dem Haus.

Wie viel mühsamer und langwieriger ist doch dieser Prozess beim Menschen. Die Augen öffnet er zwar schon gleich nach der Geburt, dann aber dauert es ein, zwei Jahre, bis er auf zwei Beinen laufen kann; weitere Monate und Jahre vergehen, bis er "Dada" und später "endsgeil" sagen kann. Je nach Schulerfolg und Zielstrebigkeit verbringt der Jugendliche 17 bis 27 Jahre in seinem Nest, liebevoll versorgt von den fleißigen Eltern, die nur das Beste dafür tun wollen, damit ihre Brut irgendwann einmal alleine lebensfähig ist.

Mutterseele allein

Vor viereinhalb Jahren wurde Angelika Kindt von ihrer erwachsenen Tochter verlassen. Bis heute rätselt die Mutter über die Gründe für die plötzliche Ablehnung. Zu den "vielen Fragezeichen" kommen die schiefen Blicke anderer. Johanna Bruckner mehr ...

Endlich wieder zu zweit? Von wegen

Nach circa zwei Jahrzehnten ist es dann also endlich so weit. Der Mensch hört offiziell auf, ein Kind zu sein, packt seine Sachen in ein paar Kisten - und zieht aus dem Elternhaus aus. Dass man Kinder nicht kriegt, um sie für immer bei sich zu behalten, sondern um sie eines Tages in ihr eigenes Leben zu entlassen, ist wahrscheinlich den meisten Eltern klar. Es ist ein lange vorher absehbares Ereignis, aber wenn es dann tatsächlich so weit ist - dann erleben es viele Eltern dennoch als Schock.

"Es ist normal, dass Kinder ihre Eltern verlassen, aber das heißt nicht, dass es nicht wehtun darf", sagt die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast, die mehrere Bücher zum Thema verfasst hat.

Sogar die laute Musik vermisst man jetzt

Neue Freiheit, endlich wieder Zweisamkeit, mehr Lebensfreude? Von wegen. Viele Eltern durchleben eine Sinnkrise, wenn der Nachwuchs das Haus verlässt. "Empty-Nest-Syndrom" nennen Wissenschaftler das Phänomen, der Begriff wurde in den 1960er-Jahren von amerikanischen Soziologen geprägt. Wenn die Kinder flügge werden, gerät die Partnerschaft leicht in die Krise, so das Fazit einer repräsentativen Umfrage der Universität Heidelberg. Besonders viele Ehepaare lassen sich scheiden, wenn die Kinder erwachsen werden. Das klingt zunächst paradox, denn eigentlich könnten die Eltern ja stolz und glücklich sein in so einem Moment, schließlich ist eine wichtige Lebensphase geschafft. Aber die Gefühle der Eltern sind eben genauso widersprüchlich wie die der Kinder, die einerseits ein eigenes Leben beginnen, andererseits ihr behütetes Heim verlassen.

Einerseits geht ein Lebensabschnitt zu Ende. Andererseits merkt man genau daran, wie alt man geworden ist. Einerseits: Auf herumliegende nasse Handtücher auf dem Boden, unaufgeräumte Kinderzimmer, nervige Verhandlungen über Ausgehzeiten kann man ja gerne verzichten. Andererseits fehlt einem auch viel: Gespräche am Küchentisch, zusammengekuschelt auf dem Sofa einen Film anschauen, Reisepläne schmieden. Sogar den Trubel, die laute Musik, insgesamt das wunderbar chaotische Leben dieser Jugendlichen vermisst man. Das Haus ist stiller, aufgeräumter - und nicht mehr so lebendig.