Deutschlandreise, 17: Amrum Wilde, sanfte Nordsee

Hier wurden schon viele Kinder aufgepäppelt: Else Ury schickte ihr Nesthäkchen kurz vor dem Ersten Weltkrieg auf die Insel Amrum.

Von Monika Goetsch

Ja, Nesthäkchen hat mit ihren Puppen viel erlebt. Auch in der Schule passierten spannende Dinge. Aber erst im dritten Band der Reihe geht es wirklich um was.

1913 schickt Else Ury ihre Protagonistin ins Kinderheim nach Amrum. Und schon die Überfahrt von Hamburg übers offene Meer ist ein einziges Abenteuer. "Die niedlichen Wellen hatten sich in gewaltige brandende Riesenwogen verwandelt. Wie einen Fangball warfen sie das große Schiff hin und her. Jetzt flog man in die Höhe, nun stürzte man zur Tiefe." Sterbenselend liegt Nesthäkchen auf dem Liegestuhl an Deck, festgebunden, damit der Sturm "das leichte Dingelchen" nicht fortweht.

Über hundert Jahre später gibt es die sturmumtoste Schiffsverbindung von Hamburg nach Amrum nicht mehr. Man fährt mit dem Zug nach Niebüll und von Niebüll nach Dagebüll Hafen; von dort aus zuckelt die Fähre gleichmütig übers Meer, das flach ist, grau und trüb. Nüchtern stehen die roten Backsteinhäuser am Wittdüner Anleger über dem Kniepsand. Nur ein paar Jugendstilvillen zwischendrin erinnern noch an das noble Seebad, in das die 1877 geborene Bestsellerautorin Else Ury ihr Nesthäkchen entsandte.

Haus Eckart zum Beispiel, an der Mittelstraße. Eine große, weiße Villa. "Für mich war Nesthäkchens Kinderheim immer das Haus meiner Urgroßmutter", sagt Barbara Zimmermann. Sie führt in der Jugendstilvilla herum, die heute Tagungshotel ist, zeigt das Esszimmer, die Liegehalle und die Veranda mit den bunten Fensterscheiben, steigt dann die steile Treppe hinauf zu den Zimmern, in denen kranke, geschwächte Kinder zu Kräften kamen. Klar, Nesthäkchen ist eine Erfindung. Aber ein bisschen Fantasie genügt, und dies könnte tatsächlich das blanke Geländer der "Villa Daheim" sein, auf dem das Nesthäkchen immer runterrutschte.

Mutter und Großmutter erzählten Barbara Zimmermann die Geschichte so: Else Ury habe das Haus Eckart, früher: Eckhardt, besucht und das erste private Kinderheim in Wittdün, vielleicht sogar an der Nordseeküste, im Roman "Nesthäkchen im Kinderheim" verewigt.

Keiner weiß so genau, ob das stimmt. Möglich, dass die Berliner Erfolgsschriftstellerin nicht mal Amrum kannte, wie ihre Biografin Marianne Brentzel vermutet. Zu klischeehaft seien die Darstellungen im Buch. Vielleicht war sie aber doch da. Der Inselhistoriker Georg Querens nimmt das an, und es ist ja auch der schönere Gedanke.

In zehn Bänden, erschienen zwischen 1913 und 1925, führt die zeitlebens unverheiratete Ury ihre Protagonistin durch ein ganzes Mädchen- und Frauenleben. Ein weiblicher Bildungsroman, in dem aus einer zärtlichen Puppenmutter die treu sorgende Ehefrau schlüpft.

Aber Nesthäkchen ist auch temperamentvoll, lustig und offen für jedes Abenteuer. Ein gar nicht langweiliges Mädchen, das immer mal wieder das Falsche tut, weil es sich für den Moment einfach besser anfühlt. Das zog. Und zieht.

Die Bücher haben sich fast sieben Millionen Mal verkauft, eine verkitschte Fernsehadaption aus den Achtzigerjahren fachte noch einmal die Begeisterung an. In Amrum verschweigt man ganz gern, in welchem Haus das Team damals filmte, die Fans waren einfach zu lästig.

Als die Ury-Biografin Marianne Brentzel 1993 ihr Buch "Nesthäkchen kommt ins KZ" veröffentlichte und von der Ermordung der jüdischen Autorin 1943 in Auschwitz berichtete, interessierten sich auf einmal auch Leser für Nesthäkchen, die all die Wildfangzähmerei als reaktionär abgetan hatten.

Man müsse hinter die Klischees gucken, meint Brentzel, um die Qualität der Bücher zu erkennen. Gelinge dies, böten vor allem die ersten Bände "einen fantastischen Einblick in eine historische Phase unseres Landes".

Es ist Sommer, als Frau Braun und Tochter Annemarie, das Nesthäkchen, nach ihrer stürmischen Fahrt an der Nordspitze Amrums eintrudeln, damals noch Hafen der Insel, und tags darauf mit der Elektrischen von Norddorf nach Wittdün tuckern. Seit die noble wilhelminische Gesellschaft das noch junge Seebad für sich entdeckt hat, wird getanzt auf der Insel der reetgedeckten Friesenhäuser und kargen Sandböden; man sieht Hochdeutsche im Kurhaus an der Südspitze speisen, auf der Promenade flanieren und sogar Sandburgen bauen und schmücken.

Ein Jahr Seeluft, ein Jahr Trennung von den Eltern: Heute ist die Vorstellung absurd

Die Einheimischen finden die losen Sitten zum Fürchten. Nesthäkchen allerdings soll sich in Wittdün nicht vergnügen, sondern von Scharlach erholen. Penicillin gab es noch nicht, es halfen weder Eisenwein noch Vitamine, Lebertran oder die regelmäßigen Kiefernadelbäder. Der Vater, selbst Arzt, schlug einen Aufenthalt am Meer vor, das Mittel der Wahl in einer Zeit, als Antibiotika fehlten und die Heilung eines Patienten vor allem von seiner Konstitution abhing. Die immerhin ließ sich stärken: durch gesunde Luft und gute Ernährung, durch Schonung, Bewegung und ausreichend Schlaf. Drei, vier Wochen, wie heute üblich, reichten dafür nicht aus. Auch nicht fünf oder sechs. Für ein Kind, das wie Annemarie "derart heruntergekommen ist", so Vater Braun, sei ein Jahr Nordseeluft genau das Richtige.

Ein Jahr! Die Mutter ist über die bevorstehende Trennung bestürzt, Nesthäkchen selbst fassungslos. Eine merkwürdige, neumodische Welt, findet die Großmama. Ihre Skepsis mag damals altmodisch gewesen sein, zur Gegenwart würde sie ganz gut passen. Kaum jemand denkt heute daran, sich von seinem Kind für Monate zu trennen. Schon gar nicht, wenn es genesen soll. Eine Sensibilität, die dem Einfluss der Bindungsforschung zu danken ist, sagt der Regensburger Psychologe Hermann Scheuerer-Englisch.

Lange begriff die Gesellschaft nicht, wie traumatisch die Trennung von engen Bindungspersonen für Kinder sein kann. Selbst Säuglinge löste man von ihren Müttern, wenn es aus ärztlicher Sicht geboten erschien. "Der Medizin galten Eltern als Störfaktor", sagt Scheuerer-Englisch. "Aber auch die Eltern wussten es nicht besser. Bis weit in die Siebzigerjahre hinein glaubte man, Trennung täte nicht weh." Inzwischen weiß man, wie wichtig sichere Bindungen für das Gedeihen eines Kindes sind; differenziert wird allerdings nach Alter und Reife. "Ein zehnjähriges Kind kann eine Trennung in der Regel kognitiv gut verarbeiten", sagt Scheuerer-Englisch, "für jüngere Kinder ist das schwierig und mitunter traumatisch."

Dass die zehnjährige Annemarie Braun den Abschied von der Familie so gut hinbekommt, hängt auch mit ihrer Mutter zusammen. Die verlässt die Insel erst, als sich ihre Tochter in der "Villa Daheim" eingelebt hat. "Ideal" findet Scheuerer-Englisch diese mehrwöchige Eingewöhnungszeit. Überhaupt sei das Buch "aus einer psychologisch unglaublich feinfühligen Perspektive geschrieben", genau das Gegenteil der schwarzen Pädagogik, die in den Jahrzehnten danach regierte, "eine ganz untypische Geschichte", sagt Scheuerer-Englisch.

Im Verlauf des Inseljahres wird Nesthäkchen Freundschaften schließen und viel im Kniepsand spielen, unterhalb der heutigen Teerstraße. Sie sagt zum Besuch der "Prinzessin Heinrich" von Preußen einige Verse auf. Gerät in Todesgefahr, weil an einem stürmischen Herbsttag auf einmal das Meer zurückflutet und sie und ihr Freund Peter das Ufer nicht mehr finden, aber dann weist das Feuer des Leuchtturms den Weg. Und natürlich runden sich ihre Wangen mit der Zeit, sie ist frisch und vergnügt und "rotgebrannt", wie die Autorin mit Begeisterung anmerkt.

Christian Falkenberg, Leiter der Fachklinik Satteldüne westlich des kleinen Dorfes Nebel, würde seine Patienten natürlich niemals "rotgebrannt" entlassen. "Kinder gehören nicht in die Sonne", sagt Falkenberg.

Die Fachklinik Satteldüne, Kinderheilanstalt seit den Zwanzigerjahren, war früher auf Knochentuberkulose spezialisiert. Monate und Jahre ihres Lebens verbrachten die kleinen Patienten im Liegesaal. Heute empfängt die Klinik Kinder und Jugendliche mit Lungen- oder Hautkrankheiten oder krankhaftem Übergewicht zur mehrwöchigen Reha, jüngere werden von Eltern begleitet, wer über zehn Jahre alt ist, kommt meist allein.

"Das Heilklima verliert mehr und mehr an Bedeutung. Neurodermitis kann man inzwischen auch gut in Bitterfeld therapieren", sagt Birgit Outzen, Pflegedienstleitung an der Satteldüne. Aufgepäppelt im Uryschen Sinn würden die Kinder hier auch nicht, sondern mit dem nötigen Wissen versorgt, das ihnen hilft, mit ihrer Krankheit auch zu Hause gut umzugehen. Aber trotz aller Medikamente und Therapien vertraut man auch in der Satteldüne auf die gute, saubere, salzhaltige Luft, auf das Meer, das Licht und den Wind. Nach alter Tradition lässt Falkenberg seine Patienten um halb acht Uhr morgens Kälteläufe machen, um ihnen hinterher die Lunge abzuhören. Dass es Abhärtungseffekte gibt: keine Frage für Falkenberg, der selbst nur noch einmal pro Jahr krank wird, seit er auf der Insel arbeitet.

Schade nur, dass die Rehamaßnahmen kaum noch Zeit lassen für das freie Spiel an der frischen Luft, sagt der Sozialpädagoge Christian Klüßendorf. Dabei wären die Sonnen- und Meerbäder und Sandburgenwettbewerbe, die Nesthäkchen so freizügig genoss, doch so wichtig für Körper und Seele.

Ein paar Kilometer nördlich der Satteldüne sitzt der Inselhistoriker Günter Querens im Norddorfer Friesenhaus und überschaut das alles: die Vorkriegsjahre, in denen auch die Satteldüne Kurhaus war. Dann der Erste Weltkrieg: All die noblen Häuser standen leer. Und die Nachkriegszeit, als das Seebad sein betuchtes Badepublikum verlor. Findig verscherbelte man die Hotels an Sozialverbände und Stiftungen. In den Zwanzigerjahren, sagt Querens, war Wittdün "Dorf der Kinderheime". In den Siebzigerjahren dann kam "das große Kinderheimsterben", für die Insel keine einfache Zeit.

Gehalten hat sich bis heute das DRK-Heim in Wittdün, 1911 vom Vaterländischen Frauenverein errichtet, das Mutter-Kind-Kuren anbietet. Auch in den AOK-Häusern an der Nordspitze, früher ein gepflegtes Seehospiz, kuren Mütter und Väter mit ihren Kindern. Vor Querens' Fenster spazieren sie in Grüppchen vorbei. Anfangs waren die Insulaner nicht so glücklich darüber, erzählt Querens, herumliegende Zigarettenstummel, der Rummel, all das. Aber man braucht die Gäste ja, und die brauchen die Insel, um mal ganz weit weg zu sein von allem.

In "Nesthäkchen und der Weltkrieg" entwickelt sich die Heldin zur glühenden Patriotin

Im Sommer 1914 will Nesthäkchens Mutter ein erholtes, pausbackiges Kind zurück nach Hause holen. Aber über Deutschland wird der Kriegszustand verhängt. Die Mutter sitzt in England fest. Man packt in fliegender Eile, verlässt die Insel mit dem letzten Dampfer in einer Mondscheinnacht. Im Menschengewirr auf der Landungsbrücke verliert Nesthäkchen seine Puppe. Bitterlich weint das Kind "um ihre ertrunkene Gerda". Die Autorin verzichtet auf ein Happy End: Die Puppe ist verloren, die Kindheit hat mit Kriegsbeginn ihr Ende gefunden.

Das Buch schließt mit dem Wunsch, Nesthäkchen möge sich "würdig der gewaltigen Zeit" zeigen, die da komme. In späteren Ausgaben wurden Stellen wie diese gestrichen. Der Folgeband "Nesthäkchen und der Weltkrieg" ist erst seit ein paar Jahren wieder erhältlich. Durchaus kein Antikriegsbuch, sondern Zeugnis der allgemeinen Kriegsbegeisterung, die auch Ury erfasst hatte.

Nesthäkchen wird darin als glühende Patriotin dicke Pulswärmer für die Soldaten stricken. Trotz bescheidener Ernährung blüht sie während des Krieges, in dem mehr als 16 Millionen Menschen ihr Leben verloren, auf "wie ein Maienröschen". Die Autorin, die so deutsch fühlte und als Jüdin von den Nazis deportiert und umgebracht wurde, bemerkt: "Nicht umsonst war der lange Aufenthalt an der Nordsee gewesen."