Der Fall Kalinka Selbstjustiz - ein Akt der Verzweiflung

Um Krombach endlich seiner Strafe zuzuführen, beging Kalinkas leiblicher Vater selbst ein Verbrechen: Im Oktober 2009 ließ er Krombach gewaltsam nach Frankreich bringen. Später behauptete er, drei Männer aus Osteuropa hätten ihm angeboten, den Arzt zu entführen, er hätte die Tat lediglich gebilligt. Deutschland erhob Einspruch gegen die Verschleppung seines Bürgers. Doch die französische Justiz ließ sich nicht beirren und setzte den Prozess an.

Mittlerweile ist längst bekannt, dass Krombach eine Vorliebe für junge Mädchen hatte - und diese auch auslebte. Im Februar 1997 vergewaltigte der Arzt in seiner Lindauer Praxis eine 16-Jährige, der er zuvor eine Narkose verabreicht hatte. Das Landgericht Kempten verurteilte ihn wegen "sexuellen Missbrauchs Widerstandsunfähiger" zu zwei Jahren auf Bewährung - der reine Hohn.

Doch es wird enger für Krombach: Für den neu aufgerollten Prozess in Paris werden weitere Aussagen von Patientinnen erwartet, die als Jugendliche belästigt worden seien. Nun, da immer klarer wird, dass der Angeklagte seine krankhafte Neigung nicht im Griff hatte, zeichnet sich auch ein mögliches Motiv ab: Krombach könnte seine Stieftochter mit der Absicht, sie zu missbrauchen, betäubt und dabei versehentlich getötet haben. Oder die Vergewaltigung hatte bereits stattgefunden und Krombach ermordete das Mädchen, um seine Tat zu vertuschen.

Jahrelang hatte Bamberski auf diesen Augenblick gewartet: Nun sitzt der Franzose dem Mann gegenüber, den er für den Mörder seiner Tochter Kalinka hält. Er will erfahren, was wirklich an jenem 10. Juli 1982 geschah, als seine Tochter tot aufgefunden wurde. Er will, dass sich Kalinkas Stiefvater endlich zu den Vorwürfen äußert.

Gleich zu Beginn des Prozesses ergab sich eine weitere Verzögerung: Krombachs Anwalt hatte die Zuständigkeit des Pariser Gerichts angezweifelt und einen Prüfantrag gestellt mit der Begründung, dass sich niemand zweimal für die gleiche Straftat verantworten muss. Das Schwurgericht wies den Antrag ab. Es geht weiter für Bamberski. Endlich.

Eine Reportage zum Fall Kalinka lesen Sie in der SZ vom 30.3.2011 auf der Seite 3.