Debatte um Sterbehilfe Gefährliche Melodie

Mitleiden mit denen, die verzweifeln und zu oft nicht mehr aufzuhalten sind in ihrer Sehnsucht aufs Totsein - das ist wichtig.

(Foto: Jens Wolf/dpa)

Aus Angst vor Pflegebedürftigkeit wird das Lied vom süßen Freitod gesungen: Doch die Heroisierung der Selbsttötung ist problematisch. Warum es darum geht, zu helfen und sich helfen zu lassen - und nicht um die eleganteste Abschiedszeremonie.

Ein Gastbeitrag von Franz Müntefering

Dass Menschen "lebenssatt" werden können, das ist wahr. Auch dass sie depressiv werden können, verwirrt, hoffnungslos, verzweifelt, ist wahr. Auch dass sie unendlich einsam sind und keinen Sinn mehr finden in ihrem Leben. Oder dass sie Angst haben vor aufziehender schwerer Krankheit, besonders vor großen Schmerzen. Alles wahr. Niemand wird ihnen vorwerfen dürfen, wenn sie den Tod herbeisehen oder aktiv suchen. Menschen töten sich selbst. Und Suizid ist nicht strafbar in unserem Land.

Trotzdem: Udo Reiters Plädoyer für aktive Sterbehilfe, das in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, beunruhigt und empört mich. Ich widerspreche ihm, aber meine nicht nur ihn persönlich. Denn was da im Gange ist, ist nicht zu übersehen. Hier soll aus Angst vor dem unsicheren Leben ein sicheres Ende gesucht und der präventive Tod zur Mode der angeblich Lebensklügsten gemacht werden. Viele nicken beifällig, wenn die Geschichte vom süßen freien Tod erzählt wird. Die Heroisierung der Selbsttötung in manchen Medien - wenn sich die Person als Identifikationsmuster eignet - kommt hinzu.

Der Streit ist wohl fällig. Soll man Sterben als Teil des Lebens begreifen und es geschehen lassen, es erleben? Oder den Tod suchen, auch wenn die biologische Uhr noch nicht völlig abgelaufen ist? Die Grenzziehung kann schwierig sein. Unmöglich ist sie nicht. Das Wesentliche ist eindeutig.

Wir leben länger, werden deutlich älter als Generationen vor uns. Werden recht gesund (!) älter, das bedeutet gutes Leben obendrauf. Statt Morbiditätsexpansion also -kompression. Das aktive Leben verlängert sich, nicht das Sterben. Die Geburtsjahrgänge 1948 bis 1970 sind zahlreich, und so wird die Zahl der Alten und Hochaltrigen in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen: die der über 80-Jährigen von circa vier Millionen heute auf circa zehn Millionen im Jahr 2050. Das sind die deutschen Zahlen. Aber alles in allem sind wir - zeitverschoben - in Sachen Demografie nur Vorläufer für die Welt. Die Menschheit insgesamt wird älter in diesem Jahrhundert.

Die Trendsetter des süßen Todes

Wie werden wir und wie wird die Menschheit insgesamt mit diesem Älterwerden umgehen? Sind die Protagonisten des süßen Todes die Trendsetter? Nützlichkeitserwägungen und Perfektionssehnsucht vermischt mit Lebensüberdruss können sich zu einer gefährlichen Melodie vereinen: ganz oder gar nicht, super ist geil, weniger lohnt nicht.

"Ich möchte nicht als Pflegefall enden, der von anderen gewaschen, frisiert und abgeputzt wird. Ich möchte mir nicht den Nahrungsersatz mit Kanülen oben einfüllen und die Exkremente mit Gummihandschuhen unten wieder herausholen lassen. Ich möchte nicht vertrotteln und als freundlicher oder bösartiger Idiot vor mich hindämmern", schreibt Reiter.

Wenn Altsein wirklich so trottelig und wertlos ist und außerdem in seiner Massenhaftigkeit auch recht kostenträchtig - muss man dann den Menschen nicht rechtzeitig abraten davon und ihnen zum runden Geburtstag einen kostenlosen süßen Auf-immer-Einschlaftrunk andienen? Win-win? Die Erbenkonten werden nicht für Trotteligkeiten verplempert.