"Boring Conference" in London Her mit der Langeweile!

Man will den Herren Gerhard Schröder (r.) und Joschka Fischer ja nichts unterstellen, aber sie wirken schon sehr gelangweilt auf diesem Bild, das während eines Vortrags vom damaligen Bundesfinanzminister Hans Eichel 2003 im Bundestag entstand. Aber: Langeweile ist wichtig und fördert Erfolg und Kreativität.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Wer bitte langweilt sich denn in Zeiten von Wlan, Smartphones, Twitter noch? Die "Boring Conference" in London zeigt: Der Mensch braucht Leerlauf - um kreativ und erfolgreich zu sein. Auf dem Programm der Konferenz stehen daher Vorträge zu folgenden Themen: "Seriennummern diverser U-Bahn-Waggons" und "Die Frühstücksauswahl amerikanischer Kettenrestaurants".

Von Alexander Menden

Das "langweiligste Buffet der Welt" war im Programm angekündigt. Und wenn irgendetwas diese Beschreibung verdient, dann das, was da im hintersten Winkel der York Hall aufgetischt steht: auf Zahnstocher gespießte Gurkenstücke als Vorspeise, labberiges, mit nichts als Petersilie garniertes Weißbrot zum Hauptgang, geschmackfreie Kekse als Nachtisch. Dazu Leitungswasser.

"Daran habe ich den ganzen Morgen geschnippelt", sagt Hamish Thompson und deutet auf die Gurken. Thompson, ein untersetzter, bebrillter Mann im gestreiften Pullover, leitet die PR-Agentur, die "dieses tolle Buffet spendiert hat", wie er betont. Jetzt wartet er auf die ersten Teilnehmer der "Boring Conference", deren stolzer Sponsor und Mitorganisator er ist.

Es ist ein kalter Sonntagmorgen in London. Trotz der frühen Stunde hat sich vor der York Hall im Stadtteil Bethnal Green bereits eine beachtliche Schlange gebildet - die Männer bärtig, die Frauen vereint in ihrer Vorliebe für schwere Designerbrillengestelle.

Zum dritten Mal hintereinander findet die "Langweilige Konferenz" nun schon statt. Wenn man Teilnehmer der letztjährigen Veranstaltung danach fragt, was bei so einer "Boring Conference" eigentlich passiert, bekommt man Antworten, die noch mehr zur Verwirrung beitragen: "Es war sehr interessant!", sagt Sally, die als Allererste erschienen ist. "Nur bei einem war der Vortrag eher eine Tirade. Er hat uns gesagt, wir sollten uns lieber gleich umbringen, als uns zu langweilen. Der hat das Konzept wohl nicht ganz verstanden."

Nur wer Stress hat, ist wichtig?

Nach vorherrschenden Maßstäben ist eine Konferenz, die ausdrücklich der Langeweile gewidmet ist, ja auch wirklich nicht ganz eingängig. Einen guten Ruf genießt die Langeweile jedenfalls nicht. Manche Menschen weisen schon die leiseste Andeutung von sich, sie könnten sich überhaupt irgendwann mal langweilen oder je gelangweilt haben.

In der Regel wird über Stress geklagt - Arbeitsstress, Freizeitstress, Familienstress. In jeder Klage klingt aber fast immer kaum verhohlener Stolz mit. Denn Stress adelt, ist Ausweis von Leistung, die an die Grenze geht. Das impliziert Gefragtsein. Ständige Erreichbarkeit und Zielstrebigkeit, belohnt mit einem sauberen Burnout - all das lässt Langeweile gar nicht zu. Sich langweilen, das tun die anderen, die Unterforderten. Gelangweilte wissen nichts mit sich anzufangen, "nutzen ihr Potenzial nicht", verschwenden ihr Leben.

Genau diese rastlose Haltung ist James Ward ein Graus. Der junge Mann im grauen Anzug hob die "Boring Conference" 2010 aus der Taufe. "Die Idee war, dass wir uns einfach mal die Zeit nehmen, Dinge genauer anzusehen, die wir für langweilig halten, weil sie alltäglich sind." Er lud über Twitter dazu ein, Vorschläge über mögliche Vortragsthemen zu machen. "Ich hatte mit vielleicht 50 Teilnehmern gerechnet", sagt Ward, der sonst als Marketing-Manager arbeitet. "Am Ende waren es 200." Dieses Jahr sind es 500.

Jeder, der Lust hat, kann sich mit einem Vortragsthema bewerben. Diesmal stehen unter anderem auf dem Programm: "Seriennummern diverser U-Bahn-Waggons", "Die Frühstücksauswahl amerikanischer Kettenrestaurants" und "Londoner Ladenfassaden". Zum letztgenannten Thema führt die Expertin sogar ein eigenes Internet-Blog. James Ward sieht die Veranstaltung als Gelegenheit, "dem Profanen, Gewöhnlichen, Übersehenen" die verdiente Aufmerksamkeit zu schenken. Das sei auch der Grund ihres Erfolgs. Die Konferenz hat also zwei einander scheinbar entgegengesetzte Ziele: die Langeweile als Kulturgut zu feiern - und sie zugleich zu vertreiben.

Die Boa Constrictor langweilt sich nie

Die Auseinandersetzung mit der Langeweile hat eine beachtliche Tradition; seit Heraklit haben sich viele große Denker mit ihr beschäftigt. Søren Kierkegaard zum Beispiel fand Langeweile "schrecklich langweilig!": "Ich liege hingestreckt, untätig; das einzige, was ich sehe, ist Leere, das einzige, wovon ich lebe, ist Leere, das einzige, worin ich mich bewege, ist Leere. Nicht einmal Schmerz empfinde ich."

Hinter dieser Beschwerde versteckt sich eine zentrale Wahrheit. In der Art Langeweile, an der Kierkegaard leidet, offenbart sich nämlich der Unterschied zwischen einem dänischen Philosophen und der Boa Constrictor, die man bei jedem Zoobesuch in derselben Ecke ihres kleinen Terrariums zusammengerollt findet. Die Ecke ist warm, die Boa hat immer genügend zu fressen. Sie langweilt sich nie, leidet nicht, ruht in sich selbst. Das ist wunderbar, macht sie uns aber auch fremd.

Friedrich Nietzsche war im Gegensatz zu Kierkegaard ein großer Freund der Langeweile, er nannte sie "Windstille der Seele". Und er glaubte, nur "die feinsten und tätigsten Tiere" seien ihrer fähig. Will sagen: Wir schreiben nur jenen Tieren, denen wir uns am nächsten fühlen, Delfinen oder Menschenaffen, diese Fähigkeit zu. Das ist eine Auszeichnung, denn wir erkennen die Langeweile damit als integrales Wesensmerkmal der Kreatur an, die sich ihrer selbst gewahr ist. Und das, zumindest beim Menschen, zur Selbstreflexion Anlass gibt.