Analphabeten in Deutschland "Manchmal fehlt der richtige Buchstabe"

Jahrelang konnte Uwe Boldt weder lesen noch schreiben und dachte, er wäre mit seinem Problem alleine. Doch der 54-Jährige ist kein Einzelfall: 7,5 Millionen Analphabeten leben in Deutschland - in einer Gesellschaft, in der die Lese- und Schreibkompetenz immer wichtiger wird.

Von Felicitas Kock

Uwe Boldt hatte immer seine Tricks. Seine Frau schrieb ihm die wichtigsten Wörter auf einen Zettel, sodass er Buchstabe für Buchstabe abmalen konnte, wenn es darauf ankam. Die Familie half ihm mit Behördenbriefen, und auch der ein oder andere Kollege war eingeweiht. Jahrelang kam der heute 54-Jährige in Alltag und Beruf zurecht, ohne lesen und schreiben zu können. Sein Analphabetismus blieb ein Thema, das kein Thema war, zumindest nicht für die Öffentlichkeit. Bis ihm das Versteckspiel irgendwann zu viel wurde.

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"Ich war Ende 20, als ich mich erkundigt habe, ob es irgendwo einen Kurs gibt, in dem man Lesen und Schreiben lernen kann", erinnert sich der gelernte Hafenfacharbeiter, der in Hamburg aufgewachsen und zur Schule gegangen ist und heute mit seiner Frau in Lüneburg lebt. Drei Jahre ging er regelmäßig zum Unterricht, dann wurde das Angebot eingestellt. Boldt übte allein weiter. Lesen klappte einigermaßen, schreiben weniger. Knappe acht Jahre versuchte er sich als Autodidakt, bis er sich für einen neuen Kurs anmeldete. Seitdem lernt er regelmäßig. Zweimal die Woche, wenn er nicht gerade Nachtschicht im Hamburger Hafen hat. "Leute wie ich können nicht einfach aufhören, zu üben", erklärt Boldt seinen unermüdlichen Fleiß, "sonst verlernen wir es wieder."

Tatsächlich würde es wohl jedem so gehen, der über einen langen Zeitraum hinweg nicht liest oder schreibt. "Das ist leider anders als beim Fahrradfahren. Irgendwann vergisst man, wie es funktioniert", sagt Andrea Kuhn-Bösch. Die 57-Jährige leitet den Fachbereich Alphabetisierung und Grundbildung an der Münchner Volkshochschule. Menschen wie Uwe Boldt hat sie im Lauf ihrer Karriere viele kennengelernt. Und sie weiß, dass es selten ein einzelner Faktor ist, der einen Menschen zum Analphabeten macht: "Die Lehrer, das Elternhaus, eine persönliche Schwäche, eine plötzliche Krankheit, die ein Kind für längere Zeit am Schulbesuch hindert - irgendwo in der Biografie der Betroffenen gibt es einen Punkt, an dem alles zusammenkommt und sie einfach aufhören zu lernen."

Außenstehende mögen sich fragen, wie jemand durch das deutsche Schulsystem rutschen kann, ohne je ein Buch gelesen, eine längere Textaufgabe verstanden oder einen Aufsatz geschrieben zu haben. Für Uwe Boldt ist das alles andere als verwunderlich. Er selbst ist in neun Schuljahren nie sitzengeblieben, obwohl er sich schwergetan hat. "Aus pädagogischen Gründen versetzt", hieß es in jedem Zeugnis. Boldts Schulzeit liegt Jahrzehnte zurück; doch auch heute trifft er in den Alphabetisierungskursen immer wieder auf Jugendliche, die mit der Schule fertig sind und trotzdem immense Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben.

7,5 Millionen Menschen in Deutschland gelten laut einer im Jahr 2011 veröffentlichten Studie (PDF) als Analphabeten, doch nur die wenigsten (0,3 Millionen) können überhaupt nicht lesen oder schreiben. Weiter verbreitet ist das, was in der Fachsprache als "funktionaler Analphabetismus" bezeichnet wird. Gemeint ist die Fähigkeit, einzelne Wörter oder auch Sätze lesen zu können, den Sinn des Gelesenen aber nicht mehr zu verstehen, sobald sich mehrere Sätze zu einem Text aneinanderreihen. "Funktionale Analphabeten", definiert die Studie der Universität Hamburg, "sind nicht in der Lage, am gesellschaftlichen Leben in angemessener Form teilzuhaben." Hinzu kommen 13,3 Millionen Menschen, die zahlreiche Wörter, die sie beim Sprechen benutzen, nicht fehlerfrei schreiben können.

Die Untersuchung bestätigt die Beobachtung Kuhn-Böschs, nach der sich der Analphabetismus quer durch die Gesellschaft zieht. Junge wie Alte sind betroffen, Deutsche wie Migranten, Männer (60,3 Prozent) eher als Frauen (39,7 Prozent); weniger als ein Fünftel der Analphabeten kann keinen Schulabschluss vorweisen; knapp 17 Prozent sind arbeitslos.

Graue Kästen mit leuchtenden Displays

Eine vergleichsweise geringe Zahl, wenn man bedenkt, dass gerade in der Arbeitswelt viel mehr auf Lese- und Schreibkompetenz gesetzt wird, als noch vor 20 oder 30 Jahren. Vor allem in einfacheren Berufen hat es diesbezüglich starke Veränderungen gegeben, sodass Unternehmen in manchen Branchen firmeninterne Alphabetisierungskurse anbieten, um die Angestellten für die neuen Arbeitsbedingungen fit zu machen. "Das Problem ist der liebe PC", kann Uwe Boldt aus eigener Erfahrung berichten. Auch die zunehmende Fülle an Lieferscheinen, die er als Hafenfacharbeiter jeden Tag ausfüllen müsse, mache es ihm schwer. Vor 40 Jahren, als er über seinen Vater in den Beruf kam, sei das noch anders gewesen.

Hinzu kommen Veränderungen im alltäglichen Leben, die für Analphabeten oft nur schwer zu bewerkstelligen sind. Ob in der Bahnhofshalle oder in der Bankfiliale, an jeder Ecke stehen heute graue Kästen mit leuchtenden Displays - und die Worte auf der Anzeige eines Fahrkartenautomaten müssen erst einmal entziffert werden.