American Apparel-Chef Dov Charney Besprechung in Unterhosen

American Apparel, einst viel gerühmte Vorzeigefirma, gerät weiter in Verruf. Schuld ist Firmengründer Dov Charney - und sein Umgang mit Personal. Nun steht er wegen sexuellen Missbrauchs von Mitarbeiterinnen vor Gericht.

Von Ulrike Bretz

Dov Charney, ein dunkelhaariger Mann mit Pilotenbrille und Vollbart, präsentiert sich gerne selbst. Am liebsten auf den Werbeplakaten für seine eigene Firma, das Modeunternehmen American Apparel - gerne auch mal mit nicht viel mehr als der selbst designten Unterhose mit bunten Bündchen bekleidet.

Offenbar trägt der 42-jährige Firmengründer auch nicht zwangsläufig mehr Stoff am Leib, wenn er sich mit auserwählten Mitarbeiterinnen trifft. Zumindest, wenn man der Aussage von Kimbra Lo glauben darf. Die ehemalige Angestellte des Textilunternehmens hat Charney wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt, der Fall wird gerade in Los Angeles verhandelt.

Wie die New York Times berichtet, habe er das Model vergangenen Dezember zu sich nach Hause eingeladen, um über einen neuen Auftrag zu verhandeln. Dort habe er die 19-Jährige mit nichts als einem Handtuch an den Hüften empfangen und sie zur Besprechung in sein Schlafzimmer gebeten. Dort habe er sie ausgezogen, sexuell bedrängt und dabei fotografiert. Sie habe sich nicht getraut, sich zu wehren, aus Angst, den Job nicht zu bekommen.

Tatsächlich ist Lo's Vorwurf nicht der erste dieser Art: Seit etwa sieben Jahren sieht sich der Unternehmens-Chef immer wieder mit ähnlichen Beschuldigungen konfrontiert. Derzeit werden gleich mehrere Fälle verhandelt, unter anderem auch der von Irene Morales: Die ehemalige American Apparel-Angestellte hat Charney in New York auf Schadensersatz und Schmerzensgeld von mehr als einer Viertel Milliarde Dollar verklagt - weil er sie acht Monate lang als Sex-Sklavin gehalten haben soll.

Die Anwälte Charneys bezeichnen sämtliche Anschuldigungen als erfunden. Allerdings gab der Angeklagte zu, öfters Besprechungen in seinem Schlafzimmer abzuhalten und hin und wieder auch die Hüllen fallen zu lassen - freilich nur, um die eigene Unterwäschelinie zu präsentieren.

American Apparel hat sich vorsichtshalber mit Verträgen abgesichert: Models müssen sich vertraglich verpflichten, Charney keinesfalls zu verklagen, da dies dem Unternehmen Schaden zufügen könnte.

Dabei hat das einstige Vorzeigeunternehmen, das dafür bekannt war, zu fairen Bedingungen in L.A. produzieren zu lassen anstatt in Billiglohnländern, wegen der Eskapaden des Chefs längst Schaden genommen: 2009 musste Charney einen großen Teil seiner Mitarbeiter entlassen, weil bei Kontrollen festgestellt worden war, dass er illegale Einwanderer beschäftigt hatte.

Außerdem wurden die Plakate des Modeunternehmens, für die Charney hin und wieder selbst posiert und fotografiert, mehrmals als pornografisch kritisiert. Und dann fand auch noch Schauspieler Woody Allen sein Gesicht unerlaubterweise in der American Apparel-Werbung wieder - und klagte.

Die Quittung kam schnell: Im Mai 2010 musste das Unternehmen einen Verlust von 17,6 Millionen Dollar im ersten Quartal bekanntgeben. Kurz darauf kam der nächste Skandal an die Öffentlichkeit: Es wurde bekannt, dass Bewerber Ganzköroperfotos von sich einsenden sollten. Der Unternehmenssprecher Ryan Holiday erklärte das ungewöhnliche Verfahren laut dem Schweizer Tagesanzeiger mit folgenden Worten: "Wir wählen natürlich aus, wobei nicht die objektive Schönheit, sondern der persönliche Stil entscheidend ist. Um die Fashionability unserer Produkte zu zeigen, müssen wir uns darauf verlassen, wie unsere Verkaufsangestellten diese präsentieren." Wer nicht ins Bild passe, gelte als "Off-Brand" und werde aussortiert.

Sollte Charney wegen der Sex-Vorwürfe schuldig gesprochen werden, könnte seiner Firma dasselbe Schicksal drohen.

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