4. Oktober 2012, 18:50 Bevölkerungsentwicklung Wie der demografische Wandel Deutschland verändert

Die Menschen in Deutschland werden weniger, die Gesellschaft immer älter - die Prognosen sind eindeutig. Doch was bedeutet diese Entwicklung für das Leben, das wir in der Bundesrepublik in der Zukunft führen werden? Wie werden die Alten zurechtkommen und was verändert sich für die Jüngeren? Ein Überblick.

Von Felicitas Kock, Johanna Bruckner und Jonas Schaible

Die Gesellschaft schrumpft rapide: Im Jahr 2060 könnten nur noch 65 Millionen Menschen in Deutschland leben - wenn die Geburtenrate so niedrig bleibt, wie sie ist und die Lebenserwartung weiter ansteigt. Doch die Bevölkerung wird aktuellen Prognosen zufolge nicht nur kleiner, sie wird auch immer älter. Der jüngste Demografiebericht der Bundesregierung rechnet vor, "dass im Jahr 2060 jeder Dritte 65 Jahre oder älter sein wird".

Immer weniger, immer älter: Die Bundesregierung mahnt dazu, den demografischen Wandel ernst zu nehmen.

(Foto: dpa)

Ob es sich nur um die Lupe am Einkaufswagen handelt oder um die aktuellen Debatten um Kranken- und Rentenversicherung - dass die Gesellschaft immer älter wird, lässt sich bereits jetzt an vielen Zeichen ablesen. Und auch, dass die Bevölkerung schrumpft, ist in strukturschwachen Regionen mit immer mehr leerstehenden Wohnungen und geschlossenen Schulen sichtbar.

Die Bundesregierung bezeichnet den demografischen Wandel mittlerweile als eines der wichtigsten Themen der kommenden Jahre. Beim ersten Demografiegipfel an diesem Donnerstag in Berlin, an dem neben Politikern auch Vertreter aus Wirtschaft und Gesellschaft teilnahmen, forderte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich die Bereitschaft zu Veränderungen von jedem einzelnen Bürger. Wie diese Veränderungen auf der Landkarte, auf dem Arbeitsmarkt und im Privatleben aussehen werden, lässt sich bereits jetzt beschreiben.

Wenn im Bezug auf den demografischen Wandel von Luchsen und Wolfsrudeln die Rede ist, dann geht es meist um die zunehmende Abwanderung aus strukturschwachen Regionen. Wo Industrie und Arbeitsplätze schwinden, gehen vor allem die Jungen und Qualifizierten - was bedeutet, dass auch weniger Nachwuchs zu erwarten ist. Sinkt die Bevölkerungszahl insgesamt, haben darunter insbesondere die wirtschaftlich schwachen Gebiete zu leiden, die immer leerer und damit unattraktiver werden.

Schon heute stehen sich deshalb bevölkerungsarme, deutlich überalterte Landstriche auf der einen und Boomregionen auf der anderen Seite gegenüber. Eine Tendenz, die sich in Zukunft verstärken wird.

In den schwächeren Gebieten raten Experten mittlerweile nur noch selten zu Subventionen - sie gelten angesichts des Bevölkerrungsrückgangs als hinausgeworfenes Geld. Im Trend liegen dagegen geplante Rückzugsstrategien, die vom bloßen Abriss von Wohngebieten bis hin zu einer umfassenden Renaturierung reichen können.

Die Tatsache, dass die Gesellschaft unter den bisherigen Bedingungen immer weiter schrumpfen wird, bedeutet auch, dass die Politik Maßnahmen ergreifen muss, um diesem Trend entgegenzuwirken, wenn der aktuelle Lebensstandard aufrechterhalten werden soll.

Von diesen Maßnahmen könnten auch die Jüngeren profitieren - sofern sie eine Familie gründen wollen. Denn der Versuch, die Geburtenrate von derzeit 1,4 Kindern pro Frau zu erhöhen, heißt zunächst einmal, familienfreundlichere Bedingungen zu schaffen. Die flächendeckende Einführung von Kinderbetreuungseinrichtungen gehört ebenso dazu, wie die Förderung von Tagesmüttern. Wie hart umkämpft das Thema ist, zeigen aktuell die politischen Debatten von Kita bis Betreuungsgeld.

Kinderbetreuungseinrichtungen werden auch deshalb wichtig werden, weil sich die Struktur der arbeitenden Bevölkerung in den kommenden Jahrzehnten verändern wird. Gruppen, die auf dem Arbeitsmarkt bislang eher unterrepräsentiert sind, werden sich stärker einbringen müssen - vor allem die Frauen. In Deutschland stehen Frauen gegenwärtig deutlich seltener in Beschäftigungsverhältnissen als in anderen europäischen Staaten.

Während die Erwerbstätigenquote von Frauen zwischen 25 und 59 Jahren laut dem Bundesamt für politische Bildung in Großbritannien bei 72, in Dänemark bei 77 und in Schweden bei 80 Prozent liegt, sind in Deutschland nur 69 Prozent der Frauen berufstätig. Um dies zu ändern, wird die Politik bei der Versorgung mit Kinderbetreuungseinrichtungen ansetzen müssen, aber auch beim Steuersystem, das mit dem Ehegattensplitting den Ausstieg von Frauen aus dem Berufsleben bisher begünstigt.

Der Mangel an Arbeitskräften beziehungsweise die Maßnahmen, die die Politik zwangsläufig dagegen ergreifen muss, könnte sich so zu einem Vorteil für Frauen entwickeln, die Kinder und Karriere vereinbaren wollen.

Auch Migration gewinnt mit dem demografischen Wandel an Wichtigkeit. Dabei kommt es vor allem darauf an, wie die Zuwanderung in Zukunft gesteuert wird. Kommen hauptsächlich schlecht ausgebildete Migranten nach Deutschland und wird die Chance auf eine angemessene Integration verpasst, so dürften die Sozialsysteme darunter eher leiden als gewinnen.

Bereits heute leben etwa 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland - Tendenz steigend. Doch der Staat tut sich bislang schwer, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Diejenigen, die bereits da sind, brauchen bessere Bildungschancen; diejenigen die kommen, müssen nach der Vorstellung der Bundesregierung für den deutschen Arbeitsmarkt gezielt angeworben werden. Nur durch diese Unterstützung "von außen" lässt sich der Fachkräftemangel auf längere Sicht bekämpfen.

Doch der Arbeitsmarkt wird sich nicht nur auf bislang unterrepräsentierte Gruppen ausdehnen, die Menschen werden auch insgesamt länger arbeiten müssen. Die ersten Schritte in diese Richtung sind bereits genommen - das gesetzliche Rentenalter ist in den vergangenen Jahren immer weiter angestiegen und liegt zurzeit bei 65 Jahren. Bis 2029 soll es auf 67 Jahre angehoben werden.

Eine längere Arbeitszeit bedeutet zwangsläufig, dass sich Unternehmen auf ältere Arbeitnehmer einstellen müssen. Bei körperlicher Arbeit stehen hier gesundheitsunterstützende Angebote wie Physiotherapie im Vordergrund, bei vorwiegend geistiger Arbeit eher Maßnahmen zur Weiterbildung. Angebote in beiden Bereichen gibt es bislang nur begrenzt - in den kommenden Jahren ist hier mit einer deutlichen Zunahme zu rechnen.

Doch nicht nur nach hinten wird verlängert, auch der Berufseinstieg wird sich aller Wahrscheinlichkeit verschieben - nach vorne. Die Bologna-Reform und die damit einhergehende Einführung des kürzeren Bachelorstudiums können als erste Weichenstellung in diese Richtung gesehen werden. Bislang liegt das durchschnittliche Studienabschlussalter bei mehr als 28 Jahren und damit über dem Niveau anderer Länder wie etwa den USA. In Zukunft werden die Hochschulabsolventen voraussichtlich deutlich jünger sein - und damit früher Steuern und Versicherungen zahlen.

Am Beispiel des Studiums zeigt sich auch, wie wichtig das Thema "Altern" in der Gesellschaft noch werden wird. Bislang gibt es einige Bereiche des gesellschaftlichen Lebens, die traditionell den Jungen vorbehalten sind: Die Hochschule gehört dazu. Aber auch das ändert sich. Die Alten und das Altern sind plötzlich präsent, und das nicht nur, weil die über 60-Jährigen schon jetzt etwa die Hälfte der bundesweit etwa 40.000 Gasthörer stellen, mit steigender Tendenz. Die Hochschulen beginnen, mit der alternden Gesellschaft ein neues Gebiet für sich zu erschließen.

Erste Schritte sind bereits gemacht, neue Studiengänge werden angeboten. Im Master-Studiengang Demografie an der Universität Rostock, die mit dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung zusammenarbeitet, beschäftigen sich Studierende seit vier Jahren zum Beispiel mit "Erwerbstätigkeit und Gesundheit". An der TU Dortmund gibt es seit 2010 sogar einen Master "Alternde Gesellschaften", in dem es ebenso um die Psychologie des Alterns geht wie um Altern in der Arbeitswelt oder Solidarität.

So hält die alternde Gesellschaft Einzug in die Universitäten - und sie dürfte als Thema in absehbarer Zeit noch wichtiger werden. Was die wissenschaftliche Ausbildung, aber auch was neue Berufsfelder angeht.

Am Ende werden sich die Veränderungen auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen widerspiegeln: Heute gelten Beziehungen, die in Zeiten steigender Scheidungsraten tatsächlich noch ein Leben lang halten, als Liebesideal. Doch wird es in 50 Jahren noch alte Ehepaare geben? Dann, wenn all jene Generationen alt werden, die in Patchwork-Familien aufgewachsen sind und statt dem Mann oder der Frau fürs Leben verschiedene Lebensabschnittsgefährten hatten?

Bereits heute ist es nicht mehr ungewöhnlich, dass in der zweiten Lebenshälfte noch einmal eine neue Partnerschaft eingegangen wird. Vor allem verwitwete oder geschiedene Männer kommen einer Studie der niederländischen Soziologin Jenny de Jong Gierveld zufolge nur schwer alleine zurecht. Sie suchen erneut die Lebensstabilität einer festen Partnerschaft, wagen eher als Frauen noch einmal zu heiraten. Doch auch bei Frauen stellt Kirsten von Sydow, Autorin des Buchs "Die Lust auf Liebe bei älteren Menschen", zunehmend den Wunsch nach Zweisamkeit im Alter fest.

"Früher zogen sie sich regelrecht aufs Altenteil zurück, ganz im Gegensatz zu ihren männlichen Altersgenossen. Heute wünschen sich selbstverständlich auch Frauen ein erfülltes Liebesleben im Alter", konstatiert Sydow im Interview mit der Brigitte. Allerdings sind die aktuellen und kommenden Seniorinnengenerationen immer weniger bereit, ihre nach dem Tod des Partners oder einer Trennung gewonnene Unabhängigkeit wieder aufzugeben. Der Anteil älterer Paare, die getrennte Haushalte führen, steigt.

Die Furcht vor dem Alleinsein im Alter beeinflusst auch die Wahl der Wohnform. Bislang waren Wohngemeinschaften vor allem einer Lebensphase zugeordnet: dem ausgehenden Teenager- und frühen Erwachsenenalter. Doch mittlerweile entdecken auch immer mehr Senioren das WG-Leben für sich. Die Vorteile liegen auf der Hand: Mitbewohner schützen vor Vereinsamung, der regelmäßige Austausch hält geistig fit und wenn der eine oder andere Handgriff nicht mehr so leicht von der Hand geht, ist immer jemand da, der aushelfen kann.

Eine zukunftsträchtige Wohnform sind daneben Generationenhäuser. Das Prinzip - vom Säugling bis zum Senior leben alle unter einem Dach - ist zwar so alt wie die Menschheit, wird aber neu interpretiert. So wohnen nicht mehr (zwangsläufig) die Generationen einer Familie zusammen. Sondern Generationen unterschiedlicher Herkunft gründen einen oder mehrere Hausstände, um im gemeinsamen Zusammenleben voneinander zu profitieren.