Zum Tod von Wolfgang Herrndorf Er liebte es kalt und komisch

Er verfasste herrlich anschauliche Prosa - ohne Schnörkel und Angestrengtheiten. Nun ist Wolfgang Herrndorf, Autor des Bestsellers "Tschick", im Alter von 48 Jahren verstorben.

Ein Nachruf von Jens Bisky, Berlin

Warum gerade ich, warum ich? Die Frage, die für Krebskranke nahezuliegen scheint, hat sich Wolfgang Herrndorf nicht gestellt. Ein knappes Jahr nachdem bei ihm ein bösartiger Hirntumor diagnostiziert wurde, schrieb er in seinem Blog "Arbeit und Struktur": "Warum ich? Warum denn nicht ich? Willkommen in der biochemischen Lotterie." So beherrscht, ohne Heldenpose, ohne Sentimentalität, schrieb er über die Krankheit, Klarheit wollend.

Die Klarheit und seine Souveränität wollte er sich von niemandem nehmen lassen. Wenige Tage später, am 15. Januar 2011, notierte Wolfgang Herrndorf einen bitteren Moment. Sein Jugendroman "Tschick", im Herbst zuvor erschienen, fand immer mehr begeisterte Leser: "Gerade werden die Filmrechte verhandelt. Und das ist vielleicht der Punkt, wo ich dann doch so eine Art von Ressentiment empfinde: 25 Jahre am Existenzminimum rumgekrebst und gehofft, einmal eine 2-Zimmer-Wohnung mit Ausblick zu haben. Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen, und es gibt nichts, was mir egaler wäre." Das war die Kurve dieses Lebens: Als der Erfolg sich endlich einstellte, diktierten Operationen, Bestrahlungen, Chemos, Überlebensstatistiken, Wahrscheinlichkeiten den Alltag. Die vielen Preise, die Herrndorf nun erhielt, mussten Freunde entgegennehmen.

Kritiker, die nicht lesen können

Bösartige Kritiker haben den Erfolg aus dem Schrecken angesichts des Tumors, aus dem Mitleid erklären wollen und damit bewiesen, dass sie nicht lesen können. "Tschick", der Jugendroman über zwei Ausreißer, mit denen kein Teenager, kein Erwachsener, kein Greis sich langweilt, wird vom vierzehnjährigen Maik Klingenberg erzählt. Er beginnt so: "Als Erstes ist da der Geruch von Blut und Kaffee. Die Kaffeemaschine steht drüben auf dem Tisch, und das Blut ist in meinen Schuhen. Um ehrlich zu sein, es ist nicht nur Blut."

In welchem Buch der deutschen Gegenwartsliteratur gibt es solch einen Ton? Frisch, anschaulich, ohne Schnörkel und Angestrengtheiten, jugendlich, aber doch nie die bemühte Imitation von Jargon. Guter Stil, heißt es einmal in "Arbeit und Struktur", verlange nicht viel: sich überlegen, was man sagen will, dann es einfach sagen. Erscheine es dann zu einfach, könne das zwei Gründe haben: Die Sprache sei entweder nicht aufgeladen genug vom Gedanken, oder der Gedanke interessiere einen selbst nicht. Dann lösche man ihn.

Wolfgang Herrndorf, Jahrgang 1965, wuchs in Hamburg auf, in einem kleinbürgerlichen Haushalt, wie er später sagte, fernab von "Kultur im normalen Feuilletonsinne". Den Deutschlehrer aber behielt er in guter Erinnerung. Er studierte Kunst in Nürnberg, zog nach Berlin, arbeitete als Illustrator, zeichnete für die Titanic und den Haffmanns Verlag.