Zum Tod von Roger Willemsen "Wenn man ein Image hat, muss man es schänden"

Roger Willemsen ARCHIV - Der Publizist und Moderator Roger Willemsen posiert am 15.03.2012 in Leipzig auf der Leipziger Buchmesse. Der Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot. Foto: Jens Kalaene dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Roger Willemsen war ein wacher Beobachter voll beißender Ironie. Eine sehr subjektive Zusammenstellung seiner schönsten Momente.

Von Johanna Bruckner und Julian Dörr

Roger Willemsen als investigativer Moderator

Vorgespielte Naivität funktioniert manchmal bei Frauen, so gut wie nie bei Männern, und sie ist überhaupt und eigentlich nervig. Nicht bei Roger Willemsen. Der sitzt 1995 in seiner Talkshow Willemsens Woche Medienprofi und Focus-Mann Helmut Markwort gegenüber und gibt ein Bild der Unbedarftheit ab: dunkler Anzug, runde Hornbrille, Haarteppich statt Frisur. Harmloser Professortyp - wenn da nicht die funkelnden Äuglein wären. Aus seinem Mund schießen - das kommt Willemsens Redegeschwindigkeit tatsächlich sehr nahe - Sätze wie dieser: "'68 sind Sie in die FDP gegangen und die Studenten auf die Straße, das nur nebenher."

Doch Willemsen triezt nicht nur an der Oberfläche, er bohrt da, wo es weh tun müsste: "Als es bei Hoechst Chemieunfälle gegeben hat, da haben Sie ab dem neunten Unfall berichtet. Es hat aber schon sehr früh eine ganzseitige Anzeige von Hoechst bei Focus gegeben. Warum wurden da eigentlich acht Unfälle, darunter der schlimmste (...), nicht erwähnt?" Und dann haut er seinem Gast dessen Werbespruch "Fakten, Fakten, Fakten" um die Ohren: "Ich sag' auch immer: Akten, Akten, Akten."

In seiner Akte Markwort hat Willemsen dann noch einiges mehr stehen: ein verfremdetes Mitterand-Interview, zum Beispiel, und einen getürkten Brief des Baulöwen Schneider an den iranischen Geheimdienst - beides abgedruckt im Focus. "Jeder sitzt mal einer Fälschung auf", sagt Marktwort. "Hitler-Tagebücher finden Sie aber trotzdem schlimm?", entgegnet Willemsen.

Und wie sich das für einen guten Investigativmoderator gehört, hält er nach bis zur letzten Frage: "Wenn Sie nach Ihrem Tod an dem Organ gestraft werden, mit dem Sie am meisten gesündigt haben - gibt's dann noch ne Chance für die Schreibhand?"

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Roger Willemsen über das deutsche Fernsehen

Willemsen war nicht nur Bestandteil des deutschen Fernsehens, er schaute auch gerne zu. Aber noch lieber sprach er darüber und ließ andere an seinen Beobachtungen teilhaben. Ob über das Dschungelcamp, wie in diesem Gastbeitrag für die SZ, oder über das Reality-Format Big Brother: "Da gibt es viel zu sehen - aus ethnologischen Gründen." Roger Willemsen zählte zu den klügsten Beobachtern der deutschen Medienlandschaft.

Als Marcel Reich-Ranicki 2008 den deutschen Fernsehpreis ablehnte, verteidigte Willemsen den Literaturkritiker bei Johannes B. Kerner: "Dieses Fernsehen belobhudelt sich dermaßen exzessiv. Und dass ein Mann, dessen Humanitätsideal der Literatur geschuldet ist, sagt, im Sinne Kafkas und Fontanes greife ich das Menschenbild des Fernsehens an: Ja, was will man denn erwarten?"

Manchmal packte Willemsen seinen Zynismus in den süßen Mantel der Ironie. Den deutschen Fernsehpreis für RTL Aktuell als beste Nachrichtensendung kommentierte er trocken - und zum Ärger von Markus Lanz - mit "eine bahnbrechende Wendung im investigativen Journalismus." Und manchmal griff er klar und ohne Umschweife an: "Ich habe noch nie einen Fernsehmacher getroffen, der nicht klüger ist als das Programm, das er vertritt. Es liegt eine gewisse Arroganz darin zu sagen: Das können wir dem Zuschauer nicht zumuten."

Ob ironisch gebrochen oder direkt - auf den schmerzhaften Punkt brachte Willemsen seine wortreichen Ausführung immer selbst: "Das Fernsehen ist ein Medium der Unterforderung. Wer abends nach Hause kommt, der möchte unterfordert werden. Dafür kann man Verständnis haben. Aber man soll nicht unterstellen, dass unser deutsches Leben so anstrengend sei, dass erst der Äthiopier, wenn er nach Hause kommt, wirklich die Muße hat das Auslandsjournal zu sehen."

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Roger Willemsen über Heidi Klum

Es ist nicht so, als hätte Roger Willemsen generell etwas gegen Trash-TV gehabt (siehe Gastbeitrag zum Dschungelcamp). Aber ein Format wollte der Fernsehkritiker partout nicht gutheißen. So brachte er es einmal auf die Titelseite der Bild-Zeitung mit dem folgenden Satz über Heidi Klum: "Da möchte man dann, elegant und stilsicher, wie der Dichter sagt, sechs Sorten Scheiße aus ihr heraus prügeln, wenn es nur nicht so frauenfeindlich wäre."

Übers Ziel hinausgeschossen? Iwo. Im SWR UniTalk legte Willemsen nach, in pointiert-bösartiger Manier. Heidi Klum und Germany's Next Topmodel machten sich schuldig an einer "Schändung des Frauenbildes, was ich habe". Dort werde eine "Verletzung des Begriffs Persönlichkeit" betrieben, "den ich auch dadurch definiere, dass man nein sagen kann, dass man sich verweigert, dass man in dieser Weise Haltung beweist".