Zum Tod von Marie Marcks Die Welt ist eine Karikatur

Die Karikaturistin Marie Marcks ist im Alter von 92 Jahren gestorben.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ihr Humor wird dem Feminismus fehlen: Die große Karikaturistin Marie Marcks hat den Nachkriegsdebatten um Neonazis und Atomkraft die entscheidenden Sprechblasen geschenkt. Nun ist sie mit 92 Jahren gestorben.

Von Gerhard Matzig

Ein Mann steht am Rednerpult. Turmhoch. Mikrofone recken sich ihm entgegen. Er ist engagiert und temperamentvoll. Die geballte Rechte hämmert auf das Pult, der linke Arm ist ausgestreckt, der Zeigefinger deutet ins Publikum. In der Sprechblase lesen wir: " ... es muß endlich SCHLUSS sein mit der Diskriminierung der Frau!" Sehr gut gesagt. Hört, hört!

Aber was sehen wir? Wir sehen, da es uns die Karikaturistin Marie Marcks, die am Sonntag im Alter von 92 Jahren gestorben ist, in Ihrer zarten, fast skizzenhaften und doch vollendet deutlichen Zeichnung sehr klar macht, dass der Mann das Rednerpult nur deshalb so turmhoch überragt, weil er auf dem Rücken einer Frau steht. Einer alten, beladenen Frau. Die Frau ist nackt und stillt ein Kind. Gleichzeitig kocht sie das Essen (für ihn) und tippt etwas in die Schreibmaschine. Vielleicht eine Rede für ihren vielbeschäftigten Mann, den großen Rhetor?

Rhetorischer Blowjob

Übrigens versteckt sich noch eine andere, deutlich jüngere Frau hinter dem Rednerpult. Auch sie ist nackt, auch sie muss von der älteren (Ehe-) Frau ge- oder ertragen werden. Die Junge flüstert von unten, während sie sich seiner Leibesmitte nähert, dem Redner zu: "Du bist wieder fabelhaft!" - eine Art rhetorischer Blowjob.

Die Sonntagsrede zur Diskriminierung von Frauen ist das eine, die Realität der tatsächlichen Diskriminierung das andere: So nackt hat man selten das Problem vor sich gesehen. Und doch wird niemand bloßgestellt. Man kann sogar darüber lachen, auch wenn man sich am Lachen sogleich verschluckt. "M. Marcks" steht unter dem Cartoon, was aber gar nicht nötig wäre, denn es gibt und gab in Deutschland keine Zeichnerinnen oder Zeichner, die mehr getan hätten für die Anerkennung der Frau. Der Feminismus war eines von Marie Marcks bevorzugten Themen.

"Ich habe daran mitgebastelt"

In der Süddeutschen Zeitung, wo sie von 1965 bis 1988 Stamm-Karikaturistin war, widmete sie sich dem Thema mit Verve; aber sie zeichnete auch für den Spiegel, für Brigitte oder die Titanic. Im Interview sagte sie einmal sehr bescheiden: "Ich habe daran mitgebastelt, dass Frauen mehr Anerkennung in der Gesellschaft erhalten. Ein bisschen. Also ... mit ganz vielen anderen ..." Derartige Bescheidenheit ist ganz typisch für sie, und wer sie einmal kennengelernt hat, schlohweiße, kurze Haare, intensiv leuchtende, neugierige Augen, stark und vital, der weiß, dass das ernst gemeint ist. Aber wahr ist es natürlich nicht.

Sie hat nicht an irgendwas mitgebastelt; sie hat die Verhältnisse entlarvend auf den Punkt und den Bleistiftstrich gebracht und mit ihren Zeichnungen erst etwas destruiert (das Gehabe, die Kulisse), um dann etwas daraus zu konstruieren - eine Vision von einer besseren Welt. Eine mit gleichberechtigten Geschlechtern, ohne Atomwaffen und vor allem ohne Neonazis. Dafür mit einer intakten Umwelt. Sie war die Illustratorin der Nachkriegsdebatten in Deutschland - und zugleich die bekannteste deutsche Karikaturistin. Beinahe allein unter Männern. Denn auch die Karikatur ist in Deutschland noch immer eine Männer-Domäne.

Konstrukteurin einer besseren Welt

Als Konstrukteurin einer besseren Welt war sie womöglich auch deshalb so erfolgreich, weil sie, wie viele in der Karikatur, eine Architektur-Ausbildung hinter sich hatte. Das Zeichnen fiel ihr leicht. Geboren 1922 in Berlin, wuchs sie als Tochter eines Architekten und einer Grafikerin und Kunstlehrerin auf. Ihr Onkel war der bekannte Bildhauer Gerhard Marcks. Nach der Schule im Schwarzwald und einer Ausbildung an einer Kunstschule studierte Marie Marcks noch während des Zweiten Weltkriegs ein paar Semester Architektur in Berlin und Stuttgart. Allerdings brach sie das Studium bald ab. Zum Glück. Statt Häuser entwarf sie nun lieber eine ganze Welt. Ohne die Statik der Gesellschaft zu bestätigen. Im Gegenteil: Sie wollte die Welt, wie sie ist, erschüttern. In den Grundfesten - aber auch im Bereich des Zwerchfells. Ihr Humor wird dem Feminismus fehlen.

Dafür bleiben die Bilder: schwarzweiß oder als Buntstiftzeichnung, detailreich, präzise, ökonomisch. Abertausende Zeichnungen müssen das sein. Man fragt sich, wie sie das geschafft hat, als Mutter, teilweise alleinerziehend, von fünf Kindern. "Zwischen 60 und 80 war ich am produktivsten", erzählte sie einmal. Marcks wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem "Göttinger Elch" (2002) und dem "Deutschen Karikaturenpreis" (2008). Vor einigen Jahren erschien im Verlag Kunstmann ihr wunderbares Buch "Niemand welkt so schön wie du. Freud und Leid für Fortgeschrittene". Unter all den Büchern zur Kunst des Älterwerdens ragt dieses Buch heraus. Mehr Freud als Leid für Fortgeschrittene. Nun ist Marie Marcks hinweggeschritten. Das würde traurig machen, wenn man nicht ganz genau wüsste, dass sie Humor und Witz bevorzugte. "Lachen ist eindeutig das, was diese Welt verdient."