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Marie Marcks zum 90.:"Ab heute sagen wir Penis"

Ob es um den Rüstungswettlauf ging, um die sexuelle Befreiung oder den Deutschen Herbst - ihre Stoffe bezog Marie Marcks aus den großen Themenlagen der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit. Vor dem hintergründigen Humor der Karikaturistin war niemand sicher, auch jene nicht, denen die bekennende Feministin und Grüne politisch zuneigte. Nun wird sie 90.

Von Paul Katzenberger

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 04. November 1965

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Quelle: Marie Marcks

Ob es um den Rüstungswettlauf ging, um die sexuelle Befreiung oder den Deutschen Herbst - ihre Stoffe bezog Marie Marcks aus den großen Themenlagen der Bundesrepublik in der Nachkriegszeit. Vor dem hintergründigen Humor der Karikaturistin war niemand sicher, auch jene nicht, denen die bekennende Feministin und Grüne politisch zuneigte. Nun wird sie 90.

Die Vertriebenenproblematik war 20 Jahre nach dem Krieg noch sehr präsent in der deutschen Gesellschaft. Die Opfer der Umsiedlung hatten es in der Bundesrepublik häufig zu bescheidenem Wohlstand gebracht, wohingegen der Lebensstandard in der alten Heimat, in der nun die Sieger des Weltkriegs lebten, weit schlechter war. Den Ressentiments tat das keinen Abbruch, wie Marie Marcks mit spitzer Feder deutlich zum Ausdruck brachte.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 26. September 1968

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Quelle: Marie Marcks

Es gab Zeiten, da hatten die USA den Atomwaffensperrvertrag bereits unterzeichnet, die Bundesrepublik Deutschland hingegen noch nicht. Wie die Rollen zwischen der unangefochtenen Weltmacht USA und der noch nicht vollständig souveränen Bundesrepublik Deutschland in diesem Stadium (zwischen Mitte 1968 und Ende 1969) in Bezug auf diese Frage verteilt waren, fügte die Karikaturistin in eine treffende Bild-Sequenz. Nach wie vor ist der Atomwaffensperrvertrag ein politisch heikles Thema, wie die Diskussionen um die Entwicklung nuklearer Technologien im Irak (Unterzeichnerland) und Nordkorea (Nicht-Unterzeichner) zeigen.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 18. Juni 1970

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Quelle: Marie Marcks

Seit 1954 war der 17. Juni in der Bundesrepublik Deutschland zum Gedenken an den Volksaufstand 1953 in der DDR der "Tag der deutschen Einheit". Mitten im Sommer eine wunderbare Gelegenheit für Müßiggang und Erholung, die 1970 durch die auf Ausgleich bedachte Ostpolitik von Bundeskanzler Willy Brandt aber in Gefahr zu geraten schien, wie Marie Marcks mit maliziöser Phantasie suggeriert. Tatsächlich mussten die Westdeutschen ihren sommerlichen Nationalfeiertag erst 1990 in den Herbst verschieben.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 11. November 1971

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Quelle: Marie Marcks

Ihren letzten atmosphärischen Atombombentest führten die USA im Juni 1963 durch. Wegen der starken Strahlung, die dadurch freigesetzt wurde, verpflichtete sich die Supermacht gemeinsam mit der Sojwetunion und Großbritannien dazu, fortan nur noch unterirdische Tests zuzulassen. Doch auch diese waren nicht ohne Risiko - bei einem solchen Test in Nevada Ende 1970 war die Strahlenmenge sogar so groß, dass die USA sechs Monate auf weitere Tests verzichteten. Den Zwiespalt, im Kalten Krieg Härte zu zeigen, sich aber nicht allzu sehr selbst zu schaden, brachte Marie Marcks in dieser Karikatur des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon zu Papier.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 21. September 1972

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Quelle: Marie Marcks

Nicht erst seit der Bologna-Reform wird in Deutschland über das Bildungssystem gestritten - in den siebziger Jahren galt die Kritik vor allem Schulklassen, die nach den geburtenstarken Jahrgängen in den sechziger Jahren 40 und manchmal mehr Schüler aufwiesen. Gleichzeitig wurde über moderne Bildungsmethoden gestritten: Galt den einen die Mengenlehre als Humbug, der nur verhindern würde, das die Kinder nicht rechnen lernen, waren andere Pädagogen überzeugt davon, die Schüler durch die junge Wissenschaft mit der gefürchteten Mathematik versöhnen zu können. In ihrer Karikatur brachte Marie Marcks beide Aspekte ironisch auf den Punkt.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 26. Oktober 1972

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Quelle: Marie Marcks

Im Herbst 1972 standen CDU und CSU vor einer ungewohnten Herausforderung: Nach Jahrzehnten in der Regierung musste die Union, die ihre Vormachtstellung in der deutschen Politik als quasi naturgegeben betrachtete, erstmals aus der Opposition heraus gegen den populären SPD-Bundeskanzler Willy Brandt in den Wahlkampf ziehen. In ihrer Karikatur nimmt Marie Marcks die Parteivorsitzenden Rainer Barzel (rechts) und Franz-Josef-Strauß auf's Korn, denen damals nicht viel mehr einzufallen schien, als die SPD als völlig ungeeignet für jedwede Regierungsverantwortung hinzustellen. Bei der Bundestagswahl im November 1972 erhielt die Union schließlich erstmals weniger Stimmen als die SPD. Im April des selben Jahres war sie überraschend mit dem ersten konstruktiven Misstrauensvotum in der Geschichte der Bundesrepublik gegen Brandt gescheitert. Heute weiß man, dass Bestechung durch die Stasi im Spiel war.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 12. Mai 1973

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Quelle: Marie Marcks

Die sexuelle Befreiung der sechziger Jahre hatte Auswirkungen auf die Erziehungsmethoden: "Man hatte fast den Eindruck, als ob Vater und Mutter ihre Kinder am liebsten beim elterlichen Beischlaf zusehen lassen wollten, um sie aufzuklären", erinnert sich Marie Marcks. Um diese Haltung aufzuspießen, karikierte die Künstlerin für die Süddeutsche Zeitung einen duschenden Vater im elterlichen Gespräch mit dem Nachwuchs. "Es ist eine meiner Lieblingskarikaturen", berichtet Marcks im Rückblick. Die Pointe der Zeichnung ("Ab heute sagen wir Penis dazu") bekamen die Leser der SZ aber nicht serviert, sie wurde erst bei späteren Nachdrucken der Karikatur wie etwa im Stern 1980 publik. In den frühen siebziger Jahren hingegen erschien der Humor der Zeichnerin den Verantwortlichen der Süddeutschen Zeitung noch zu gewagt. Die Karikatur fand nur in abgeschwächter Form den Weg ins Blatt. "Da war der ganze Witz weg", so Marcks heute.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 11. Oktober 1973

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Quelle: Marie Marcks

Die erste Ölkrise 1973 war eine Reaktion der arabischen Staaten auf den Nahostkonflikt. Die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) nahm den Jom-Kippur-Kriege zwischen Israel auf der einen Seite und Ägypten und Syrien auf der anderen Seite (6. bis 26. Oktober 1973) zum Anlass, die Fördermengen um circa fünf Prozent zu drosseln. Es galt, die westlichen Länder, die Israel unterstützten, unter Druck zu setzen. In der unmittelbaren Folge erhöhte sich dier Ölpreis um etwa 70 Prozent und stieg im Verlauf des folgenden Jahres auf mehr als das Vierfache. Die Bundesrepublik geriet deswegen in eine Rezession und griff zu so radikalen Maßnahmen wie "autofreien Sonntagen". Marie Marcks, für die absurden Seiten des Lebens immer offen, zeigt den Konflikt aus ihren Augen: Der israelische Panzer will vollgetankt werden, um gegen die Freunde des Tankwarts Krieg führen zu können.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 19. September 1974

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Quelle: Marie Marcks

Die Subventionen für die Landwirtschaft führten in der Europäischen Gemeinschaft (EG) in den siebziger Jahren dazu, dass die Erzeugung von Nahrungsmitteln den Bedarf überstieg. Wie alle Abwegigkeiten der damaligen Zeit war auch diese sinnlos erscheinende Überproduktion ein gefundenes Fressen für Marie Marcks und ihre spitze Feder.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 1. März 1975

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Quelle: Marcks

Die Bildungspolitik der SPD-geführten Bundesregierung führte seit 1969 zu einem starken Anstieg der Studentenzahlen - schon bald waren die Hochschulen dem Ansturm nicht mehr gewachsen. Marie Marcks spießte die Problematik auf ihre Art auf.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 29. März 1975

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Quelle: Marie Marcks

Eines der großen politischen Themen der siebziger Jahre war die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs. Unter dem Schlagwort "Mein Bauch gehört mir" wurde der Ruf der Frauen immer lauter, bei einer Abtreibung straffrei zu bleiben. Marie Marcks, die sich ihr Leben lang für die Gleichstellung von Mann und Frau einsetzte, griff die Parole aus Anlass des Osterfestes 1975 auf. Ob sie mit ihrer Karikatur das so genannte starke Geschlecht zum Besten halten wollte, muss die BetrachterIn wohl für sich selbst entscheiden.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 28. Oktober 1976

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Quelle: Marie Marcks

Kaum ein Streitpunkt entzweite die Politik der siebziger Jahre mehr als der Strafgesetz-Paragraph 218. Die Klausel stellte den Schwangerschaftsabbruch damals noch weitgehend unter Strafe, was nach Auffassung der Frauenbewegung zu ändern war.

Um den Frauen und dem Recht des ungeborenen Lebens zu genügen, kam es 1974 zu einer Erweiterung des Paragraphen 218, nach der ein Schwangerschaftsabbruch in den ersten zwölf Wochen nach der Empfängnis straffrei gestellt wurde.

Mit dieser Fristenlösung hatte die Union generell ein Problem, besonders aber das CDU-geführte Bundesland Baden-Würrtemberg, das drei Tage nach der Neuregelung des Paragraphen 218 das Bundesverfassungsgericht anrief - mit der Konsequenz, dass die Gesetzesnovelle in weiten Teilen nicht in Kraft trat. Im Kampf für den Schutz des ungeborenen Lebens tat sich vor allem der baden-württemberigsche Justizminister Traugott Bender hervor - und brachte damit seine Kabinettskollegen in Verlegenheit. Mit seiner forschen Ankündigung, Schwangerschaftsabbrüche auch wegen sozialer Notlagen in Landeskrankenhäusern zu verbieten, diskreditierte er die Stuttgarter CDU-Gesundheitsministerin Annemarie Griesinger, die Frauenverbänden versprochen hatte, dass "in Baden-Württemberg das weitverzweigte, umfassende Angebot geeigneter gynäkologischer Behandlungsmöglichkeiten in Krankenhäusern ausreichen wird".

Der damalige Ministerpräsident Hans Filbinger pfiff seinen Justizchef schließlich zurück, was der Frauenrechtlerin Marie Marcks ganz offensichtlich besondere Wonne bereitete. Genüsslich malte sie sich die - zerplatzten -Träume Traugott Benders aus.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 5. Juni 1975

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Quelle: Marie Marcks

Ein Thema, das inzwischen bei weitem nicht mehr so in der Öffentlichkeit steht wie in den siebziger Jahren: die Lehrerschwemme, der stets ein Lehrermangel folgte, abgelöst wiederum von einer Lehrerschwemme. Im Juni 1975 hatten gerade mal wieder zu viele junge Menschen ihr Lehramtsstudium absolviert (meist animiert durch den Lehrermangel zu Studienbeginn, der einen todsicheren Arbeitsplatz verhieß). Wie es damals um die Befindlichkeit der hoffnungsvollen Absolventen stand, demonstriert Marie Marcks mit einem für sie typischen Augenzwinkern.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 26. September 1977

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Quelle: Marie Marcks

In den siebziger Jahren sah sich die Bundesrepublik durch den Linksterrorismus in einer Weise herausgefordert, die das Land an den Rand einer Staatskrise brachte. Ihren Höhepunkt erreichte die Entwicklung im "Deutschen Herbst" 1977, als zunächst der damalige Arbeitgeber-Präsident Hanns-Martin Schleyer von der Roten Armee Fraktion entführt und wenige Tage später die Lufthansa-Maschine Landshut von palästinensischen Terroristen gekapert wurde. Der Ernst der Lage spiegelt sich auch in der Karikatur von Marie Marcks wieder, die die Situation in einer für sie ungewöhnlich defensiven Weise kommentiert.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 20. Dezember 1979

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Quelle: Marie Marcks

In den späten siebziger Jahren drängten die Baby Boomer der frühen sechziger Jahre als Wehrpflichtige in die Bundeswehr. Es herrschte zwar der Kalte Krieg, aber das noch nicht wiedervereinigte Deutschland hielt sich aus allen militärischen Konflikten dieser Welt heraus. Irgendwann wusste niemand mehr, wie die Rekruten sinnvoll zu beschäftigen waren. Gleichzeitig gab es viel zu viele Offiziere, so dass die Karriere beim Dienstgrad "Major" häufig endete. In dieser Situation machte Marie Marcks einen Vorschlag, den die Frauenrechtlerin wohl nicht ganz ernst meinte.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 29. Januar 1987

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Quelle: Marie Marcks

Acht Jahre nach ihrer Gründung waren die Grünen zu einem Machtfaktor in der Bundespolitik geworden. Schon 1982 hatte der Spiegel als Antwort auf den Übergang der Regierungsverantwortung von SPD/FDP auf CDU/CSU und FDP rot-grüne Visionen genährt, doch das war damals keine realistische Machtoption, wie die Bundestagswahl 1983 eindrucksvoll belegte.

Im Wahljahr 1987 hatte sich bereits einiges geändert: Die Grünen waren 1985 in Hessen erstmals in eine Landesregierung eingezogen - die SPD, von deren Fleische die Grünen in Form von Wählern lebten, musste die veränderte Machtbalance eingestehen. Marie Marcks, die sich schon 1978 vor der Gründung der Partei für die grüne Bewegung einsetzte, erkennt in ihrer Zeichnung die bestehenden Hierarchien an - gerade noch.

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Marie Marcks zum 90.:SZ-Zeichnung vom 14. Mai 1987

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Quelle: SZ

Der Kalte Krieg beherrschte die politische Debatte in den achtziger Jahren: Als Antwort auf sowjetische SS-20-Raketen stationierte die Nato ab 1983 im Rahmen ihres so genannten Doppelbeschlusses Mittelstreckenraketen in Deutschland. Die Diskussion um die Stationierung hatte der Friedensbewegung bereits zuvor viele Menschen zugetrieben. 1987 standen sich die Blöcke dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs mit Waffenarsenalen gegenüber, die ausreichten, die ganze Welt mehrfach zu vernichten. Auch für diese absurde Situation fand Marie Marcks ein treffendes Bild.

© SZ vom 25.8.2012/pak/oklk
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