Ein Nachruf für Steve Jobs "One more thing"

Vom Erfinder zum Revolutionär in Serie

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Harte Jahre für Apple begannen. Nicht für Jobs. Ihm wurde eine Affäre mit der 15 Jahre älteren Country- und Folksängerin Joan Baez nachgesagt, die er angeblich nur deshalb begehrte, weil sie mit Bob Dylan zusammen war. Seine 1978 geborene Tochter wollte er erst nicht anerkennen, dann aber doch. Seit 1991 ist er unspektakulär mit Laurene Powell verheirate, mit ihr hat er drei Kinder. Jobs flirtete vor seiner Ehe mit Künstlerinnen und Buddhismus und Veganismus, aß kein Fleisch, nur manchmal Fisch. Er galt als introvertiert, unberechenbar in seinen Ausbrüchen und schwierig. Manche nannten es Temperament, manche nannten ihn cholerisch. Jobs also irrlichterte rum. Und er hätte sein jugendliches Streunertum wieder aufnehmen können damals, wenngleich auf anderem Level und gepolstert mit der ersten Milliarde Privatvermögen. Das tat Jobs nicht.

Er gründete erst einmal die Computerfirma NeXT, dann auch Pixar. Tat sich mit Disney zusammen - und ging zurück zu Apple. Seinen Konzern, den der Pepsi-Manager, Sculley mit Namen, der dem Playboy 1987 verriet, dass die Sowjets innerhalb von zwanzig Jahren auf dem Mars landen würden, und seine Nachfolger in der Zwischenzeit fast in den Sand gesetzt hatten. Die IBM-Microsoft-Allianz triumphierte über die nur noch im Rückzug befindlichen Apple-Partisanen. Alles ging schief.

Dann kam Steve. Und tat, was gute Feldherren tun. Er umarmte den Feind. Im August 1997 kommt heraus, dass ausgerechnet Microsoft die Firma Apple mit 150 Millionen Dollar stützt und bereit ist, fortan seine überdominante Büro-Software künftig auch für die Macs zu programmieren. Unfassbar. Das war der Tiefpunkt. Seitdem geht es aufwärts mit Apple. Schwindelerregend aufwärts. Das Geheimnis des Erfolgs: Steve Jobs in immer demselben Outfit. Schwarzer Rollkragen-Pullover der Firma St. Croix, blauen Levi's 501-Jeans und New Balance 991 Turnschuhen. Unvergesslich, wie er während seiner hochamt-artigen Sessions, den Keynotes, die Zukunft der Technik in die Gegenwart runterzappte. "Ah", murmelte er am Ende der 2001-Keynote, so, als ob er es fast vergessen hätte, "ich hätte da noch was: One more thing."

Und zog den iPod aus der Tasche, ein Musikabspielgerät, wie es die Welt bis dahin noch nie gesehen hatte. Eines, das Musik über das Internet bezog. Über das Internet? Im Jahr 2001. Dem Jahr, als alle Dotcom-Internet-Geschäftsideen so zerronnen waren wie Apples Aktien in dem Jobs-Interregio? Spinnt der Mann? Nein, tat er nicht. Denn der iPod und das Musikladen waren schön und gut und einfach. Schleicht euch also, ihr Analystengesocks!

Der Erfolg des iPod, dann des iPhone, dann des iPad, alles so wunderhübsch und einfach zu bedienen, dass nun wirklich niemand mehr Angst vor Technik haben musste, ließ Apple durch jede Decke der Ökonomie schießen. Kein Wunder: Apple hatte ungekannte Produkte erfunden, auf die nicht nur die Technikgemeinde, sondern die Hälfte der Menschheit wartete: Frauen, Mädchen, Jung und Alt.

Man muss sich das klar machen: Es gibt viele Hersteller für Küchenzubehör. Manche haben ein besseres Design. Apple unter Steve Jobs und sein Leib- und Magen-Designer Jonathan Ive schufen nicht nur neues Küchengerät. Sie erfanden, dass es lustvoll war, ihre Küche zu betreten und dort nach Gusto zu kochen. Zudem: Wer sich mit dem Apple-Logo auf einem Gerät zeigen konnte, signalisierte avanciertes Hipstertum. Man hatte die richtige Kaufentscheidung getroffen. Falls das jemand für Gesinnung hält. Ja, das ist Gesinnung in Zeiten schönsten Technologie-Designs.

Im Jahr 2004 erwischte es Jobs. Dem Schoßkind des Glücks, dem bis dahin alles immer nur gelungen war, setzte ein Krebs zu, der ihn fast das Leben gekostet hätte. Er begann, immer dünner zu werden, die von ihm gehaltenen Keynotes wurden seltener, seine Stimme kam nun per Mail und Verlautbarung immer häufiger aus dem Off. Gerüchte um seinen Gesundheitszustand ließen Apples Börsenkurse wackeln. Denn ohne Steve läuft alles schief. Sein Vermächtnis nach Personal Computer und Vernetzung ist jetzt die iCloud, quasi der reine Geist des Digitalen.

Vor den Absolventen der Stanford-Uni hat Jobs auch über den Tod gesprochen, seinen und den der Menschen: "Niemand will sterben", hat er da gesagt, "Sogar die Menschen, die in den Himmel kommen wollen, wollen dafür nicht sterben. Und doch ist der Tod das Schicksal, das wir alle teilen. Und so soll es auch sein: Der Tod ist wohl die mit Abstand beste Erfindung des Lebens. Er ist der Katalysator des Wandels. Er räumt das Alte weg, damit Platz für Neues geschaffen wird." Das mag sein, aber das Neue ist nicht immer das Bessere und oft ist es nur anders. Einer wie Jobs wird also dringend gesucht. Seit dem 5. Oktober aber tanzt Steve unter diamantenem Himmel. Ganz leicht und vermutlich mit einer freien Hand winkend.

Ein Nachfolger ist nicht genug

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