Ein Nachruf für Steve Jobs Er kam, den Menschen die Angst zu nehmen

Er war der verhaltenste Derwisch unseres Computer- und Internetzeitalters. Was er anfasste, wurde schön. Und schlau. Steve Jobs zappte die Zukunft in die Gegenwart und nannte sie "one more thing". Unfassbar. Auch, dass er tot ist. Ein Nachruf.

Von Bernd Graff

Obwohl er ebenso als der "Visionär" und "Vordenker", als der "Stilgott" und "Performer" galt, ein wenig selbstverliebt vielleicht und ein wenig zu herrisch, war Steve Jobs zuerst und vor allem das große Kind mit seinem großen Traum. Gut wollte er sein, nein der Beste auf seinem Gebiet. Und sein Metier war, die Welt für die Menschen schöner zu machen. Und einfacher.

Steve Jobs wurde nur 56 Jahre alt. Zum Schluss war er so abgemagert, dass er nur noch aus reinem Geist und sanft blickenden Augen zu bestehen schien, die weise lächelnd, immer noch weise lächelnd auf die Welt schauten. Seine Welt. Denn Jobs, der verstoßene Wiederkehrer und schließlich unnachahmliche Retter der amerikanischen Computerfirma Apple, hat mit seinen Produkten, Ideen und kaum für möglich gehaltenen Allianzen dem, was man das Digital Age nennt, das digitale Zeitalter, eine Gestalt gegeben.

Wo vorher hospitalgraue Rechenknechte im Dienst von Tabellenkalkulation und Rechtschreibprüfung standen, öffnete Jobs den Menschen das digitale Universum, um sie darin reden, hören und schauen zu lassen. Steve Jobs war, der Vergleich ist jetzt mal gestattet, der Bob Dylan der digitalen Welt: ein eigensinniger, manchmal unverstandener Poet, immer geradlinig, auch wenn man oft nicht wusste, wohin seine Reise mit uns geht. Und das war auch sein Lebensprogramm.

Im Jahr 2005 hat der da schon erkrankte Jobs vor Stanford-Studenten gesprochen und ihnen geraten: "Wenn Sie in die Zukunft blicken, können Sie nicht erkennen, wo Zusammenhänge bestehen. Das wird erst in der Rückschau möglich. Das heißt, Sie müssen darauf vertrauen, dass sich die einzelnen Mosaiksteinchen in Ihrer Zukunft zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Sie müssen auf etwas vertrauen - Ihr Bauchgefühl, das Schicksal, das Leben, Karma, egal was. Denn der Glaube daran, dass sich irgendwann die einzelnen Mosaiksteinchen zusammenfügen werden, gibt Ihnen die Zuversicht, dem Ruf Ihres Herzens zu folgen. Auch wenn der Sie abseits der ausgetretenen Wege führt - aber das macht den Unterschied."

Unterschiede machen: Rückblickend erscheint er wie der Chronist unseres vernetzten Lebens. Eines Lebens, auch der Vergleich ist jetzt gestattet, denn man hat allen Grund zu trauern, das er getanzt wissen wollte, wie Dylans Mr. Tambourine Man tanzt: "Yes, to dance beneath the diamond sky with one hand waving free." Klar, Steve Jobs war ein Hippie. Ist er immer geblieben, auch wenn er einer Vorliebe für klassische und klassisch designte Mercedes-Cabrios wie antike BMW-Motorräder frönte. Eine Maschine stand sogar in seinem Wohnzimmer. Zuletzt fuhr er einen silbernen 2008 Mercedes SL 55 AMG. Soll er ja auch.

Denn in die Wiege gesungen war ihm sein seit Jahrzehnten Onkel-Dagobert-hafter Reichtum wahrlich nicht. Die Forbes-Liste der reichsten Menschen des Planeten taxierte ihn im März des Jahres auf 8,3 Milliarden Dollar Privatvermögen. Er hat faktisch bei null angefangen, denn Jobs war das zur Adoption freigegebene Kind eines mittlellosen syrischen Immigranten und einer Logopädiestudentin. Seinen weltberühmten Allerweltsnamen Steven Paul erhält er von den reizenden Adoptiveltern, die in den lieblichen "Apricot Orchards" Kaliforniens leben. Man wird sie später in Silicon Valley umtaufen, jedenfalls in gewissen hochtechnisierten Kreisen. Steve besucht die High School in Cupertino. Dort wird einmal der Firmensitz von Apple sein, das kann aber der Schüler, der in den Ferien bei Hewlett-Packard jobbt, noch nicht wissen.

Bei HP lernt Jobs übrigens Steve Wozniak kennen, einen Parade-Nerd der ersten Stunde. Mit ihm und einem weiteren Kumpel, dem wesentlich älteren Ronald Wayne, wird Jobs am 1. April 1976 die Firma Apple gründen. Wayne steuert dazu wenig mehr als die Gebrauchsanweisung für den ersten Apple-Computer, den Apple I, und das erste Apple-Logo bei. Ein Kupferstich-Logo übrigens und zum Steinerweichen: Newton, schlecht, aber romantisch gestochen, sitzt unter einem Apfelbaum, wartet wohl, dass der Apfel fällt. Zehn Prozent der Firma Apple gehören Wayne. Er wird seine Anteile nur zwölf Tage nach ihrer Gründung für 800 Dollar wieder verkaufen, um einen Briefmarkenladen zu eröffnen. Hätte er seine Anteile behalten, wäre er heute über 35 Milliarden schwer. Nun gut, so waren die Zeiten damals. Konnte ja keiner ahnen. Denn niemand bewegte auf einer Fläche nichts.

Trauer in Apfelgrün

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