Zum Tod des Schriftstellers J. D. Salinger Einer, der die Welt nicht brauchte

Hinterher wird ihm der "Fänger im Roggen", der im Jahr 1951 erschien, dreißig Wochen lang auf der Bestsellerliste der New York Times stand und dann allmählich zu einem dauernden Welterfolg heranwuchs, ein wenig peinlich gewesen sein, weil er da zu viel von sich preisgegeben hatte, nämlich dass er am liebsten Kind wäre, ein Kind, das der Welt aber durch seine schiere Naivität widerstehen kann.

"The Catcher in the Rye" - "Der Fänger im Roggen" war Salingers erfolgreichstes Werk. Danach publizierte er kaum noch.

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Nach erwachsener Vorstellung regrediert dieser Holden, er will nicht erwachsen werden, er setzt die Mütze falsch herum auf, träumt zu viel und glaubt schon alles zu wissen. Aber in diesem Märchenbuch kann das gar nicht anders sein.

Es gab ihn fast nicht mehr

Und nicht nur, weil es Schullektüre ist (in den Vereinigten Staaten wurde das Buch, seiner Flüche wegen, bis in die achtziger Jahre hinein immer wieder von den Leselisten genommen), haben sich davon bis heute 65 Millionen Exemplare verkauft. Verfilmt worden ist es indessen nie, obwohl sich berühmte Regisseure darum bewarben. J. D. Salinger wollte nicht, wohl nicht zuletzt, weil der einzig mögliche Darsteller für Holden Caulfield sein Autor gewesen wäre.

Holden träumt sich weit weg von New York und Weihnachten und Schule und allem, irgendwohin, wo "die Leute mich nicht kannten und ich keinen kannte". Von dem Geld, das er vielleicht an der Tankstelle verdienen könnte, "würde ich mir irgendwo eine kleine Hütte bauen und für den Rest meines Lebens dort wohnen". Eine Frau, "ein schönes Mädchen", müsste dabei sein, am besten taubstumm, "und wenn sie was zu mir sagen wollte, müsste sie es auf einen verfluchten Zettel schreiben".

Und so geschah es.

Salinger zog sich vom Ruhm zurück und wurde noch berühmter dadurch, dass es ihn fast nicht mehr gab. Es folgten noch ein paar Geschichten, "Franny und Zooey" (1961) vor allem und "Hebt den Dachbalken hoch, Zimmerleute" (1963). Aber dann war Schluss mit dem Publizieren.

Da sein Verschwinden zusammenfällt mit dem Auftauchen von Thomas Pynchon, dem anderen großen Geheimnisvollen der amerikanischen Literatur, wurde der Jüngere manchmal für den Älteren gehalten. "Ich habe", schreibt Seymour aus der Glass-Familie in sein Tagebuch, "ich habe an meinen Händen Narben von der Berührung bestimmter Menschen." Und dem ging Salinger seit fünfzig Jahren aus dem Weg. Er wurde das, was Tucholsky einen "aufgehörten Schriftsteller" nannte. Allem Vernehmen nach ergab er sich dort oben in seiner Einsiedelei in New Hampshire vom Buddhismus bis zur Orgon-Therapie mit Eigen-Urin-Verkostung jedem kurrenten Blödsinn.

Er mauerte sich ein, ließ sich von niemandem ansprechen, verklagte jeden, der seine alten Geschichten noch einmal neu herausbringen wollte. Er brauchte die Welt nicht.

Der Traum vom Verschwinden im Wort

In seiner Einsiedelei hat Salinger einen Traum verwirklicht, den vor ihm Hölderlin und Robert Walser geträumt haben: das Verschwinden im Wort. Einer zeitweiligen Geliebten zufolge - und solche gab es, mehr als eine - schrieb er zwar jeden Tag mehrere Stunden, überarbeitete das Geschriebene, legte es ab, nahm es beizeiten wieder vor, schrieb neu, schrieb um, und wollte es um keinen Preis mehr veröffentlichen, nicht jedenfalls zu Lebzeiten. "Ich schreibe wirklich gern", ließ er die Welt draußen wissen, "aber ich schreibe nur für mich, zu meinem Privatvergnügen". So wurden Autor und Leser allmählich eins. Vielleicht gibt es diesseits des Wahnsinns keine reinere Existenzform.

Ein Autor geht aber nie ganz und gar verloren, denn es gibt ja seine Bücher. Anders als J. D. Salinger waren seine Bücher immer zu haben. Es gilt noch immer das schlichte Wort, das einst an Augustinus erging: Nimm und lies!

Dieser Tag ist besser als jeder andere, um damit anzufangen: Lies alles von Salinger, was du kriegen kannst. Es ist nicht viel, keine fünfhundert Seiten zusammen, aber es ist das ganze weiße finstere traurige schöne Amerika des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts.

Am Donnerstag ist Jerome David Salinger im Alter von 91 Jahren in Cornish im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire gestorben.

Der Leser hat seinen größten Beschützer verloren.