Zürcher Poetikvorlesung Wie Saša Stanišić seine Heimat erfindet

Der deutsch-bosnische Autor Saša Stanišić bei der Verleihung des Preis der Leipziger Buchmesse 2014.

(Foto: dpa)

Als Jugendlicher floh er aus Bosnien nach Deutschland: Der Autor Saša Stanišić erzählt in Zürich von seiner Lust am Abschweifen. Und macht klar, dass er kein Balkanschriftsteller sein will.

Von Karin Janker

Ein Was-Wäre-Wenn steht im Raum, als Saša Stanišić am Donnerstagabend die erste seiner drei Poetikvorlesungen im Zürcher Literaturhaus hält: "Wären die Zustände 1992 so restriktiv gewesen wie an den EU-Außengrenzen heute, hätte die Flucht meiner Familie in Ungarn geendet und ich heute keine Poetikdozentur." Thema seines Vortrags ist der Begriff "Heimat", die "rätselhafte Verschränkung von Orten", als die Stanišić ihn begreift. Der Schriftsteller und Träger des Preises der Leipziger Buchmesse 2014 legt seine Vorlesung als Erzählung an. Und erzählen, das kann er. So gut, dass nachher der Büchertisch leergekauft sein wird.

"Heimat" spielt für Stanišićs Schreiben, das implizit und explizit aus seiner Biografie schöpft, eine zentrale Rolle. Schließlich kam er selbst als Flüchtling aus Bosnien nach Deutschland, wenige Tage bevor es in Rostock-Lichtenhagen brannte. Gastgeberin Frauke Berndt, Germanistin an der Universität Zürich, lenkt in ihrer Einführung denn auch den Fokus auf die aktuelle politische Lage, die Frage nach dem Umgang mit Geflüchteten und der eigenen Betrachterposition, "wenn wir ertrunkene Kinder wie Treibgut am Strand liegen sehen".

Stanišić lässt sich auf diesen politischen Subtext ein, erzählt aber - so ist es ja auch gedacht - vor allem über sein Erzählen. Dabei nutzt er die Vorlesung listig, um die Zuhörer in eine seiner doppelbödigen Geschichten zu verstricken, wie man sie aus seinen Romanen "Wie der Soldat das Grammofon repariert" (2006) und "Vor dem Fest" (2014), aber auch aus vielen Erzählungen in seinem jüngsten Band "Fallensteller" (2016) kennt.

"Ich glaube, das war gerade ein echter Stanišić!"

Es bereitet Stanišić sichtlich Vergnügen, sich beim Erzählen forttragen zu lassen. Und so bezeichnet er die Abschweifung kurzerhand als "zentrales poetologisches Element" seines Schreibens. Im Sinne einer Wahrnehmung, die von Ablenkung und Überforderung durchkreuzt wird, passt das gut zur Achronologie der Gegenwart. Und Stanišić, der inzwischen knapp 14 000 Tweets im Kurznachrichtendienst Twitter abgesetzt hat, weiß, wovon er spricht, wenn er die Ablenkung zu seinem Movens erklärt.

Das Format der Poetikvorlesung, das im Wesentlichen darin besteht, einem studierenden und kulturinteressierten Publikum seine Arbeit zu erklären, konterkariert er durch Selbstironie: "Gekleidet in den Schatten der Bäume", liest er vor und unterbricht er sich selbst: "Ich glaube, das war gerade ein echter Stanišić!" Sein erzählerisches Projekt erläutert er in einer halb autobiografischen, halb fiktionalen Geschichte über den Ort Oskoruša in den bosnischen Bergen. Die Geschichte spielt - abgesehen von ihren Abschweifungen - auf einem Friedhof. Man findet sie so ähnlich in Stanišićs Erstling.

Aber der Autor versteht es, an diesem Abend aus der Anekdote tatsächlich so etwas wie eine Poetologie seines Heimatbegriffs heraus zu schürfen. Heimat ist "die Zugehörigkeit zu Dingen, für die man nichts kann". Auch deshalb ist der Grabstein seines Urgroßvaters der Boden seiner Verwurzelung.

Heimat bedeute für ihn, irgendwo geboren zu werden und "dort nicht mehr sein zu können". Diesen Ort eignet er sich an, indem er ihn erfindet, und nennt ihn sein "Dort, während ich erzähle". Hat man Stanišić einmal reden gehört, kann man Stanišić nicht mehr lesen, ohne ihn zu hören. Er verlängert seine Sätze fortlaufend, im Vortrag wie in seinen Büchern, als würden sie sich teleskopstockartig auseinanderschieben und zu Geschichten verlängern. Geschichten, die Wurzeln schlagen.

Doch Stanišić ist auf der Hut vor heimeligen Klischees. Er entlarvt sie, noch während er sie skizziert. Enden auf dem Balkan, sagt er einmal, seien eben so: "hart und slawisch". Sagt es, wiederholt es und korrigiert sich: "Das Slawentum ist doch kein Damenhut." Herkunft allein mache keine Expertise - ein Seitenhieb auf jene Literaturkritik, die ihn immer wieder zum Balkanschriftsteller machen wollte.

In Heidelberg kam Stanišić in ein Wohnprojekt, "bei dem mit Beton nicht gegeizt wurde"

Seine Herkunft spielt aber für Stanišić wohl oder übel — er sagt: "als Fluch oder Talent" — immer wieder eine Rolle. Etwa, dass er als 14-Jähriger mit seinen Eltern aus Višegrad nach Heidelberg floh, in ein Wohnprojekt, "bei dem mit Beton nicht gegeizt wurde". Die Orte schieben sich in seiner Biografie wie in seinem Schreiben übereinander. Heute sagt der 39-Jährige, das Erzählen sei ihm Selbstvergewisserung angesichts des Krieges, den er damals erlebte: "Solange ich erzähle, gibt es mich da." Dieses "Da" erschafft er sich selbst.

Dabei romantisiert er nicht, bewahrt Vergangenes, Kindheitserinnerungen, Weggefährten nicht nur, sondern dichtet wie ein Kind Neues hinzu. Manchmal, gibt er zu, lasse er die Fiktion in der Realität wildern, wie letztens, als er einem Journalisten ein Interview gab, in dem er ein paar Erfindungen über seinen Vater untergebracht hat. Als wäre einem die eigene Biografie unheimlich.

Vielleicht macht genau das Stanišićs Poetik zu Weltliteratur, dass dieser Autor auf die oft gestellte Frage "Woher kommst du? Also, gebürtig?" mit nicht nur einer, sondern vielen Geschichten antwortet. In deren Verquickung wird "Heimat" zu einem höchst unwahrscheinlichen Ort, der in der Imagination, in vielen Imaginationen beheimatet ist.

Mit Saša Stanišić ist gut Träume pflücken

Mit seinem hinreißend schrägen Erzählungsband "Fallensteller" zeigt sich Saša Stanišić abermals als großer Zauberkünstler der jüngeren deutschsprachigen Literatur. Von Christopher Schmidt mehr ...