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Belletristik:Mit Saša Stanišić ist gut Träume pflücken

'Fallensteller' - Sasa Stanisic

"Fallensteller" von Saša Stanišić, Fallensteller. Erzählungen. Luchterhand Literaturverlag, München 2016. 288 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 15,99 Euro.

(Foto: dpa)

Mit seinem hinreißend schrägen Erzählungsband "Fallensteller" zeigt sich Saša Stanišić abermals als großer Zauberkünstler der jüngeren deutschsprachigen Literatur.

Die Nummer mit der zersägten Jungfrau gehört zum Standardrepertoire der Zauberkunst. Seltener kommt es dagegen vor, dass der Jungfrauen zersägende Zauberer zugleich Inhaber eines Sägewerks ist, oder zumindest Mitinhaber wie Ferdinand Klingenreiter, besser: Freddie, der Famose; Freddie, der Fantastische, so sein Künstlername. Seit fünfzig Jahren ist er im Sägewerk der Familie angestellt, aber das Geschäft hat er seinem Bruder überlassen, der erneuern wollte, investieren, "entwurmen". Freddie ist immer schon lieber "Kirschen und Träume pflücken gegangen".

Nun, mit 77 Jahren hat er zum ersten Mal selbst Hand angelegt im Sägewerk und sich "eine Kiste für eine Große Illusion" gebaut, "eine Kiste für die Kunst". Eine Betriebsfeier steht bevor, und endlich soll seine Stunde schlagen, will er der Welt beweisen, was seine wahre Berufung ist: die Zauberei.

Hanno Buddenbrook lässt grüßen

Glühend vor Lampenfieber und Angst, sich wieder mal einzunässen, wartet Freddie auf seinen großen Auftritt, doch sein Neffe, der seit dem Tod des Bruders die Fabrik leitet, will sich ihm nicht als Freiwilliger aus dem Publikum zur Verfügung stellen. Für ihn springt dessen Sohn Felix ein, auch er einer, der eine künstlerische Ader hat, aus der Art geschlagen ist - ein weitläufiger Verwandter von Hanno Buddenbrook. Und wenn wir schon bei Thomas Mann sind, darf dessen Novelle "Mario und der Zauberer" nicht unerwähnt bleiben. Wie diese ist auch die Auftakterzählung von Saša Stanišićs Band "Fallensteller" eine Künstlerparabel. Sie handelt von der Magie des Schreibens, bei dem es wie beim Zaubern nicht darum geht, "was ich mache", sondern darum, "was ihr nicht seht, was ich mache". Es geht darum, wie man den Wörtern die Schwere nimmt. Programmatisch hat Stanišić diese Geschichte an den Anfang seines Sammelbandes gestellt, als erzählerische Einführung in seine Poetologie des Kirschen- und Träumepflückens. Und mit diesem Autor ist wahrlich gut Träume pflücken.

Literatur Wir fahren übern See, übern See
"Vor dem Fest" von Saša Stanišić

Wir fahren übern See, übern See

Mit seinem Roman "Vor dem Fest" über ein Dorf in der Uckermark ist Saša Stanišić für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert - so komisch-traurig sah die deutsche Provinz noch nie aus.   Von Lothar Müller

"Fallensteller" ist selbst so eine magische Kiste, in die Saša Stanišić allerlei Wunderdinge und literarische Zauberkunststücke hinein gelegt hat, aber schon auch manchen übrig gebliebenen Krimskrams. So ist die Titelerzählung eine Fortschreibung seines Romans "Vor dem Fest", für den Stanišić 2014 den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat, und das längste Stück des Bandes. In diesem Bonus-Track schildert der Autor, wie es nach dem Fest weiterging in Fürstenfelde, dem Schauplatz seines, "uckermarkerschütternden" Dorfromans.

Der titelgebende Fallensteller ist ein Mann, der sich um allerhand Plagen kümmern soll, um Problemwölfe und vandalistische Keiler, um Ratten und am besten auch gleich noch um die Neonazis. Aber der wahre Fallensteller und fidelste Rattenfänger ist der Autor selbst, der sich als "verweichlichter Jugo-Schriftsteller" in den Text geschmuggelt hat. Stanišić versteht sich darauf, Schlingen und falsche Fährten auszulegen, um seine Leser einzufangen. Mit seinem Lausbuben-Charme hat er den Literaturbetrieb gründlich um den Schlingelfinger gewickelt - ein unwiderstehlicher Trickster und Hütchenspieler, bei dem einem der Sascha aus dem Kinderlied in den Sinn kommt, das ja vielleicht auch noch heute an den Montessori-Schulen gesungen wird und in dem es heißt: "Konnte hoch im Bogen spucken, / Und auch mit den Ohren zucken."