Wettbewerb der Berlinale 2013 Wenn die Jugend abrupt endet

Der Berlinale-Film "Youth" zeigt, wie die Sorglosigkeit in Israel mit 18 Jahren abrupt endet.

(Foto: OneTwoFilms)

Regisseur Tom Shoval erzählt in seinem ersten Film "Youth" von einem Israel jenseits der Nahost-Konflikthäppchen in der "Tagesschau". Er beschreibt eine Jugend, die statt zu Partys in den Krieg zieht. Der israelische Film ist der Geheimtipp der Berlinale.

Von Thorsten Schmitz, Berlin

Tom Shoval steht im Foyer des Kino International und weiß nicht, wohin mit seinen Händen. Gleich wird er etwas über seinen ersten Film sagen. Das Kino ist ausverkauft, 551 Sitzplätze, und an der Kasse drängen noch immer Berlinale-Besucher, die hoffen, dass die Platzanweiser freie Plätze entdecken. Sein Film ist der Geheimtipp auf der Berlinale. Dann wird Shoval ans Mikrofon gerufen. Er ist so nervös, dass er auf die Leinwand zurennt. Sein Leben spielt sich gerade in einer Geschwindigkeit ab, die ihm den Atem nimmt.

Shoval stammt aus Petach Tikva, einer armen Stadt bei Tel Aviv. Da gibt es keine großen Kinos, aber Shoval liefert den Beweis, dass von dort großes Kino kommen kann. Der 1981 geborene Regisseur und Autor, der an der Sam-Spiegel-Filmhochschule in Jerusalem lehrt, ist an diesem Abend überwältigt - von sich selbst. "Mein Leben", sagt er tags drauf in einem Berliner Restaurant, "ist gerade wie ein Film." Ein Film, in dem er die Hauptrolle spielt.

Am Abend, bei der Filmpremiere, gewinnt er das Publikum für sich mit Wärme: "Danke, dass Ihr alle gekommen seid. Ich würde Euch jetzt gerne alle umarmen!" Alle lachen, applaudieren. Er sagt dann noch: "Ich hoffe, mein Film geht Euch unter die Haut." Augenblicke später setzt kalte, laute Metal-Musik ein, dass die Ohren dröhnen, und weiße Buchstaben auf schwarzem Hintergrund tauchen auf: "Youth".

Mit 18 Jahren endet die Jugend

Jugend. Das ist in Israel ein Mantra, dem alle verfallen. Ein Zustand der Glückseligkeit, der mit 18 abrupt endet: Dann ziehen Jungs und Mädchen ins Militär. Dann ist (erstmal) Schluss mit Partys, dann wird die Waffe umgeschnallt, die Macht verleiht. In seinem Film, der vom Saarländischen Rundfunk und von Arte koproduziert worden ist, zeigt Shoval junge Soldaten, die ihre Waffenmacht missbrauchen.

Sein Film schafft, was auch der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev mit ihren Büchern gelingt: Von einem Israel zu erzählen jenseits der Nahost-Konflikthäppchen in der "Tagesschau". Ein ganz normales Israel, in dem die Menschen ihre Arbeit und ihren Lebensmut verlieren, ein Israel, in dem die Mittelklasse verarmt, ein Israel, in dem man nach iPods giert und Schüler auf Spielplätzen kiffen. Seit zwei Jahren protestieren Israelis gegen steigende Lebensmittelpreise und Mieten. Regierungschef Benjamin Netanjahu hat zwar versprochen, neue Wohnungen bauen zu lassen, und er hat die Benzinpreiserhöhung zurückgenommen. Er hat auch die Wahl gewonnen, aber er hat sie auch verloren: Denn die Überraschung der Wahl ist Yair Lapid, ein charmanter TV-Moderator, dessen "Es gibt eine Zukunft"-Partei auf Anhieb zur zweitstärksten Fraktion ins Parlament gewählt wurde. Lapid will die Kluft zwischen Arm und Reich zu schließen.

Die Verzweiflung treibt die Brüder zu der Wahnsinnstat

Shovals atmosphärisch dichter Film zeigt, wie die Verzweiflung die Brüder Yaki und Shaul dazu treibt, mit einer wahnwitzigen Idee die Wohnung der Eltern behalten zu können. Die können den Kredit nicht mehr abzahlen, seit der Vater arbeitslos ist. "Ohne Geld bist du nichts", sagt er im Film. Moshe Ivgy spielt ihn, einer der besten Charakterdarsteller Israels. Die Brüder wollen nicht nichts sein. Sie wollen die Welt retten - die eigene und die ihrer Eltern.

Wochenlang folgt Shaul einer Mitschülerin, nach Unterrichtsende bis zu ihr nach Hause, um auszuchecken, wo sie sich am besten entführen lasse. In größenwahnsinnigem Übermut kidnappen die Jungs das Mädchen - doch alles geht schief. Vor allem: Erreichen sie deren Eltern nicht, die, weil Schabbat ist, nicht ans Telefon gehen. Alles hat der Film, 90 Minuten lang: Spannung, Traurigkeit, den Humor von Quentin Tarantino und eine Wucht, die beweist: Die emotionalsten Filme kommen zur Zeit aus Israel, nicht mehr aus Hollywood.

Tom Shoval sitzt in einem Berliner Restaurant, das iPhone im Blick. Die Party nach der Vorführung war lang. Um drei Uhr war er erst im Hotel. Er hat seinen Bruder mitgebracht, Dan, der ihn auf seine Erfolgstour nach Berlin begleitet. Zwischen Tom Shoval und seinem Bruder Dan liegen vier Jahre, aber Tom Shoval sagt: "Wenn wir nicht im Kontakt sind, fehlt mir was." Die Beziehung der beiden ist auch Motivation gewesen für die Filmbrüder Yaki und Shaul. Und noch etwas, sagt er und nippt am Espresso, sei so anders, wenn man jung und 18 Jahre alt ist: "Du denkst, du könntest die Welt ändern, wenn du jung bist. So denken auch die Brüder in meinem Film."

Shoval zeigt deren symbiotische Beziehung. Morgens stehen sie zu zweit vor der Kloschüssel. Wenn sie wütend sind, boxen sie auf sich ein. Wenn sie trauern, ringen sie, als klebten sie aneinander. Im wahren Leben sind die Darsteller von Yaki und Shaul (David und Eitan Cunio) keine Schauspieler, sondern Soldaten. Shoval hat sie in einem Kibbuz gefunden. Für ihre Rollen haben sie monatelangen Schauspielunterricht genommen - und die Einberufung in die Armee verschoben.

Tom Shoval kann den Auftritt auf der Berlinale noch nicht richtig fassen: "Wir laufen auf roten Teppichen wie Hollywoodstars, wir werden in schwarzen Limousinen von Aufführung zu Aufführung gefahren, es ist alles wie im Traum."

Von seinem Traum kriegen Shovals Eltern gerade nichts mit. Die Eltern leben bis heute in Petach Tikva. Bis vor ein paar Monaten hat der Vater noch in der Anzeigenabteilung der Zeitung Maariv gearbeitet, dann hat man ihm gekündigt. Seine Eltern sind nicht nach Berlin gekommen, um ihren Sohn in Rampenlicht zu sehen.

Warum nicht? Tom Shoval schaut seinen Bruder Dan an und sagt: "Auch aus finanziellen Gründen."