Wettbewerb der Berlinale 2013 In eine andere, aber nicht bessere Welt

Als Alvin einmal erzählt, er sei manchmal zu unmöglichen Dingen imstande, und als Lance von seiner beinahe hellseherischen Intuition beim Abschleppen von Mädchen spricht, ist klar, dass die beiden Straßenarbeiter tatsächlich Superhelden sind, "last men on earth". Sie suchen nach etwas, das ihnen entspricht, nach einer ihrer Größe angemessenen Superhelden-Welt. Irgendwann wird vielleicht mal jemand einen Comic über sie machen, überlegen sie sich am Ende. Genug Farbe, mit der sie hier die Straße und vieles andere bemalen, haben sie schon mal aufgetragen.

Auch in einem anderen Wettbewerbsfilm, "Harmony Lessons" des kasachischen Regisseurs Emir Baigazin, geht es um einen Rückzug von dieser Welt, um eine andere, wenn auch nicht bessere zu machen. Der Film spielt mitten in der Gesellschaft, zeigt den Mikrokosmos eines Gymnasiums auf dem Lande, wo die blanke Gewalt regiert: eine kriminelle Bande von Oberstufenschülern terrorisiert und erpresst alle anderen. Die Hauptfigur, der dreizehnjährige Aslan (Timur Aidarbekov), wird immer mehr in diese dunklen Machenschaften und Intrigen hineingezogen, bis er schließlich sogar einen Mord begeht. Gleichzeitig schafft sich der stille, beinahe autistische Außenseiter mit dem unbewegten, aber durchdringenden Ausdruck in den Augen zu Hause ein noch viel grausameres, immer ausgetüftelter werdendes Folter- und Hinrichtungssystem - für Insekten. Heuschrecken werden von ihm lebendig entbeint, auf elektrische Stühle gespannt oder Leguanen zum Fraß vorgeworfen.

Während Alvin und Lance also immer noch davon träumen, sich wieder mit der Welt zu verbinden, schafft Aslan einfach mit aller Gewalt eine andere, in der er der absolute Machthaber ist. Wenn man etwa ein Insekt dabei beobachtet, wie es, angelockt von Marmelade, eine Stromleitung entlangkrabbelt, bis es zu einer tödlichen Stelle gelangt, und wenn man dann Aslans durchdringenden Blick auf das herabfallende tote Tier sieht, dann ist es, als hätte er durch Telekinese getötet, so als würde er jetzt schon die Superkräfte besitzen, von denen Alvin und Lance nur phantasieren können.

Wo also Gordon Greens Handkamera in Erwartung einer kommenden Zeit der neuen Mythen und Superkräfte noch zu zittern begann, wo seine Figuren mitten im Farbenrausch noch davon träumen durften, einmal in die Vignetten eines Comics eingezeichnet zu werden und in ein verlorenes Königreich einzugehen, da sind Baigazins Einstellungen schon einen grausamen Schritt weiter. Seine streng akribisch komponierten Bilder, in denen allerhand Fensterrahmen, Schultafeln und Türen die Rahmung hervorheben, zeigen einen kleinen absolutistischen Fürsten, der bereits in einem ganz und gar von ihm kontrollierten Reich angekommen ist: der Comic-Held in seiner Vignette, mitten in seiner neuen, schrecklichen Welt.

Aus Prinz Avalanches unsichtbarem Königreich ist bei Baigazin ein allzu wirklicher, widerlich glitzernder und blinkender Ort namens "Happylon" geworden, eine Spielhölle, die das Glück verspricht und es dabei grausam verhöhnt.