Verschwörungstheorien Lenin und sein jüdischer Urgroßvater

Es war ein strikt gehütetes Geheimnis in der Sowjetunion: Lenin hatte jüdische Vorfahren. Na und? Dabei könnte man es bewenden lassen, doch dies war und ist Stoff für Verschwörungstheorien - ein neues Buch klärt jetzt kundig auf.

Von Michael Brenner

Es gibt irrelevante Fragen, auf die man relevante Antworten finden kann. Der Chicagoer Historiker Yohanan Petrovsky-Shtern hat dies in seinem jüngsten Buch erfolgreich bewiesen. Im Grunde genommen ist es für den Gang der Geschichte völlig gleichgültig, ob Lenin einen jüdischen Urgroßvater gehabt hat oder nicht. Wäre er Ire oder Italiener gewesen, so wäre dies kaum mehr als eine Fußnote in einer biographischen Studie wert gewesen.

Da aber eine der Lieblingsbeschäftigungen von Verschwörungstheoretikern die Suche nach Beweisen für den jüdischen Charakter der Weltrevolution ist, kommt Moschko Blank, dem jüdischen Urgroßvater Lenins, größere Bedeutung zu als seinen deutschen und schwedischen Urgroßelternteilen.

Petrovsky-Shtern beantwortet in dieser kurzen und wichtigen Studie fünf Fragen: Wie sah die Welt des Schtetls Starokonstantiniv aus, in dem Moschko Blank groß wurde? Wer war jener Moschko Blank? Wie war Lenins Stellung gegenüber den Juden? Wie ging die sowjetische Führung mit der "Entdeckung" von Lenins jüdischem Ahnen um? Und wie bedienen sich die rechtsextremen Autoren der Gegenwart dieser "Entdeckung"?

Moschko Blanks Geschichte allein gäbe genügend Material für einen unterhaltsamen Roman zur russisch-jüdischen Gesellschaft in der Mitte des 19.Jahrhunderts. Er verpachtete Felder, erwarb landwirtschaftliche Produkte zum Weiterverkauf und handelte in seinem kleinen Laden im ukrainischen Starokonstantinov mit Wein und Wodka. 1803 wird gegen ihn von der jüdischen Gemeinde erstmals Anklage erhoben: Er habe Stroh gestohlen und seine Kunden betrogen. Es folgen schlimmere Anklagen, die darin bestanden, dass er am Pessach-Fest statt den erlaubten Fruchtwodka richtigen, aus Getreide gewonnenen Wodka verkauft habe, der an diesem Feiertag, wie gesäuertes Brot und alles gegärte Getreide, verboten ist.

Auch nach seinem Umzug in die große Provinzstadt Schitomir wird Moschko Blank in den Dokumenten als streitbarer Zeitgenosse dargestellt, der seinen eigenen Sohn nach einer Auseinandersetzung ins Gefängnis bringen ließ, sein Vermögen verlor und sich weitere Grabenkämpfe mit Nachbarn, Geschäftspartnern und der jüdischen Gemeinde lieferte.

Entfremdung von der jüdischen Religion

Diese Konflikte besiegelten wohl nur die bereits vorher erfolgte Entfremdung Blanks von der jüdischen Religion und der Gemeinde, der er angehörte. 1844 schließlich, nach dem Tod seiner Frau, trat er zur russisch-orthodoxen Kirche über und nahm den Namen Dimitri Ivanovich Blank an. Seine beiden Söhne Abel und Jisroel waren bereits lange vorher, im Jahre 1820, konvertiert, um als Dimitri und Alexander Blank in St. Petersburg Medizin studieren zu können.

Vladmir Ulanov sah seinen fünfzig Jahre vorher zum Christentum konvertierten Großvater Dr. Alexander Blank einmal in seinem Leben, als er zwei Monate alt war. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Lenin als Erwachsener davon wusste, dass sein Großvater vor seinem sechzehnten Lebensjahr der jüdischen Gemeinschaft angehört hatte, geschweige denn, dass dies irgendwelche Spuren in seiner Biographie hinterlassen hätte.

Als Lenins Schwester Anna nach seinem Tod 1924 Materialien für seine Biographie zusammentrug, entdeckte sie voller Überraschung ihren jüdischen Urgroßvater Moschko Blank. Sie stieß jedoch bei der Parteiführung auf Widerstände, ihre Funde veröffentlichen zu dürfen. Zunächst wandte sich der Direktor des Instituts für Parteigeschichte, Lev Kamenev, gegen eine Veröffentlichung. Sie versuchte es später bei Stalin mit dem Argument, die Entdeckung könne dem um sich greifenden Antisemitismus Einhalt gebieten, stieß dabei jedoch ebenso auf Granit. Breschnew und Gorbatschow verhielten sich bei ähnlichen Anfragen genau so. Die Archivalien wurden beiseitegeschafft, die Archivare, die die Information preisgeben wollten, bestraft. Lenins jüdischer Urgroßvater wurde zu einem der bestgehüteten Staatsgeheimnisse der Sowjetunion. Und zu einem Mythos, der später von rechtsradikalen Elementen eifrig benutzt wurde.

Es gab mehrere Motive für die Verheimlichung. Trotz des internationalen Charakters der kommunistischen Bewegung gewannen russisch-nationalistische Elemente unter den Bolschewiken bald an Bedeutung. Lenin galt als der "russische" Revolutionär par excellence. Zudem fürchteten führende Parteifunktionäre, dass die Mär von der jüdischen Weltverschwörung neue Nahrung erhalten könne, wenn neben Trotzki, Kamenew und Sinowiew nun auch noch jüdische Wurzeln Lenins bekannt würden.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geschah genau dies: Extrem nationalistische Kreise, die gerne die Protokolle der Weisen von Zion als wahre Münze nahmen, bezeichneten nun Lenin als Juden, nannten ihn Blank und sahen ihn als Teil einer jüdischen Weltverschwörung. Das jetzt erschienene, wichtige kleine Buch, dem eine deutsche Übersetzung zu wünschen wäre, kann dem Leser keinen jüdischen Lenin liefern, denn diesen gab es niemals. Es informiert aber sehr gut über den Umgang mit dem Thema Judentum in der Sowjetunion und den antisemitischen Kreisen in Russland heute.

YOHANAN PETROVSKY-SHTERN: Lenin's Jewish Question. Yale University Press, 201 0. 224 Seiten, ca. 31 Euro.