Uwe Tellkamp So dämonisiert man selbst Gartenzwerge

Der Schriftsteller Uwe Tellkamp sieht in Deutschand einen "Gesinnungskorridor" erwünschter und geduldeter Meinungen.

(Foto: picture alliance / Sebastian Kah)

Sich wegen rechter Positionen vom Autor Uwe Tellkamp zu distanzieren, ist überflüssig. Denn nur im Alltag des dauernden Streits lassen sich Kränkungen, Schrecken und Ängste kleinarbeiten.

Kommentar von Jens Bisky

Gut 700 Menschen folgten am Donnerstagabend der Einladung des Dresdner Kulturhauptstadtbüros zu einer Diskussion über Meinungsfreiheit. Zwei Dresdner Dichter diskutierten, Uwe Tellkamp und Durs Grünbein. Die Sächsische Zeitung, deren Chefreporterin Karin Großmann das Gespräch moderierte, hat eine Aufzeichnung des Abends veröffentlicht. Gut zwei Stunden dauert das Video. Es ist ein aufschlussreiches Dokument der Gereiztheit und der Ratlosigkeit in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit.

Uwe Tellkamp, der seine Leser noch immer auf die Fortsetzung seines Erfolgsromans "Der Turm" aus dem Jahr 2008 warten lässt, gab sich als Mann starker Meinungen. 95 Prozent der Migranten, sagte er, wanderten in die Sozialsysteme ein, sie würden nicht vor Krieg und Verfolgung fliehen. Es gebe in Deutschland einen "Gesinnungskorridor" erwünschter und geduldeter Meinungen. Seine Ansichten seien nur geduldet. Würden sie geäußert, habe das Konsequenzen: "Die Autos, die abgefackelt werden, sind nicht auf der linken Seite." Anlass für die Diskussion war die "Charta 2017", die im vergangenen Jahr vor einer "Gesinnungsdiktatur" warnte. Nach den Handgreiflichkeiten auf der Frankfurter Buchmesse, nach den Protesten gegen den Antaios-Verlag hatte die verdiente Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen die auch von Tellkamp unterschriebene Charta initiiert.

Wer an die zahlreichen Anschläge auf Linke erinnert, ist in der Aufrechnungsfalle gefangen

Ein Leitmotiv Tellkamps war die Verachtung, die in vielen Kommentaren den Ostdeutschen, den Sachsen, den Dresdnern entgegenschlägt. Aber muss man sich davon zum Klischee-Ossi machen lassen? Es war der Part Durs Grünbeins, für eine angemessene, nicht alarmistische Beschreibung der Wirklichkeit zu werben. Der Verleger Götz Kubitschek dagegen - sein Antaios-Verlag fungiert als Schnittstelle zwischen Identitärer Bewegung, Pegida, AfD und anderen Initiativen mehr - sagte in der Diskussion, er sei dafür, "dass der Riss noch tiefer wird, dass die Sprache noch deutlicher wird".

Deutlich wurde an diesem Dresdner Abend, dass es um unvereinbare Interpretationen der Wirklichkeit geht. Wer Tellkamp zu Recht an die zahlreichen Anschläge auf Linke erinnert, ist schon in der Aufrechnungsfalle gefangen. Der Hinweis, dass die vielen Beispiele für moralisierende Abwertung anderer Ansichten selber moralisierend vorgetragen wurden, und dass diese Beispiele, der Formel von den angeblich einstimmigen "Mainstreammedien" zum Trotz, sämtlich aus allgemein zugänglichen Medien stammen, wird das Unbehagen nicht beruhigen. Wer sich öffentlich äußert, muss damit rechnen, dass ihm widersprochen wird. Das öffentliche Gespräch gleicht weder einem Seminar noch Salongeplauder. Es lebt nicht allein von Fakten und Argumenten, sondern auch von repräsentativen Auftritten. Positionen werden markiert, Gegner attackiert, verspottet, kritisiert. Wer das abschaffen will, schafft die öffentliche Debatte ab - und erzeugt Stickluft oder Belanglosigkeit. Tellkamp verlangte Respekt, aber Wertung, Spott, Widerspruch, Angriff, Prüfung der Fakten sind die Formen, in denen öffentlich Respekt erwiesen wird.

Dass der Suhrkamp-Verlag sich auf Twitter von seinem Autor distanziert hat, war überflüssig. Falsch ist es, dass Studenten und Beschäftigte der Literaturinstitute Hildesheim, Leipzig, Wien den Ausschluss "rechter Verlage" von der Buchmesse fordern. Wenn dies nicht willkürlich und nach Hörensagen geschehen soll, sondern nach Regeln, in überprüfbaren Verfahren, müsste man eine Verlagsprogrammprüfungskammer einrichten. Und wie sollte die mit den großen Publikums- und Wissenschaftsverlagen verfahren, die relevante, sehr unterschiedliche "rechte" Autoren wie Schmitt, Heidegger, Jünger, Céline verlegen?

Ausschluss dämonisiert selbst Gartenzwerge. Es darf mehr Gespräche wie das in Dresden geben. Nur im Alltag des dauernden Streits lassen sich Kränkungen, Schrecken, Ängste kleinarbeiten.

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