Urheberrecht Nixen-Streit

Fotos der Kleinen Meerjungfrau können teuer werden. Das hat gerade die dänische Politikerin Mette Gjerskov erfahren.

Von Silke Bigalke

Die dänische Politikerin Mette Gjerskov gilt als "Twitter-Königin", hat einen Blog, ein Facebook-Profil und teilt im Netz, was sie kann. Ausgerechnet ein dänisches Wahrzeichnen ließ sie dabei nun an Grenzen stoßen. In ihrem Blog, den die Sozialdemokratin für den Fernsehsender TV2 schreibt, sinnierte sie zum neuen Jahr über Dänemarks Einfluss im Ausland. Ein Motiv, das alle Welt mit Dänemark verbindet, sollte den Beitrag schmücken. Die Redaktion wählte ein Foto der Kleinen Meerjungfrau, die als Bronzestatue an Kopenhagens Hafenpromenade sitzt.

Das Foto brachte dem Blog tatsächlich internationale Beachtung ein. Denn als Mette Gjerskov ihn auf Facebook verlinkte, lehnte das Netzwerk das Bild wegen zu viel nackter Bronzehaut ab. Gjerskov fand das "ziemlich komisch". Es handele sich um ein nationales Symbol, kein sexuelles, schrieb sie in ihrer Beschwerde. Facebook nahm das Verbot zurück, und Gjerskov teilte über Twitter Reaktionen aus Großbritannien, Taiwan und der Türkei auf ihren Nixen-Streit. Das Foto hatte TV2 da längst aus dem Blog entfernt. Nicht wegen Facebook, sondern aus Urheberrechtsgründen.

Fotos der Kleinen Meerjungfrau, die der Künstler Edvard Eriksen vor mehr als hundert Jahren in Bronze goss, sind für dänische Medien seit Langem heikel. Eriksens Nachkommen sind bekannt dafür, Rechnungen zu verschicken, wenn jemand die Statue unerlaubt abbildet. In Dänemark gilt zwar wie auch in Deutschland, dass man Gebäude und Kunst in öffentlichen Raum fotografieren darf, auch wenn sie urheberrechtlich geschützt sind. In Dänemark sind jedoch Fotos ausgenommen, auf denen das Kunstwerk im Mittelpunkt steht und die gewerblich genutzt werden. TV2 hätte früher wissen können, dass Eriksens Erben penibel darauf schauen. Wegen dieser Regel sieht man die berühmte Statue nicht einmal auf der zugehörigen dänischen Wikipedia-Seite, auf der deutschsprachigen dagegen schon.

Zum 100. Geburtstag der Statue vor zwei Jahren veröffentlichte die dänische Tageszeitung Politiken einen langen Online-Artikel über das Dilemma der Redaktionen, wenn es um die Meerjungfrau geht. Das Bild zum Text war an der Stelle unkenntlich gemacht, an dem die Nixe auf ihrem Stein sitzen sollte. Es sei "etwas grotesk", dass man so vorsichtig sein müsse, wenn man das wohl meistfotografierte Motiv Kopenhagens redaktionell nutzen wolle, zitierte Politiken den Vorsitzenden des Verbands für Pressefotografen Lars Lindskov. Die Zeitung Berlingske erinnert zum Jubiläum an eine saftige Rechnung: 10 000 dänische Kronen musste sie zahlen, als sie die Statue 2005 für eine Tourismusgeschichte abgebildet hatte. Eine Ausnahme von der Regel besteht bei nachrichtlichen Geschichten, doch viele Medien sind verunsichert. Als etwa der Bürgermeister von Seoul 2014 verkündete, dass er sich eine Version der Statue für seine Stadt wünsche, wählte Politiken für den Bericht lieber ein Foto, auf dem Touristen als Nixe posieren.

Über dem Blog von Mette Gjerskov steht nun ein Bild der dänischen Flagge. Einer Legende zufolge ist das rot-weiße Tuch bei der Schlacht von Lyndanisse (Tallinn) 1219 in Estland vom Himmeln gefallen. Nun könnten höchstens noch die Esten Ansprüche wegen ihres Blogs stellen, scherzt die Politikerin auf Facebook.