Umstrittene Biografie über Joseph Beuys Bauernschlauer Umgang mit Tatsachen

Frisierte Daten, geflunkerte Anekdoten, skandalöses Geschwätz: Mit seinem unbescheiden betitelten Wälzer "Beuys. Die Biographie" hat Hans Peter Riegel in den Feuilletons der Republik einen Streit vom Zaun gebrochen. Riegels Heiligen-Entzauberung des genialischen Künstlers ist durchaus berechtigt, an manchem Punkt liegt der Biograf aber falsch.

Von Georg Imdahl

Würde Joseph Beuys heute noch leben wie sein Altersgenosse und ehemaliger Düsseldorfer Akademie-Kommilitone Günter Grass, die Nachfragen zu seinen Erinnerungen, Erklärungen und Verklärungen in eigener Sache fielen sicher bohrender aus als zu seinen Lebzeiten - so jedenfalls mutmaßte Beat Wyss vor einigen Jahren in seiner Polemik "Der ewige Hitlerjunge".

Kaum ein Künstler des 20. Jahrhunderts konnte seinen Interpreten so erfolgreich so viel an Sage und Legende, an privater Mythologie einflüstern wie der Erfinder des "erweiterten Kunstbegriffs".

Entsprechend anspruchsvoll stellt sich die Herausforderung dar, die Figur zu erfassen, schließlich hat Beuys nicht nur ein komplexes genialisches Œuvre hinterlassen, sondern neben einer faktischen Biografie auch eine selbstgestrickte, parallel-fiktive Vita, die er "Lebenslauf/Werklauf" nannte.

Sein berühmtestes autobiografisches Phantasma war die "Tatarenlegende", ein poetisches Traumbild über seinen Abschuss auf der Krim im Kriegsjahr 1943. Dieser hatte sich wirklich zugetragen, allerdings anders als von dem Künstler später weitergegeben.

Mit Fett und Filz das Leben gerettet

Als Faktum hatte Beuys einst die Fiktion jener Nomaden lanciert, die ihn nach dem Abschuss zwölf Tage lang fürsorglich und liebevoll mit Fett und Filz gewärmt und ihm damit das Leben gerettet hätten: Krieg als künstlerischer Initiationsritus. Doch war der Navigator und Bordfunker, der sich für zwölf Jahre bei der Wehrmacht verpflichtet hatte, in Wahrheit mit einer Gehirnerschütterung glimpflich davongekommen.

Schon 1980 hatte Benjamin Buchloh als eine der damals sehr wenigen kritischen Stimmen der Beuys-Rezeption, eine deutsch-typische Verdrängung hinter dem Tataren-Märchen vermutet.

Seither wurde das Husarenstück dieser Erzählung verschiedentlich auseinandergenommen - wie jetzt auch noch einmal in Hans Peter Riegels dickleibigem, nicht eben bescheiden betiteltem Wälzer "Beuys. Die Biographie".