"Über Pop-Musik" von Diedrich Diederichsen Mehr als Musik

Miley Cyrus im November 2013 bei einem Auftritt in Los Angeles - zur Abwechslung mal ohne Hot-Dog.

Diedrich Diederichsen stellt in seinem Buch "Über Pop-Musik" die großen Fragen: Wer ist da am Werk? Wo kommt das her? Was hat das mit Kunst zu tun? Und was können wir hoffen?

Von Jens-Christian Rabe

Weil der Boulevard das Bild gerade ins Hirn gebrannt hat, muss es damit losgehen: Miley Cyrus, der leitende weibliche Popstar dieser Tage schwebt - mit sehr blondierten kurzen Haaren, einer Art Glamour-Cowgirl-Bikini, Glitzer-Stiefeln und einem knallgelben Langhaar-Flokati-Mantel - über Publikum auf einem riesigen, gesattelten Hot Dog. Zwischen ihren nackten Beinen befindet sich also ein überdimensionales längliches Softbiss-Brötchen und eine gigantische rote Wurst. Ja, ja. Tja.

Ceci n'est pas un hot-dog? Doch, doch oder vielmehr: Es kommt darauf an. Also darauf, ob man zu den Menschen gehört, die hier womöglich einen famosen Zeichenschauer wittern - oder eben zu denen, die nur eine Pop-Sängerin auf einem, nun ja, übergroßen Hot-Dog-Modell sehen. Wer sich zu ersteren zählt, dem sei hiermit das heute erscheinende Buch "Über Pop-Musik" des berühmtesten und berüchtigsten deutschen Poptheoretikers Diedrich Diederichsen ohne Umwege empfohlen. Es gibt jetzt ein Nachdenken über Pop-Musik vor und ein Nachdenken über Pop-Musik nach diesem Buch. Wahrscheinlich muss man es noch allgemeiner fassen: Wer in Zukunft über Pop-Kultur nachdenken oder auch einfach nur wissen will, was in der lauten Welt da draußen, der wir alle nicht wirklich entkommen können, eigentlich los ist, der sollte dieses Buch gut kennen.

Wer sich zu den abgekochteren Beobachtern von Miley Cyrus rechnet, der dürfte es mit dem Buch, obwohl es im Vergleich zu anderen Werken dieses Autors ungleich fokussierter geschrieben und thematisch wohlgeordnet ist, schwerer haben. Also so schwer wie mit den allermeisten der Tausenden von Artikeln, Rezensionen, Aufsätzen und Büchern, die es von diesem Autor zur Pop-Musik seit Ende der Siebziger Jahre gibt. Der Grund dafür ist einfach, aber er hat noch gar nichts damit zu tun, dass Diederichsen nicht immer von jedem gleich verstanden werden wollte (wegen seiner Qualitäten als Kryptologe wird er ebenso leidenschaftlich verehrt wie geringgeschätzt, aber dazu später noch ein Wort).

Was "Über Pop-Musik" für die meisten vielmehr zu schwerer Kost machen dürfte, ist die Tatsache, dass es trotz allem - trotz der vielen Pop-Professuren auf der ganzen Welt, trotz einer akribischen Popkritik, trotz Autoren und Denkern wie Nik Cohn, Lester Bangs, Greil Marcus, Jon Savage, Simon Frith oder eben Diedrich Diederichsen - noch immer keine Selbstverständlichkeit ist, über Popmusik tatsächlich so ernsthaft, anspruchsvoll und voraussetzungsreich nachzudenken.

Wie oft passiert so etwas schon? Eigentlich nie.

Genau genommen ist diese Art des Nachdenkens bei älteren Künsten zwar auch kaum verbreiteter. Man ist sich nur über deren intellektuelle Satisfaktionsfähigkeit einiger. Allerdings stillschweigend und deshalb nicht immer aus den richtigen Gründen. Abgesehen davon, sind Literatur, Klassische Musik, Bildende Kunst natürlich ein paar Jahre älter als Popmusik, weshalb entscheidende diskursive Grundlagen schon ein paar Jahre länger gelegt sind.

Man muss an dieser Stelle so grundsätzlich werden, weil nun Diedrich Diederichsen mit "Über Pop-Musik" eben genau das getan hat, er ist grundsätzlich geworden: Er hat das Buch vorgelegt, das neben die bekannten Künste eine neue Kunst stellt. Und zwar nicht einfach nur als freche, popistische Behauptung (solchen Manövern verdankt der frühe Diederichsen seinen Ruhm), sondern als akribische Argumentation, die begründungstheoretisch eigentlich keine Wünsche offen lässt. Wie oft passiert so etwas schon? Eigentlich nie.

Dass "Über Pop-Musik" übrigens gerade auf der Short-List für einen der beiden wichtigsten deutschen Sachbuch-Preise, den Preis der Leipziger Buchmesse, steht, ist deshalb mehr als verdient. Manch andere der jüngsten großen Geschichten des Pop, eben erschien etwa "Yeah Yeah Yeah - The Story of Modern Pop" des britischen Musikers Bob Stanley oder Karl Bruckmaiers "The Story of Pop", sind näher an der Gegenwart, andere beherzter erzählt, besser geschrieben. Diederichsens Buch ist jedoch nicht einfach nur SEIN Opus Magnum es ist wirklich EIN Opus Magnum. Ein echtes ideengeschichtliches Ereignis.