TV-Kritik: "Mascerade" Softeis für Softies

Jetzt stehen die Hampelmänner vor Gericht: Wer Detlef D! Soost in der Juryshow "Mascerade" sehen musste, reibt sich immer noch verzweifelt die Augen.

Von Christian Kortmann

Zuerst dachte man, man hätte sich vergriffen und hielte statt der Fernsehzeitschrift das Programm der Volkshochschule, Sommersemester 2009, in Händen: ein "Mascerade"-Abend, an dem sich Menschen freiwillig verkleiden, um Softeis nachzuspielen, das wurstig-schaumig aus der Maschine quillt, das konnte doch keine ernstgemeinte Unterhaltungsshow von Pro Sieben zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr sein!

Würden sich nie verbiegen lassen: "Mascerade"-Jury-Mitglieder Senna, D! und Moderatorin Engelhardt.

(Foto: Foto: Pro Sieben)

Nein, ruhig Blut, alter Junge, es handelte sich wohl um ein Entspannungstraining für die, die ganz tief drinnen Kind geblieben sind, auf einer Good-Vibrations-Frequenz irgendwo zwischen karibischem Trommeln und Schlafyoga.

Oder war es eine öffentliche Gruppentherapie für Detlef D! Soost, der dem Ganzen als Chefjuror vorstehen sollte und als "Popstars"-Mentor zu autoritär-besinnungslosen Ausbrüchen im Stile eines Bootcamp-Kommandanten neigt?

Assoziationen mit erwachsenem Entertainment führen in die Irre

Was auch immer es war, es lief dann am Dienstagabend tatsächlich im Fernsehen. Die, die es gesehen haben, werden heute einander daran erkennen, dass sie sich nervös die Augen reiben, um die homöopathisch lobotomierenden Bilder fortzuwischen: "Mascerade - Deutschland verbiegt sich", heißt die neue Show von Detlef Soost, dem Meister Proper der schockierenden Scharaden.

Der Titel wird möglichst superamerikanisch "Messkähräjt" ausgesprochen, was an den Achtziger-Jahre-Qualitätsthriller "Masquerade" mit Rob Lowe und Kim Cattrall erinnert. Doch halt!, alle Assoziationen mit erwachsenem Entertainment führen vollkommen in die Irre.

Bei "Mascerade" kreieren Menschen alleine oder in Gruppen mittels Kostümen und verdunkeltem Hintergrund optische Täuschungen auf der Bühne. Nach dem Improvisationstheater à la "Schillerstraße" entdeckt das Fernsehen nun ein weiteres Varietégenre neu.

Das analoge Imitieren digitaler Effekte ist in Internetvideos zwar ein alter Hut, doch was im Fernsehen trotzdem charmant sein könnte, scheitert an Dilettantismus und Harmlosigkeit: So stellten Kinder eine Pizza dar, wofür viel buntes Textil verbaut und fleißig trainiert wurde.

Auf dem Schulfest wäre das sicher eine tolle Nummer für die Verwandtschaft, als unbeteiligter Fernsehzuschauer fühlte man sich für debil verkauft: Ich hätte mich nicht gewundert, wenn um 21:15 Uhr eine Pflegerin den Fernseher ausgeschaltet und mich zu Bett gebracht hätte.

Noch nie passte eine Show so gut in einen zehnsekündigen Schnelldurchlauf, in dem man nichts vermisste. Charlotte Engelhardt war die perfekte "Mascerade"-Moderatorin. Man fragte sich nur, ob auch sie maskiert war und wen oder was sie eigentlich darstellte: War sie vielleicht ein fransig-kecker Wischmopp, der zwischen den Hunderten geschminkten und verkleideten "Mascerade"-Teilnehmern mit einem Schuss Grinsereiniger feucht durchwischte?

Ein weiterer Tiefpunkt der Casting- und Juryshows

"Mascerade" markiert einen Tiefpunkt der Casting- und Juryshows. Mittlerweile scheint es den Machern egal zu sein, was sie vor dem Geschmacksgericht darbieten lassen. Da sitzt dann Monrose-Sängerin Senna in der Jury, findet, eine "Idee" sei "der Hammer" und eine "Choreo übertrieben geil". Hauptsache, man kann Punkte vergeben und Kandidaten ins Finale oder nach Hause schicken.

Auch der Gastjuror Klaas Heufer-Umlauf, ein Name wie die neueste Innovation auf dem Landmaschinensektor, zeichnete sich als Casting-Erntehelfer durch effizienten Juryphrasen-Dresch-Umlauf aus.

Dann war da noch - als kandidierte er für einen Buchtitel von Oliver Sacks - der Mann, der mit blaugeschminktem Gesicht und einem kleinen Snowboard unter der Nase so tat, als würde er in der Halfpipe einer Wassermelonenscheibe Snowboard fahren. Auch für ihn fand die Jury lobende wie tadelnde Worte.

Demnächst wird man in Castingshows wohl um die Wette häkeln wie einst Yoko Ono oder das gute alte Topfschlagen reanimieren. Das spielt auch meine Pflegerin immer mit mir, wenn ich nach dem aufregenden Fernsehgucken nicht einschlafen kann. Also dann: "Kalt - noch kälter - warm - wärmer - heiß - Softeis!"

"Mascerade - Deutschland verbiegt sich", dienstags, 20:15 Uhr, Pro Sieben