Deutscher Filmpreis Lola brennt

Ob über die hautengen Paillettenkleider der Moderatorin, die eigene Größe oder das Fehlen Bernd Eichingers - es wurde viel geweint beim Deutschen Filmpreis in Berlin. Ausgezeichnet: Filme aus den Brennpunkten Familie und Integration.

Eine kleine Nachtkritik von Daniela Otto

Was hatten sie sich alle lieb in dieser Nacht im und am Friedrichstadtpalast: Kleider und Haare wehten im Wind - und was in der deutschen Filmszene derzeit Rang und Namen hat, küsste und lobte sich. Moderatorin Barbara Schöneberger war ganz offensichtlich nicht mehr schwanger, sondern Mama. So stand bei der diesjährigen Lola-Preisverleihung alles im Zeichen der Familie. Nur einer fehlte, und das unglaublich: Bernd Eichinger, der Übervater.

Meer, immer Meer

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Das Unsichtbare war sehr spürbar in diesem Jahr, zur 61. Verleihung des Deutschen Filmpreises in Berlin, der mit insgesamt fast drei Millionen Euro dotiert ist. Und damit ist nicht nur der Exbabybauch der Moderatorin gemeint, sondern auch die Absenz Eichingers, dessen Geist über allem schwebte und den Scheinwerferlicht-erhellten Himmel ein wenig verdunkelte. Vielleicht weil ein ganz Großer fehlte, musste die deutsche Film-Familie ein wenig näher zusammenrücken. Die Emotionen waren jedenfalls deutlich zu spüren, viele tapfere Tränchen quollen nicht nur bei den Preisträgern hervor.

Die Familie im Mittelpunkt

Und so gewannen am Ende auch Filme, die das Thema Familie groß zeigen: 'Vincent will Meer' siegte in der Königsklasse und wurde mit der goldenen Lola ausgezeichnet. Der Film erzählt die Geschichte eines am Tourette-Syndrom erkrankten jungen Mannes, der eigentlich nur geliebt werden will, vor allem von seinem Vater. Für die authentische Darstellung dieses Parts wurde Florian David Fitz außerdem mit der Lola für die beste männliche Hauptrolle ausgezeichnet. Das Originaldrehbuch selbst geschrieben, war der Film ohnehin sein Baby. Die Niederkunft ist geglückt - alle haben es lieb.

Bei so viel Geburtsfreude ging der Nebenkategorieabräumer 'Poll' (beste männliche Nebenrolle für Richy Müller, beste Kamera/Bildgestaltung, bestes Szenenbild, bestes Kostümbild) fast ein bisschen unter.

Hauptsache, Heike Makatsch bemerkte in ihrer Laudatio die "nette Stimmung" im Saal: Die silberne Lola und den Preis für das beste Drehbuch gewann die Tragikomödie "Almanya", die mit einer Geschichte über den 1.000.0001. türkischen Gastarbeiter in Deutschland das Thema Integration von der heiteren Seite aufrollt. Der Film zeigt: Man muss nicht immer nur darüber streiten und Sarrazin-Mienen verziehen, man kann sich auch die Hand reichen und lächeln. Die "heilsame, menschenfreundliche Kunst" auf sich wirken lassen, wie Wim Wenders sagte. Und zu einer globalen Familie zusammenrücken.

Ein neuer Preis

Zur großen Regisseurenrasselbande gehört auch Tom Tykwer, der vor 13 Jahren seine Lola noch rennen ließ, sie jetzt aber nur noch einsammeln muss. Drei Auszeichnungen, Beste Regie, Bester Schnitt und die Lola für die beste weibliche Hauptrolle an Sophie Rois gingen an seine Version eines Beziehungsdreiecks, das im Grunde die Frage stellt: Sind wir nicht alle ein bisschen bi? Tolerant, versöhnlich und harmoniebedürftig wie wir im Sinne des Abends sind, sagen wir dazu einfach mal ja. Tykwer nannte seine Arbeit liebevoll einen Familienfilm. Vater ist er darüber geworden. Und seine prämierte Hauptdarstellerin Sophie Rois wird in diesem Film auch noch schwanger. Das will einfach nicht aufhören.

Und doch, aller Geburten, Schwangerschaften und Familienzusammenführungen zum Trotz, kam auch dieser Abend zu einem Ende. Und das war Bernd Eichinger gewidmet. Einen neuen, nach ihm benannten Preis soll es geben. Schon im nächsten Jahr soll er vergeben werden. Es wird also weitergehen, ohne ihn, und doch im Gedächtnis an ihn. "Wir machen es gemeinsam richtig", wusste Ehrenpreisträger Wolfgang Kohlhaase zu verkünden.

Nur die Moderatorin wirkte wieder einmal einen Tick zu aufgekratzt. Ihren Auftakt als schwebende Diskokugel zierte sie mit Schwangerschaftswitzchen und der zum ermüdenden Running-Gag werdenden Selbstkommentierung ihres Outfits, das enger kaum sein konnte: "Thomas Gottschalk könnte das nicht tragen" oder "In jedem engen Kleid steckt eine Frau, die heraus möchte." Angekündigt hatte sie sich mit einem schrillen "Ich bin's, die Babsi!" - und der Zuschauer erinnerte sich müde, vom Tausendpailettenfunkeloverkill geblendet: Wo Schöneberger drauf steht, ist auch Schöneberger drin.