"Tschiller: Off Duty": Tatort im Kino Männer, Mähdrescher

Tschiller: Off Duty

(Foto: Warner Bros Ent.)

In "Tschiller: Off Duty" verlegt Til Schweiger den Hamburger "Tatort" ins Kino und versucht sich als James-Bond-Kopie.

Von Katharina Riehl

Til Schweigers gute Freunde von der Bild-Zeitung, die sein Gesamtwerk als "Tatort"-Ermittler Nick Tschiller seit längerem äußerst wohlwollend begleiten, haben am vergangenen Sonntag schon einmal die Fallhöhe der anstehenden Debatte festgelegt. Über Schweigers Kino-Spin-Off der öffentlich-rechtlichen Fernsehreihe "Tatort", seinen Film "Tschiller: Off Duty", schrieb die "Bild am Sonntag": "Dieser Schweiger ist so gut wie Bond."

Das war eine deutliche Ansage an all die Kostverächter in diesem Land, von denen der Schauspieler und Produzent Til Schweiger sich seit Jahren schwer missverstanden fühlt. Ihnen allen also sollte gesagt sein: Der Film ist ein Knaller, Schweiger der deutsche 007, und die vergleichsweise schlechten Einschaltquoten der beiden Tschiller-"Tatorte" Anfang des Jahres in der ARD sowie Schweigers Ausrufezeichen-Erguss bei Facebook ("Kompromisslos, atemlos, viril, phantastisch für das schmale Geld (. . .) Mit allen Schwächen, die dieser Tatort hatte, ist er der bahnbrechendste seiner Art!!!"): Sie waren ein schnell zu vergessendes Missverständnis.

Seit Götz Georges Schimanski ist der suspendierte LKA-Ermittler Nick Tschiller die erste "Tatort"-Figur, deren Massentauglichkeit im Kino getestet wird, und bevor hier jetzt der tatsächliche James-Bond-Faktor ermittelt werden soll, muss noch einmal kurz die Vorgeschichte zu "Tschiller: Off Duty" erzählt werden. In den beiden "Tatort"-Episoden "Der große Schmerz" und "Fegefeuer", die Das Erste Anfang Januar zeigte, kämpfte Tschiller gegen den Großverbrecher Firat Astan, der nicht nur ganz Hamburg in einen Kriegsschauplatz verwandelte, sondern auch noch Tschillers Exfrau und die gemeinsame Tochter entführte; die Exfrau erschoss er später sogar.

Und weil Nick Tschiller natürlich nicht einfach brav ermittelte und verhaftete, sondern am Ende mit einer Panzerfaust bewaffnet durch die Hansestadt zog, wurde er vom Dienst freigestellt. Lange genug, um zwischendurch im Kino und ohne Beamtenstatus viele böse Menschen umzulegen; kurz genug, um danach wieder ins Fernsehen und zum LKA zurückkehren zu können.

Die gebührenfinanzierte ARD hat ihrem Star Til Schweiger eine sehr breite Brücke vom Fernsehen ins Kino gebaut: Die TV-Ausstrahlung der Vorgeschichte platzierte man kurz vor dem Kinostart des von Schweiger mitproduzierten Films, der NDR investierte ein "Tatort"-Budget in das Kinospektakel, den Bösewicht ließ man am Ende des Fernsehfilms davonkommen, so dass der Zuschauer für dessen Erledigung hoffentlich doch noch eine Kinokarte kauft.

Im Fernsehen gab es die Vorgeschichte, das Finale wird im Kino verhandelt: Til Schweiger in "Off Duty".

(Foto: Warner)

Einziger, aber nicht ganz kleiner Marketing-Haken: Die beiden letzten ARD-"Tatorte" waren wirklich sehr sehr langweilig. In "Fegefeuer" wurde zwar schwer skandalwillig am Anfang die "Tagesschau" überfallen - danach aber geschah im Grunde gar nichts mehr. Tschiller und Firat Astan (Erdal Yıldız) fuhren knapp 90 Minuten lang in einem Auto durch Hamburg und sprachen darüber, warum sie sich nicht gegenseitig erschießen. Wobei die Antwort jetzt mehr denn je auf der Hand liegt: Damit das im Kino noch passieren kann.

Jetzt also der deutsche James Bond, und "Tschiller: Off Duty" beginnt mit einem kleinen Déjà Vu: Schon wieder wird Tschillers Tochter Lenny entführt, sie hatte sich alleine auf den Weg nach Istanbul gemacht, um den Tod ihrer Mutter zu rächen. Lenny wird selbstverständlich gespielt von einer Tochter Til Schweigers, von Luna Schweiger, deren Schauspieltalent der Kinofilm insofern gerecht wird, als sie nur sehr wenig zu sehen ist.

Til Schweiger als James Bond? Dagegen sprechen vor allem linguistische Gründe

Papa Tschiller jedenfalls fliegt nach Istanbul, trifft einen alten Freund und einen alten Feind, und ballert sich durch zu der Information, dass das 17-jährige Töchterchen von Menschenhändlern gerade in einem Container nach Russland verschifft wird. Es folgt eine ziemlich klassische Action-Mischung, die, klar, irgendwie auch an James Bond erinnert: Tschiller klettert über Dächer, er hängt an fahrenden Autos, er schläft mit gefährlich schönen Frauen. Und am Ende fährt er mit einem Mähdrescher auf den Roten Platz.

Auf nichts davon hat der deutsche Kinogänger jetzt richtig dringend gewartet, aber: "Tschiller: Off Duty" ist ein unterhaltsamer Film. Der Plot trägt die Figuren relativ problemlos über die beim Fernsehkrimi undenkbaren 135 Minuten; die Dialoge mit Tschillers wirklich großartigem Kollegen Yalcin Gümer (Fahri Yardım) sind pubertär, aber schon auch oft lustig; die Drehorte sind hübsch anzusehen, die Menschen sind es auch. Und dass Til Schweiger als Nick Tschiller grundsätzlich eine blutige Wunde im Gesicht hat und grimmig dreinschauende Menschen umlegt, als gäbe es kein Morgen, wirkt auf der großen Leinwand und im fernen Russland irgendwie doch etwas weniger albern als am Hamburger Elbstrand.

Fürs Landeskriminalamt wollte Tschiller vielleicht doch immer schon ein bisschen zu viel MI 6 sein.

Die Sache mit dem deutschen James Bond hat Til Schweiger Mitte dieser Woche übrigens gerne noch einmal aufgenommen. Im Interview mit der Deutschen Presseagentur ließ der 52-jährige wissen, dass er sich der Rolle des James Bond durchaus gewachsen fühlt: "Ich würde es mir zutrauen, aber es würde mich nie jemand fragen, weil ich Deutscher bin. James Bond muss ein Brite sein, den dürfen ja nicht mal Australier oder Amerikaner spielen". Dpa allerdings hat die Sache umfassender recherchiert und bei Modedesigner Wolfgang Joop noch von einem anderen Hinderungsgrund abseits der nationalen Herkunft erfahren: "Leider wirkt er manchmal, wenn er spricht, eher beleidigt als cool. Vielleicht müsste er sich synchronisieren lassen".

Tschiller: Off Duty, Deutschland, 2016 - Regie: Christian Alvart. Buch: Christoph Darnstädt. Kamera: Christof Wahl. Schnitt: Marc Hofmeister. Mit: Til Schweiger, Fahri Yardım, Luna Schweiger, Stefanie Stappenbeck, Özgür Emre Yıldırım, Erdal Yıldız, Egor Pazenko. Warner, 135 Minuten.