Transgender Sterbende Spinne

Der amerikanische Autor Alex Gino erzählt in "George" von einem Jungen, der sich als Mädchen fühlt. Es ist das erste Kinderbuch, das sich dieses schwierigen Themas annimmt, des Ringens um die eigene Identität.

Von Tobias Sedlmaier

Die Kindheit ist eine Zeit des Findens, Fragens, Forschens, eine Zeit der spielerischen Identitätssuche und des Auslotens der sexuellen Grenzen. Erst allmählich bilden sich Interessen und Neigungen, Status und Rollenverhalten, nach und nach die ganze Identität, bis schließlich die Schulbank die gängigen Klischees wie den Klassenclown, den Klassenprimus oder die Klassendiva vereint. Zumindest eine Sache wird dabei allerdings kaum hinterfragt, scheint sie doch so natürlich und offensichtlich zu sein, dass an ihr zumindest in der Adoleszenz kein Zweifel besteht: das Geschlecht. Jungs toben mit Jungs, spielen Fußball oder Feuerwehrmann, Mädchen kämmen ihre Barbies oder tanzen, und alle sind an ihrem Platz. Selbst für Abweichler von der Geschlechternorm gibt es Bezeichnungen wie "Tomboy" - weder ungewöhnlich noch gesellschaftlich unakzeptabel.

Was aber, wenn man sich von klein auf sicher ist, im falschen Körper zu leben? Wenn man mit dem falschen Körper morgens aufsteht, duscht, am Sportunterricht teilnimmt und abends die falschen Klamotten wieder ablegt? Dass dieses Thema auch heute noch sehr selten und kaum in der Öffentlichkeit behandelt wird, zeigt sich auch daran, dass es bis jetzt praktisch keine Kinderliteratur dazu gibt. Der amerikanische Autor Alex Gino, selbst seit Jahren in der Transgender-Bewegung aktiv, hat mit "George" nun den ersten Versuch vorgelegt, die Geschichte eines Jungen zu erzählen, der ein Mädchen werden will.

Melissa nennt sich die Heldin heimlich vor dem Spiegel, heißt sie doch eigentlich George. Dadurch, dass Gino George von Anfang an als "sie" bezeichnet, wird markiert, dass es in dieser Geschichte nicht mehr um die innere Unsicherheit geht, welches Geschlecht für die Protagonisten wohl das richtige wäre. George/Melissa hat sich definitiv entschieden, ein Mädchen zu sein, ihre Jungenrolle ist nur Versteckspiel. Aus dem Internet ist ihr der Begriff des "transgender" soweit vertraut, wie das bei einer 11-Jährigen nur möglich ist. Ihre größte Schwierigkeit ist die reale Umsetzung dieses Wunsches, die Akzeptanz ihres Geschlechts innerhalb ihrer Umgebung und die konkrete Auslebung ihrer Weiblichkeit im Alltag. Wem kann sie anvertrauen, dass sie Mädchenzeitschriften liest und am liebsten Kleider tragen würde? Ihrer alleinerziehenden Mutter, dem raubeinigen großen Bruder, der verständnisvollen Klassenlehrerin oder doch ihrer besten Freundin, Girlie durch und durch? Und wie soll George/Melissa damit umgehen, wenn die starken Jungs sie als "Mädchen" hänseln?

Ein anderes Spiel soll schließlich der erste Schritt zu einem öffentlichen Bekenntnis werden: In der schulischen Theateraufführung von "Wilbur und Charlotte" will George die weibliche Hauptrolle, die sterbende Spinne, spielen. Gino erzählt in seinem unprätentiösen, berührenden Roman von den Schwierigkeiten, die eine Heranwachsende mit der Tatsache konfrontieren, anders zu sein, als alle anderen. In einer klaren, direkten und sehr verdichteten Sprache wird das erste Stück eines langen Weges deutlich, das Ringen um Selbstvertrauen und Mut, das Werben um Verständnis für eine Identität, die von den meisten nur schwer verstanden wird. Dabei wird es an keiner Stelle moralisierend oder anklagend, Gino nimmt die Bedenken der Umwelt ernst, ohne sie deswegen für unlösbar zu erklären. Ein wichtiges Buch, auch und gerade für diejenigen, die niemals das Gefühl erfahren mussten, im falschen Körper zu stecken. (ab 12 Jahre)

Alex Gino: George. Aus dem Englischen von Alexandra Ernst. Fischer-Verlag, Frankfurt 2016. 208 Seiten, 14,99 Euro.