Tomas Tranströmer Der Kapitän

Tomas Transtromer FILE - This is a Oct. 6, 2011 file photo of Swedish poet and winner of the Nobel Prize in Literature Tomas Transtromer. Swedish publisher Bonniers said Friday March 27, 2015 that Swedish poet and Nobel Literature Prize winner Tomas Transtromer has died at age 83. (AP Photo/ Maja Suslin, SCANPIX , File) SWEDEN OUT

(Foto: AP)

Wenige Dichter hatten wie er die Fähigkeit, sehr komplizierte Dinge in sehr einfachen Bildern auszudrücken. Jetzt ist der schwedische Lyriker und Literaturnobelpreisträger Tomas Tranströmer gestorben.

Von Thomas Steinfeld

Tomas Tranströmer war im März 1990 in Venedig. Die Reise dorthin hatte ihm sehr gefallen. In Heidelberg hatte er in der damals noch bestehenden Buchhandlung Braun gelesen, vor sechzig Zuhörern. In Innsbruck schien die Sonne. Doch als der Dichter in Venedig ankam, häuften sich die Widernisse: Die Wohnung nicht weit vom Rialto, die ihm der wie immer im Winter in Venedig lebende Joseph Brodsky vermittelt hatte, erschien ihm "makaber", der ganze Palazzo als ein "Gespensterhaus": "Jetzt gilt es, die Nerven in Form zu halten", schrieb er in sein Tagebuch.

In jener Zeit entstand, in der für Tomas Tranströmer erstaunlich kurzen Zeit von zwei Monaten, das ungewöhnlich lange Gedicht "Trauergondel 2". Es verdankt seinen Titel einem Stück von Franz Liszt, und es enthält die Zeile: "Die grüne Kälte des Meeres dringt durch den Fußboden in den Palast." Es ist zweifelhaft, ob es wirklich das Meer ist, das Venedig durchspült. Aber dass der kalte Fußboden auch zu der Wohnung gehört, in der Tomas Tranströmer damals wohnte, dürfte gewiss sein.

Das Werk des Lyrikers Tomas Tranströmer ist klein. Es beginnt im Jahr 1954, endet im Jahr 2004, und es umfasst nur ein gutes Dutzend schmaler Bände, die zusammen nicht mehr als fünfhundert Seiten ergeben. Im Jahr 2011 erhielt er dafür den Nobelpreis für Literatur, aus gutem Grund, wenn man denn die Fähigkeit, sehr komplizierte Dinge in sehr einfachen Bildern auszudrücken, für ein Argument zu halten bereit ist. Das war am Anfang noch nicht so gewesen. In den "Siebzehn Gedichten", seinem Debüt, geht es noch um den "morschen Mast" des Mondes und ähnliche Freiheiten einer surrealen Moderne.

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Als er 1965 in die Provinz zog, war er schon ein berühmter Dichter

Doch schnell rücken an die Stelle der prächtig schillernden Metapher die auf eine knappe Formel verkürzte Erfahrung, das nur für Sekunden aufblitzende Bild, aus dem heraus Tomas Tranströmer große Räume, dramatische Geschichten (wie das Ineinander von Franz Liszt und Richard Wagner, Schwiegervater und Schwiegersohn, beide alte Männer in Venedig) entfaltet, mit der Präzision von Haikus: "Das Gedicht, das völlig möglich ist. // Ich blickte hinaus, als die Zweige schwankten. / Weiße Möwen aßen schwarze Kirschen". Diese Gedichte werden umso lakonischer, je deutlicher sich darin ein "Ich" zu Wort meldet, und es ist nichts Hermetisches an ihnen. Eine für Lyrik ungewöhnliche große Lesergemeinde, vor allem in seinem Heimatland, liebte ihn deswegen.

Tomas Tranströmer, im April 1931 in Stockholm geboren, hatte Södra Latin besucht, ein in Schweden berühmtes humanistisches Gymnasium, zu dessen Schülern der Anakreontiker Carl Michael Bellman wie der Schriftsteller Stig Dagerman gehört hatten. Studiert hatte Tranströmer zuerst Literaturwissenschaft, bevor er sein Examen in Psychologie machte und einen gewöhnlichen Beruf ergriff. Er arbeitete am psychotechnischen Institut der Universität Stockholm sowie als Kurator in einer Jugendstrafanstalt, bevor er 1965 in die Provinz zog, um dort halbtags als Berufsberater in den Arbeitsämtern schwedischer Kleinstädte zu dienen.

Damals war er schon ein berühmter Dichter, nachdem die schwedische Kritik ihn nach dem Band "17 Gedichte", seinem Debüt, zum Genie ausgerufen hatte. Und ein mehr oder minder gewöhnlicher Angestellter blieb er, wenngleich die gleichmäßige Abfolge der Arbeitstage zunehmend von Lesereisen und Preisverleihungen unterbrochen wurde. Ein Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte und ihm das Sprechen und Schreiben raubte, setzte diesem redlichen Leben im Jahr 1990 ein Ende. Danach und bis zu seinem Tod lebte Tomas Tranströmer in Stockholm, unterstützt von seiner Frau, die seine Zeichen verstand und sogar neue Gedichte diktiert bekam, und lange Zeit noch fähig, mit der linken Hand Klavier zu spielen, Franz Schubert vor allem.