The Cure in Hamburg An alle Rock-Opas: Bitte hört nicht auf!

Und die hohen Töne? Wandelt Robert Smith bei seinen Hits einfach ein bisschen nach unten ab.

(Foto: dpa)

Ob "Just Like Heaven", "Boys Don't Cry" oder "Lovesong": The Cure lassen an diesem Abend alte Zeiten wiederaufleben. Wenn auch ohne hohe Töne.

Von Juliane Liebert, Hamburg

Aller Anfang ist leicht. Für jemanden, der häufig zu großen Konzerten geht, ist der erstaunlichste Moment des gestrigen The Cure-Konzertes bereits die erste Minute. Denn zu Beginn ihrer Show in Hamburg laufen The Cure eigenständig auf die Bühne. Soll heißen, sie werden nicht aus dem Boden gefahren (Katy Perry), in einem Glaskubus oder an Seilen von der Decke gelassen (Justin Bieber), keiner von ihnen sitzt im Rollstuhl (Axl Rose). Sie gehen mit ihren eigenen Füßen auf die Bühne und nehmen echte Instrumente in die Hand, die sie selbst spielen. Manche Zuschauer behaupten sogar, Smith würde wirklich selbst singen.

Noch besser: The Cure können die ganzen tollen alten Bühnengesten noch. Simon Gallup, der Bassist, macht (eine stattliche Reihe Effektgeräte vor den Füßen) die hochbetagte Gitarrenfuß-auf-dem-Scheinwerfer-Pose, und man möchte weinen vor Peinlichkeit und Glück. Sänger Robert Smith selbst steht da, unförmig, aufgedunsen, fusselhaarig, trotzdem irgendwie liebenswert. Er post nicht, er tanzt nicht, er steht da und singt wie ein Chorknabe. Nach gut einer Stunde lässt er seine Hände für einige Sekunden über seinem Gesicht flattern wie Papiervögel. Das genügt.

Lieblingslieder sind gefährlich

Lieblingslieder sind eine gefährliche Angelegenheit. Ein erheblicher Teil eines Konzertes besteht oft daraus, auf seinen Lieblingssong zu warten, aber anstandshalber so zu tun, als würde man die unbekannten Raritäten zu schätzen wissen. Bei The Cure ist das nicht nötig, sie liefern ohne jedes Schamgefühl Hits ab. Unter anderem "Just Like Heaven" und "Boys Don't Cry" direkt hintereinander. Das ist, als würde Cohen "Marianne" und "Hallelujah" hintereinander spielen. "Beat it" und "Billie Jean" am Stück. "Paint it black" und "Sympathy for the devil". "Pictures of You", "Boys Don't Cry", "Lovesong" und "Just like Heaven" haben Lyrics, die nahezu universell sind. Gerade weil sie überspielt sind, sind sie so vertraut, dass sie eigentlich nicht mehr The Cure gehören, sondern dem verblichenen 17-Jährigen Ich des Zuschauers. Wenn The Cure sie an diesem Abend darbieten, weiß jeder der Anwesenden, dass alle anderen dazu geheult, getanzt (oder wenigstens leer an die Decke gestarrt) haben.

Beim genauen Hinhören fällt auf, dass Smith beinahe alle Songs leicht abgewandelt singt. Bei "Lovesong" singt Smith an diesem Abend statt "home again" und "whole again" "free" und "real". Gerade will man Absicht unterstellen, da wird klar: Smith singt beinahe durchgehend die höheren Töne nicht. Er kann scheinbar nicht (mehr?) hoch genug singen, darum transponiert er die Melodien, zum Beispiel die Zeile "Why are you so far away" in "Just Like Heaven" nach unten.

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Simon Gallup schert sich indessen um andere Feinheiten. Er läuft das ganze Konzert von rechts nach links, sprintet zum rechten Bühnenrand und spielt für die Fans rechts, kurz erscheint ein besorgter Gesichtsausdruck unter seinem Schopf: Die Fans links sind ja ganz allein! Dann eilt er nach links und spielt für die. Gitarrenfuß-auf-dem-Scheinwerfer-Pose. Und von vorn. Dabei trägt er ein Iron Maiden-Shirt. (Kein Spott über alternde Kultbands, die Shirts anderer alternder Kultbands tragen und sich damit gegenseitig ihren Lebensabend finanzieren. That's charity.) Derweil also Simon Gallup immerzu von rechts nach links läuft und keines der anderen Bandmitglieder sich auch nur einen Millimeter bewegt, wird hinten ein tiefblauer Himmel eingeblendet, mitsamt Kumuluswolken, was weder zur Band noch zur Musik passt - und keiner weiß, was das soll. Oder alle haben sich Dekaden lang geirrt und The Cure sind gar keine traurige Band, sondern niemand begreift ihren Sinn für Humor. Die Projektion zeigt inzwischen einen Sonnenuntergang, Gallup läuft immer noch hin und her.

Werden die Achtziger eigentlich niemals enden? Gegenfrage: Wollen wir wirklich ein Neunziger-Revival? Ein Appell an die Rock-Opas auf den Bühnen da draußen: Bitte hört nicht auf! Ja, die Leute spotten. Gut, vielleicht trefft ihr die hohen Töne nicht mehr. Aber egal, was sie sagen, bitte, spielt, bis ihr tot von der Bühne kippt. Wir lieben euch. Lasst uns nicht allein mit Rihanna, Taylor und den ganzen R'n'B-Wichten. Wir kaufen auch weiter eure T-Shirts und die geremasterten Sonderauflagen eurer Alben.