Terror in der Stadt Wie Brüssel Haltung bewahrt

Nach den Anschlägen von Brüssel: Manneken Pis-Figuren am Place de la Bourse zwischen Fahnen, Kerzen und Blumen.

(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Viele Menschen versuchen, nach den Anschlägen die typische "Belgitude", den Humor zu behalten. Doch es offenbart sich auch die Verletzlichkeit dieser offenen Stadt.

Gastbeitrag von Stefan Hertmans

Es ist befremdlich, festzustellen, wie viel internationale Solidarität ein Land erfährt, wenn es von einer Tragödie getroffen wird, obwohl dieses Land noch am Tag zuvor die Schuld für fast alles zu tragen schien, bis es wirkte wie die Hölle selbst oder ein kranker Witz. Das mutige kleine Belgien scheint nun also wieder da zu sein.

Gewalt verschiebt die Parameter. Das ist an sich verständlich. Doch die Unterstützung hinterlässt ein moralisches Nachbild, eine Entschuldigungsmoral. Von allem, was man Belgien vorgeworfen hat - seine Führung, die Regierung - bleibt wenig übrig, wenn man konstatiert, auf welch zynische Weise die sinnlose Gewalt jede demokratische Debatte abtötet. Wir haben unseren eigenen Prozess zu einem Witz gemacht und unser mea culpa über die misslungene Integration wiederholt wie ein Mantra. Und schießen damit immer zu kurz. Aber, wir haben auch junge kreative Menschen, die in Molenbeek beispielhaft belegen, wie man trotz schwieriger kultureller Unterschiede zusammenleben kann.

In einigen Kreisen existieren Idealismus und ein starker Wille, diese Unterschiede zu überwinden. Ausgerechnet in Brüssel. In diesem Land gibt es viel positive Energie - wie am Sonntag noch bei der Großen Parade zu sehen war. Doch die Sorte von Menschen, die zu den grauenhaften Taten von heute fähig sind, nehmen an dem Prozess von Selbstkritik und lösungsorientiertem Denken nicht teil. Und das ist der wahre Clash: der zwischen offenen und verschlossenen Geistern.

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Einige von uns bleiben sprachlos zurück. Andere spielen das "Ich-habe-es-dir-doch-gesagt"-Spiel. Die Tragödie ist, dass wir den Geschehnissen nicht entgehen können, solange der Hass da draußen durch eine Macho-Politik noch gefüttert wird, durch grausame internationale Konflikte, Luftbombardierungen, Grenzkonflikte, Religionswahnsinn und eine erhöhte Dosis Adrenalin. Solange wir in einer so konfliktreichen Welt diese verletzliche Gesellschaft bewahren wollen. Durch den Terrorismus wird heute klar, wie wenig Wert es hat, überhaupt noch in nationalen Kategorien zu denken. Terroristen machen das längst nicht mehr. Im Namen des Schmerzes, den alle Verletzten heute spüren, müssen wir mit kühlem Kopf realisieren, dass unsere charakteristische Verletzlichkeit auch von moralischem Wert ist: dem einer komplexen, offenen Gesellschaft.

Viele Menschen versuchen, die typische "Belgitude" zu behalten

Von der internationalen Welt jetzt den Respekt und die Solidarität zurückzuerlangen, ist in diesen Tagen nur ein kleiner Trost. Brüssel bleibt perplex zurück - die Stadt, die sich selbst immer als ironisch und nonkonformistisch definiert, die Stadt, die ihre kulturelle Diversität wie eine Flagge stolz vor sich hergetragen hat und dafür jetzt die grausame Rechnung bezahlen muss. Auf Facebook war sofort eine Hand zu sehen, die aus Pommes frites zusammengesetzt war und so ihren Mittelfinger zeigte. Es ist schön, dass Menschen versuchen, diese typische Belgitude zu behalten, die Fähigkeit, sich selbst zu relativieren, und den Humor, aber heute lachen sich alle Menschen krank.

Ich schickte meinem Sohn, der in Brüssel studiert, gestern morgen eine SMS: Nimm nicht die Metro! Kurz danach sahen wir, welcher Albtraum sich dort abgespielt hat. Wenn das Grauen so nahe kommt, wissen wir, dass unser gesamtes Leben getroffen sein kann. Dieses Land muss weiterbestehen, diese merkwürdige, einzigartige und verwundete Stadt muss weiterbestehen. Wie auch immer. Aber es liegt eine tiefe Traurigkeit in der Feststellung, dass Offenheit sehr schnell zur Wunde wird. Auch dies belegt die immense Feigheit der Feinde unserer Demokratie.

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Stefan Hertmans, Jahrgang 1951, ist Schriftsteller. Er lebt in der Nähe von Brüssel. Zuletzt erschien von ihm der Roman "Der Himmel meines Großvaters" (Hanser Berlin). Übersetzung: Robert Meijer