Tele-Gym im BR: Schleichwerbung? Wild & weiblich

Bauch, Beine, Po: Im Bayerischen Fernsehen hat das "Tele-Gym" der Fitnessfee Johanna Fellner viele Fans - und externe Helfer: Krankenkasse, Staat und der Adidas-Konzern mischten mit.

Von Marvin Oppong

Euphorisch wie gewohnt begrüßte Stefan Raab seinen Gast. "Immer wenn ichs Bayerische Fernsehen einschalte, und zufällig ist Johanna Fellner mit ihrer Gymnastiksendung am Start, dann guck ich mir das einfach an", sagte der Moderator von "TV Total". Denn Frau Fellner sei "einfach gut drauf".

Das war im März dieses Jahres. 650.000 Zuschauer bestaunten auf Pro Sieben die fidele Fitnessexpertin Fellner und ihre DVD "Bauch, Beine, Po". Die "sympathische Fitnessfee", wie sie im Münchner Privatsender eingeführt wurde, berichtete von ihrer Arbeit als Frontfrau des "Tele-Gym" im öffentlich-rechtlichen Bayerischen Rundfunk (BR) sowie von Bewährungen in der Welt der ganz großen Marken: Sie sei gerade dabei, für Reebok als "Global Instructor" mit anderen Trainern an einem Programm zu arbeiten.

Fellner hat einen Vertrag mit der zur Adidas-Gruppe gehörenden Marke Reebok und wird von ihr gesponsort. Zuvor hatte Moderator Raab einen Ausschnitt aus der TV-Sendung der "bestgelauntesten Sportskanone im deutschen Fernsehen" gezeigt, in dem sie prominent ein Oberteil der Marke Adidas trägt. Die Frage ist: Wie viel Werbung dieser Art ist im gebührenfinanzierten TV möglich? Wie frei darf sich eine "Mrs. Reebok" im Programm bewegen?

Nach dem Schleichwerbungsskandal im Jahr 2005, als in den Serien "Marienhof" und "In aller Freundschaft" sowie im "Tatort" am Sonntagabend Produkte beworben wurden, dachte man, die ARD sei alarmiert und von nun an immun gegen solche Geschäfte. Schließlich stehen die öffentlich-rechtlichen Sender unter zunehmendem Druck, die Millionen an Gebührengeldern zu rechtfertigen. Doch ein kleines Beispiel zeigt, wie alltäglich kommerzielle Kooperationen geworden sind.

Johanna Fellner hat mehrfach mit dem Herzogenauracher Sportkonzern Adidas kooperiert. Auf ihrer alten Homepage wurde sie sogar als "sport model" für die "Adidas woman Homepage 2005" geführt. Fellner erklärt auf Anfrage, drei Jahre als Coach für Adidas gearbeitet zu haben. Zudem sei sie "viel für USA Pro", eine andere inzwischen eingestellten Sportmarke, "unterwegs" gewesen.

Womöglich ist das öffentlich-rechtliche "Tele-Gym" eine Art Adidas-Modenschau gewesen. Eine Person, die an mehreren TV-Produktionen beteiligt war, erklärt, mitwirkende Sportler hätten mehrfach sichtbar Produkte der Marken Adidas und USA Pro getragen. Auf die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen ihren Tätigkeiten für Adidas und USA Pro und der Verwendung dieser Marken bei "Tele-Gym" bestehe, sagt Fellner: "Jein". Sie räumte zunächst aber ein, die Verwendung von Produkten der beiden Marken Adidas in der Sendung veranlasst zu haben - und wollte später mit keiner Aussage mehr zitiert werden.

Peter Stückl, Chef und Miteigentümer der Produktionsfirma PSF, die "Tele-Gym" herstellt, teilte daraufhin mit: "Die Antworten meiner Mitarbeiterin auf Ihre Fragen sind mehrheitlich richtig. Falsch ist lediglich, dass Frau Fellner die Einkleidung mit Adidas und USA Pro veranlasst habe. Richtig ist vielmehr, dass Frau Fellner die erwähnten Produkte lediglich empfohlen hat."

"Gern und kostenlos"

Die Produkte von Adidas und USA Pro seien käuflich erworben worden, nachdem das gesamte Team die Auswahl der Produkte befürwortet habe, so Produzent Stückl, auf dessen Firmen-Homepage das "Tele-Gym" als "Kultserie" gepriesen wird. Da passte es ja prima, dass die Wünsche der Markenbotschafterin erhört wurden. "PSF hat die Kleidung der Mitwirkenden ganz regulär käuflich erworben", erklärt Michael Pause, Redaktionsleiter der Redaktion Freizeit beim BR und verantwortlich für die Sendung "Tele-Gym". Pause betont, dass "es eine Platzierung von Produkten nie gegeben hat und nicht geben wird".

Auf der Präsentationsseite von "Tele-Gym" auf br-online.de ist nach wie vor ein Foto aus einer "Tele-Gym"-Staffel zu sehen, auf dem Adidas-Sportschuhe getragen werden. "Es ist reiner Zufall, dass es sich bei der Marke um Adidas handelt", erklärt der zuständige Redakteur Pause.

Laura Burckhardt, Geschäftsführerin der Münchener PR-Agentur Burckhardt, erinnert sich jedoch ganz anders. Ihre Firma betrieb von 2003 an "kontinuierliche PR" und "Journalistenbetreuung" für USA Pro, von daher müsste sie im Bilde sein. "Wir haben 'Tele-Gym' kostenfrei Outfits für die Ausstattung der Models zur Verfügung gestellt. Das haben wir als PR-Agentur gern und natürlich kostenlos gemacht", sagt Burckhardt.

"Tele-Gym" habe die Textilien nicht behalten dürfen. Nach Gebrauch im Fernsehen seien die Outfits von ihrer Agentur an interessierte Fans verkauft und der Erlös an einen gemeinnützigen Verein, der sich für die Heilung von Brustkrebs einsetzt, gespendet worden. Man habe jedoch "niemandem Geld bezahlt, damit er USA Pro trägt oder promotet".

Auf die Frage, welche Produkte man bei welchen Sendungen gratis gegeben habe und wie lange die Artikel behalten werden durften, antwortet Burckhardt: "Sorry, aber um die Fragen zu beantworten, müsste ich einen Mitarbeiter mindestens zehn Stunden in den Archiven wühlen lassen. Da uns das keiner bezahlt, ist das leider nicht machbar."

Hendrik Lange von der Adidas-Pressestelle erklärt auf Anfrage, man habe "keinen Kontakt zur und keine Vereinbarungen mit der Sendung 'Tele-Gym'" und verweist auf das zur Adidas-Gruppe gehörenden Unternehmen Reebok. Dort ist zu erfahren: "Reebok hat einen Kooperationsvertrag mit Johanna Fellner im Rahmen unseres neuen Fitness-Workouts Jukari", wie Pressemitarbeiterin Maria Göttlich ausführt.

Offenbar ist die ganze Konstruktion längst nicht so klar wie jene Gymnastik-Figuren, die unter Anleitung der gewitzten Trainerin Fellner darzustellen sind.

"Tele-Gym" läuft seit 1992 im BR und wird täglich zweimal gesendet. Die Oberthemen der Fitnesssendung reichen von "Wild & Weiblich" bis "Emotional Moves", von Stretching bis Wirbelsäulengymnastik. Einzelne Folgen der Sendungen werden von BR alpha und den ARD-Digitalsendern EinsPlus und EinsExtra übernommen.

Es handelt sich um eine Koproduktion des BR und der PSF Film + Video GmbH. Die Produktionsfirma aus Tutzing produziert neben Dokumentationen für den Bayerischen Rundfunk auch Image-, Industrie- und Werbefilme für private Kunden, etwa für Goretex und Tyrolia.

Auf der Webseite der Produktionsfirma heißt es zu "Tele-Gym": "Dankend gesponsert wurden die Sendungen von der Barmer Ersatzkasse, Deutschlands größter Krankenkasse, und dem Bayerischen Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz."

Bei der Barmer sagt man dazu, es habe 1992 eine Zusammenarbeit mit "Tele-Gym" gegeben. "Wir haben da in erster Linie unser wissenschaftliches Know-how eingebracht", so Pressesprecherin Susanne Rüsberg-Uhrig. Ob damals auch Geld geflossen sei, könne sie "nicht mehr genau nachvollziehen, weil das so lange her ist". Im Jahr 2002 habe es den letzten Kontakt mit PSF gegeben.

Andreas Friedrich, Leiter des Münchener Instituts für Integrales Tai Ji Quan & Qi Gong und nach eigenen Angaben "TV-Trainer BR und Barmer Ersatzkassen/Telegym", bestätigt jedoch, dass er 1993, 1995, 2000 an drei "Tele-Gym"-Folgen, die vom BR zusammen mit der Barmer produziert wurden, mitgewirkt hat. An den Produktionen habe sich die Krankenkasse finanziell "natürlich beteiligt". PSF-Geschäftsführer Stückl teilt mit, er habe "mehrere Staffeln" zusammen mit der Barmer produziert.

Barmer-Pressesprecherin Rüsberg-Uhrig lässt zudem wissen, dass eigene Wettbewerbsrechtler die Produktionsfirma PSF angeschrieben hätten, weil diese alte Logos der Krankenkasse verwende: "Wir möchten sie aus Markenschutzgründen sowie wegen der Verwendung unseren falschen Logos deshalb bitten, auf dessen Darstellung und Bezugnahme in allen Medienprodukten und Publikationen zu verzichten." Peter Stückl von der PSF Film bestätigt ein derartiges Schreiben. Er solle nun sämtliche DVD und Videos mit Barmer-Logo aus dem Verkauf nehmen.

Auf der Homepage des Bayerischen Umweltministeriums findet sich die Angabe: "Das Ministerium förderte die achtteilige Fernsehserie 'Tele-Gym' im Bayerischen Fernsehen für eine breite Bevölkerungsschicht." Nina Lacher, stellvertretende Pressesprecherin des bayerischen Umweltministeriums: "Die Produktion der Sendung 'Tele-Gym: aktiv & fit gegen Osteoporose' wurde im Jahr 2003 vom damaligen Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Ernährung und Verbraucherschutz in Höhe von 50.000 Euro gefördert. Ziel war es, gesundheitsförderliche Verhaltensweisen im Rahmen dieses Mitmachprogramms des Bayerischen Rundfunks zu unterstützen."

50.000 Euro Zuschuss in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt, der viele Millionen Gebühren zur Verfügung stehen, das ist schon eine Besonderheit. Ein bisschen Staat, ein bisschen Krankenkasse, und vielleicht etwas mehr Reebok und Adidas: Johanna Fellner und ihre Helfer wissen, wie man gut drauf ist und weiter fit bleibt.

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