"Tabu" im Kino Das swingende Paradies

Szene aus dem Film "Tabu"

(Foto: Real Fiction Filmverleih e.K.)

Traum und Trauma der Kolonialgeschichte: Der portugiesische Film "Tabu" von Miguel Gomes beschwört Lust und Luxus der Erinnerung. So geht es von der kalten, kargen Gegenwart, dem "Verlorenen Paradies", in eine glamouröse Vergangenheit.

Von Fritz Göttler

Aurora behält ihre Geschichte erst einmal für sich. Die alte Frau lebt in einem kleinen Apartment in Lissabon, betreut von der schwarzen Haushälterin Santa, später kümmert sich auch Pilar um sie, aus der Wohnung nebenan, die sich gerne für die Nachbarn und für die Welt allgemein engagiert. Von der Gemeinschaft der drei Frauen erzählt der erste Teil von Miguel Gomes' neuem Film "Tabu", sie liefern Modelle fürs Leben und Überleben im Portugal heute, in der europäischen Krisenzeit. Manchmal zieht Aurora los ins Casino der Stadt, und dort verspielt sie ihr weniges Geld komplett.

Über Auroras Motive und über ihre Vergangenheit erfährt man zu ihren Lebzeiten nichts. Aber nach ihrem Tod werden die beiden anderen Frauen durch einen nachgelassenen Zettel in ein Seniorenheim zu dem alten Ventura gelockt, und in der Kantine dort fängt dieser zu erzählen an, seine Geschichte von Liebe und Schuld, die den zweiten Teil des Films ausmacht. Eine Dreiecksgeschichte. Der junge Ventura war in die junge Aurora verliebt, die mit ihrem Mann in einer der portugiesischen Überseeprovinzen lebte.

"Sie hatte eine Farm in Afrika, am Fuße des Mount Tabu", so beginnt Venturas Erzählung. Frauen, die sich in fernen Traumlandschaften bewegen, an imaginären Orten, an die sie immer wieder zurückkehren, mit denen sie sich verwurzeln und identifizieren - davon hat das Kino gern erzählt, von Rebecca und ihrem Manderley, von den schlafwandelnden Frauen auf einer karibischen Insel in Tourneurs "I Walked with a Zombie", von Meryl Streep in "Out of Africa" - der auch mit dem Satz "Ich hatte eine Farm in Afrika" begann. Die Fremde gibt all diesen Frauen mehr Kraft und Unabhängigkeit, als jede Heimat es könnte.

"Verlorenes Paradies" heißt der erste, "Paradies" der zweite Teil von Gomes' Film. Eine kalte, karge Gegenwart und eine glamouröse, schwelgerisch erinnerte Vergangenheit. Die Posen der Kolonialherren und -frauen, wenn sie mit Jeep und Motorrad durch die Steppe knattern, wenn sie - die stolze Ana Moreira als junge Aurora - den Karabiner in der Hand durchs hohe Gras stolzieren, die mondäne Eleganz, wie sie in ihrer Amateur-Dandy-Combo im Schlagerrhythmus swingen, die moralische Leichtfertigkeit, wenn sie mit der Liebe spielen: Be my, be my baby . . .

Der Mount Tabu ist natürlich eine Erfindung des Filmemachers, und auch die Hinweise auf das Werk des großen Friedrich Wilhelm Murnau, die er im Film wie in Interviews ausstreute, dienen eher der Irreführung. "Tabu", Murnaus letzter Film, war eine Südseegeschichte, in der die natürlich-unschuldige Liebe eines jungen Paares zerstört wurde durch die Korruption der weißen Gesellschaft, die Strenge des väterlichen Gesetzes. "Sunrise", Murnaus amerikanisches Meisterwerk, heißt in der französischen Version "L'Aurore".

Es ist die traumhafte Seite der politischen Ereignisse der Sechziger und Siebziger, die der Film beschwört - wie sie zu Aufstand, Revolution, Ende von Diktatur und Kolonialreich führten. Konstruierte Erinnerungen, man sieht die Bruchstellen. Der erste Teil ist auf kräftigem 35mm-Material gedreht, der zweite auf grieseligem 16mm. Mit der Stummfilmästhetik, wie Murnau sie vollendete, ihrem Reichtum an Formen und Valeurs, hat Gomes nichts im Sinn - er praktiziert eine Bolex-Ästhetik. Die Erinnerung begnügt sich gern mit Skizzenhaftigkeit. Sein Film ist durchaus komisch, wie alles, wo - Freud hat nie einen Zweifel daran gelassen - Verdrängung im Spiel ist. Ein Krokodil fungiert als patriarchalische Instanz.

Ein Film vom Ende einer Gesellschaft, vom Ende des klassischen Kinos, das in ihr seinen Platz gefunden hatte und seine Funktion. "Es gibt viele sehr starke Filme heute", sagt Miguel Gomes, "mit großen Themen, großen Geschichten, aber sie wirken, als würden sie vergessen, dass sie nur existieren durch das Verlangen der Zuschauer. "

Tabu, Portugal/Brasilien/D/F 2012 - Regie: Miguel Gomes. Buch: Miguel Gomes, Mariana Ricardo. Kamera: Rui Poças. Schnitt: Telmo Churro, Miguel Gomes. Ton: Vasco Pimentel. Mit: Teresa Madruga, Laura Soveral, Ana Moreira, Henrique Espírito Santo, RealFiction, 111 Minuten.