Studie zur Entwicklung der Popmusik Freude an der Traurigkeit

"She loves you" war einmal. Wo früher die Massen begeistert über die Tanzflächen hüpften, breitet sich heute eine düstere Selbstbezogenheit aus. Eine Studie der Freien Universität Berlin zu den US-Charts konstatiert der modernen Popmusik eine zunehmende Traurigkeit. Bedeutet das, dass die Gesellschaft immer deprimierter wird?

Von Felicitas Kock

"She loves you, yeah, yeah, yeah!" schallte es Anfang der 60er Jahre aus den Lautsprechern der Radios und Plattenspieler. Der Pop war noch jung und jung waren auch die Mädchen und Knaben, die kreischend in den Konzerthallen standen. Die Beatles prägten die ersten Jahre der modernen Popmusik wie kaum eine andere Band - und sie taten es mit Liedern wie "She loves You" oder "Yellow Submarine", die die Massen anheizten und der rebellischen Jugend der Zeit ihren Soundtrack gaben. Doch mit der Zeit wurden nicht nur die Beatles-Songs schräger und komplizierter, auch die Popmusik an sich hat sich verändert. In welche Richtung, haben nun Wissenschaftler der Freien Universität Berlin (FU) nachgewiesen. Das Ergebnis: Der Pop wird immer trauriger.

Chris Martin, Sänger der Band Coldplay, steht für komplexes, ambivalentes Liedgut - und damit für den Massengeschmack des neuen Jahrtausends.

(Foto: dpa)

1000 amerikanische Charts-Hits aus knapp 50 Jahren Musikgeschichte haben der Soziologe Christian von Scheve und der Musikpsychologe E. Glenn Schellenberg für ihre Untersuchung analysiert. Tonart und Tempo waren die beiden Hauptkriterien, nach denen das Liedgut bewertet wurde. Beides ist ausschlaggebend dafür, wie ein Song auf den Hörer wirkt.

Wer ein schnelles Dur-Stück wie "She loves you" hört, wird dadurch eher fröhlicher, langsame Moll-Balladen wie "Hotel California" von den Eagles vermitteln dagegen ein Gefühl der Traurigkeit. "Seit den 60er Jahren hat sich die Anzahl der Pop-Hits in Moll nahezu verdoppelt", sagt von Scheve. Die schwermütigere Tonart wird immer dominanter.

Bezüglich des Tempos scheint der Zenit der Traurigkeit dagegen überschritten. Das langsamste Stück, das die Wissenschaftler gemessen haben, ist Leo Sayers 70er-Jahre-Ballade "When I need You". Das langsamste Jahrzehnt der amerikanischen Hitparade waren die 90er. Warum gerade die 90er? "Weil in den USA R'n'B und HipHop dominierten" sagt Scheve. Da seien viele Stücke dabeigewesen, die es auf gerade einmal 80 oder 90 Beats Per Minute (BPM, zu Deutsch: Schläge pro Minute) brachten.

Zum Vergleich: "When I need you" kommt auf 37 BPM, ein durchschnittlicher Discohit leicht auf 120 BPM. Dass die 90er nicht nur langsam waren, zeigt jedoch Ricky Martins Latino-Hymne "Livin La Vida Loca" aus dem Jahr 1999 - mit 178 BPM einer der Spitzenreiter in Sachen Tempo.

"Coldplay" versus "Schnappi, das kleine Krokodil"

Doch die Popmusik ist heute nicht nur trauriger als in den 60er Jahren, sie ist auch vielschichtiger. "Interessant wird es, wenn sich die Faktoren überkreuzen", sagt von Scheve. Wenn sich Moll mit hohem oder Dur mit niedrigem Tempo paart, dann entstehen ambivalente Stücke, bei denen die Hörer sowohl fröhliche als auch traurige Momente erleben. Diese Ambivalenz der Musik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesteigert. Eine Tendenz, die sich für die Wissenschaftler unterschiedlich begründen lässt.

Zunächst einmal habe sich mit der Entwicklung der Popmusik auch der Anspruch an deren Komplexität erhöht. Bei den meisten Kinderliedern - von "Alle meine Entchen" bis "Schnappi, das kleine Krokodil" - handelt es sich um schnelle Dur-Stücke. Erwachsene seien damit heute kaum mehr zufriedenzustellen, bei zu einfach gestrickten Melodien kehre schnell Langeweile ein. Komplexe Liedmuster von Bands wie "Coldplay" würden sich dagegen immer größerer Beliebtheit erfreuen, meint von Scheve.

Auch die Texte werden "selbstbezüglicher und negativer"

Gleichzeitig pflege die Bevölkerung vieler westlicher Staaten einen freieren Umgang mit Emotionen als es noch 1965 der Fall war. Die Welt werde heute seltener in schwarz oder weiß eingeteilt, weshalb rein fröhliche oder traurige Lieder weniger gut ankämen. Eine Tendenz, die sich auch bei den Texten zeige, die laut Schellenberg und von Scheve in den vergangenen Jahrzehnten deutlich "selbstbezüglicher und negativer wurden".

Ein weiterer Befund: Die Popgeschichte der vergangenen fünfzig Jahre weist erstaunliche Parallelen zur Entwicklung der klassischen Musik vom 17. bis zum 19. Jahrhundert auf. "Während im 17. und 18. Jahrhundert eindeutig fröhlich oder traurig klingende Musik dominierte, gibt es spätestens in der Romantik die Tendenz zu verschiedenen emotionalen Färbungen in einer Komposition", heißt es in der Studie.