Streit um Kafka-Nachlass Bis zur letzten Postkarte

Nebulös und verwinkelt: Bald wird öffentlich, welche Dokumente sich noch im Nachlass Franz Kafkas befinden - und wo sie künftig aufbewahrt werden: über einen kafkaesken Prozess.

Von Lena Schilder

Weniger als 450 Seiten - so viel würde Franz Kafkas literarisches Werk heute umfassen. Denn so viel hatte er, auf Drängen seines Freundes, des Schriftstellers und Publizisten, Max Brod, zu Lebzeiten veröffentlichen lassen.

Mehr wollte Kafka angeblich nicht zugänglich machen. Deshalb soll er in seinem letzten Willen verfügt haben, dass Brod, dem er seinen Nachlass anvertraute, den Rest - sang -und klanglos, ungelesen- vernichtet.

Den Großteil seines literarischen Schaffens soll Kafka noch höchstpersönlich entsorgt haben. Max Brod aber, der früh das Ausnahmetalent Kafkas erkannte, befand es für seine Mission, das Werk des schmächtigen jüdischen Autoren aus Prag für die Nachwelt sicherzustellen. So erschienen posthum "Der Prozess" (1925), "Das Schloss"(1926) und "Amerika" (1927) - ehe Brod, mit einem Koffer voller Kafka-Dokumente, Prag zum Schutz vor den Nazis Richtung Palästina verließ.

Max Brod hat durch sein Vorgehen einerseits einige der wohl dichtesten, sonderbarsten, deutungsvielfältigsten Werke der Weltliteratur sichergestellt. Andererseits hat er durch seine Entscheidung, die Dokumente nach seinem Tod seiner vermutlichen Geliebten Esther Hoffe zu überlassen, einen sehr langen Rechtstreit in Tel Aviv mitverschuldet. Der trägt selbst deutliche kafkaeske Züge - und könnte nun bald vor seinem Abschluss stehen.

Kafka gehört niemandem

Bald nämlich, so der aktuelle Entwicklungsstand, könnte das Geheimnis, was sich im Nachlass Kafkas befindet, endgültig gelüftet werden - bis zur letzten Postkarte. Zudem soll dann geklärt werden, ob die Dokumente künftig in Deutschland oder Israel aufbewahrt werden. Esther Hoffe, die "Der Prozess" seinerzeit nach Marbach vekauft hatte, habe damit, so ein Vorwurf, gegen ein israelisches Gesetz verstoßen, wonach bedeutsame Schriftwerke nicht außer Landes gebracht werden dürfen. Warum aus ihren angeblichen Plänen, einen Großteil der weiteren Werke ebenfalls nach Marbach zu verkaufen, nichts geworden ist, bleibt unklar.

Frei nach Kafkas "Der Prozess" sind die Zusammenhänge nebulös und die Motive der Akteure undurchsichtig. Kafka, so wurde im Verfahren immer deutlicher, kann längst niemandem mehr gehören. Die Entscheidung, ob seine Originale künftig im Archiv der Deutschen Nationalliteratur in Marbach oder in der Nationalbibliothek von Israel aufbewahrt werden sollen, reißt zudem alte Wunden auf. Schließlich fanden drei Schwestern Kafkas in Konzentrationslagern den Tod.

Esther Hoffe, eine der Hauptpersonen im "Kafka-Prozess", ist 2007, im stolzen Alter von 101 Jahren verstorben. Kafkas Nachlass ging auf ihre beiden Töchter über. Eva Hoffe und Ruth Wiesler bewahren die Dokumente in Safes in Tel Aviv und Zürich, sowie teilweise, so wird befürchtet, in einer Wohnung voller Katzen auf. Von dem Kofferinhalt sollen inzwischen, so die Spekulation, ungefähr zwei Drittel über die Oxford's Bodeleian Library veröffentlicht worden sein.

Ein weiteres Hauptwerk Kafkas wird nicht unter den noch verbleibenden Dokumenten vermutet, dafür aber Tagebucheinträge, Briefe und Skizzen. Es scheint, als gehe es bei dem Prozess um Kafka auch darum, der Originale habhaft zu werden, um dem Mann Kafka und seinen Werken näherzukommen, die, trotz der Fülle an Sekundärliteratur und ihres scheinbar klaren Stils, seltsam rätselhaft und deutungsresistent bleiben.

Vieles wird im Halbschatten bleiben

Vor Gericht geht es um die Vermutung, Brod habe seinen letzten Willen nochmal geändert und beschlossen, die Unterlagen Kafkas der israelischen Nationalbibliothek oder einem anderen öffentlichen Archiv zur Verfügung stellen zu wollen. Esther Hoffes Töchter treten dieser Vermutung mit einem Brief Brodes an ihre Mutters entgegen, der ihr rechtmäßiges Erbe und ihr Recht auf Verkauf belegen soll - nur das inzwischen festgestellt wurde, dass zwei Seiten des Briefes fehlen. Es wurde daher beschlossen, die Kafka-Dokumente der Schwestern zu durchsuchen und den Inhalt preis zu geben.

Die Öffentlichkeit wartet nun gespannt auf die Auswertung der Untersuchung, wobei bereits jetzt klar ist, dass viele Fragen und Zusammenhänge im Halbschatten bleiben werden. Was, so könnte man vermuten, wohl im Sinne Kafkas gewesen wäre. Um seinen Nachlass ranken sich mittlerweile so viele Spekulationen, dass inzwischen sogar in Zweifel gezogen wird, ob Kafka wirklich die Vernichtung seiner Werke angeordnet hat. Dies sei, so einige kritische Stimmen, Teil der Mythenbildung, die Max Brod vorangetrieben habe. Bei all den Spekulationen: Wer weiß, ob nicht doch noch ein großes kafkaeskes Werk in einem Safe schlummert, bereit, die Verwirrung weiter zu vergrößern.