Streit um Gomringer-Gedicht "Ich habe die Debatte nicht verstanden"

Der Dichter Eugen Gomringer steht vor dem Max-Liebermann-Haus am Pariser Platz, an dessen Fassade eines seiner Gedichte hängt.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

In Berlin wird noch einmal über das Gedicht "Avenidas" diskutiert. In den Hauptrollen: ein fassungslos schweigender Dichter, eine Prorektorin und ein Pseudonym namens "Frau Roth".

Von Hilmar Klute

Eugen Gomringer sieht im Streit um sein angeblich frauenfeindliches Gedicht "Avenidas" von Beginn an den Versuch, ein Kunstwerk aus dem öffentlichen Raum herauszuzensieren. Bei einer Diskussion am Montagabend im Berliner Max-Liebermann-Haus saß der 93 Jahre alte schweizerisch-bolivianische Dichter mit zwei Vertreterinnen der Alice-Salomon-Hochschule auf dem Podium - er tat dies die meiste Zeit über in fassungslosem Schweigen, und sein Bekenntnis "Ich habe die Debatte nicht verstanden" hat sich für den Träger des Alice-Salomon-Poetikpreises im Verlauf des Abends immerhin zu der Erkenntnis ausgewachsen, dass es hier vor allem um die Frage gehe: "Was darf Kunst nicht?"

Zur Erinnerung: Gomringers 1953 entstandenes Gedicht "Avenidas" war sieben Jahre lang an der Südfassade der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf angeschrieben. Es bestand aus den spanischen Wörtern für Alleen, Bäume, Frauen und dem von Hyperfeministen inkriminierten "Ein Bewunderer". Nach einem "langen demokratischen Prozess" haben Hochschulleitung und Studentenschaft vor kurzem entschieden, Gomringers Gedicht zu überpinseln und durch ein paar Verse der Duisburger Lyrikerin Barbara Köhler zu ersetzen.

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Neben Gomringer saßen Bettina Völter, die Prorektorin der Hochschule, sowie die Vorsitzende des Asta auf der Bühne, letztere unter dem Pseudonym "Frau Roth". Ihre wahre Identität mochte "Frau Roth" nicht preisgeben, weil sie in den letzten Wochen viele Hassmails bekommen habe. Was "Frau Roth" dagegen preisgab, war ihr Verständnis von Kunst und Emanzipation sowie ihre eigene Sprache, bei der es schepperte, als sei die Büchse der Pandora mit Schmackes auf die Avenidas geknallt: "Die Frage ist, was darf Kunst, meiner Meinung nach im Rahmen des Sagbaren. Parolen sind zu vermeiden, das ist der Rahmen, den das Grundgesetz vorgibt oder so." Gomringers Gedicht interpretierte "Frau Roth" aus "sozialarbeiterischer Perspektive" und fand folgerichtig in ihm einen versteckten Sexismus, vornehmlich in der Gestalt des im Schlussvers auftretenden "Admirador". Außerdem sei Avenidas voller Akkusative, welche Frauen und Blumen zu Objekten machten. In Wahrheit handelt es sich um reine Nominative, aber was bedeutet das schon, wenn man sich einmal auf eine diskriminierende Lesart festgelegt hat.

Als "Frau Roth" auf ihrem Smartphone, so erzählt sie es den fassungslos raunenden Zuhörern, gegoogelt habe und erfahren musste, dass "Admirador" Bewunderer heißt, "da drehte sich mir der Magen um". Auf der "Frauenebene", erklärte "Frau Roth", fand sie das Gedicht aber schön. Bettina Völter, die sich in vorangegangenen Debatten als eher unbeweglich gezeigt hat, gab auf der Bühne die joviale Vermittlerin und gestand Kommunikationsfehler ein - wohl auch, weil ihr das befremdliche Gerede von "Frau Roth" sichtlich peinlich war. Die ganze Angelegenheit, so Völter, sei doch kein Skandal, sondern vielmehr ein schöner Beleg dafür, dass sich Kunst und Wissenschaft reiben. So sehr sich Bettina Völter um den herrlich störrischen Dichter bemühte - Völters Beschwörungen der Gendersensibilität und der Maßgabe, dass die Hochschule die Interessen "mehrgeschlechtlicher Personen" berücksichtigen müsse, brachten Gomringer auf die Grundfrage: "Was ist an dieser Hochschule eigentlich in den letzten Jahren passiert, dass eine Schule plötzlich ein Gedicht nicht mehr sehen kann?" Gomringer, der sich einen weißen Schal um den Hals gewickelt hatte, als fröstle es ihn schon beim Gedanken an die irre Hermeneutik von "Frau Roth", gab Bettina Völter zur Antwort: "Ich werde hier ein bisschen umschmeichelt." Und: "Als Sie damals bei mir waren, haben Sie sich noch mit dem Begriff der Korrektheit gewehrt."

Nach über einer Stunde öffnete der Moderator Pascal Decker die Diskussion für das Publikum. Gomringers Tochter Nora, die sich selbst als Feministin bezeichnet, warf "Frau Roth" vor, mit der Sexismus-Debatte reine PR für die Hochschule zu betreiben: "Warum haben Sie nicht einfach - am besten nach Rücksprache mit einem Anwalt - gesagt, das Gedicht muss weg?" Später im Foyer verteilte Nora Gomringer eine Abschrift von "Avenidas" auf gummiertem Papier. Ein wirklich schönes Gedicht: "Alleen und Bäume und Frauen und ein Bewunderer." Als Eugen Gomringer zu Beginn der Debatte über die Schönheit der Sprache gesprochen hatte, empfahl er der befremdlich nickenden Prorektorin Bettina Völter: "Hören Sie jetzt lieber weg."

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