St. Vincent im Interview "Worum zum Teufel geht es in den Songs? Das ist doch im Grunde egal"

Anne Erin Clark wurde 1982 geboren und studierte am renommierten Berklee College of Music in Boston. Unter dem Namen "St. Vincent" erhielt sie für ihr viertes, unbetiteltes Album 2015 einen Grammy.

(Foto: Taylor Jewell/Invision/AP)

Die Sängerin und Songwriterin St. Vincent schwärmt vom Missverstanden-Werden - und vom Wunsch, irgendwann einfach in Flammen aufzugehen.

Interview von Marcel Anders

Die 35-jährige New Yorker Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Annie Clark alias St. Vincent ist unter den Pop-Königinnen der Gegenwart die klügste und konsequenteste Avantgardistin. Soeben erschien ihr fabelhaftes neues Album "Masseduction".

SZ: Miss Clark, Popstars klagen gerne darüber, missverstanden zu werden. Geht Ihnen das eigentlich auch so?

Annie Clark: Machen Sie Witze? Das ist das Allerbeste an dem Job!

Ist das Ihr Ernst?

Absolut. Es gibt nichts Schlimmeres als Künstler, die zu kontrollieren versuchen, wie Menschen ihre Kunst interpretieren oder analysieren. Das ist eine Schlacht, die von vornherein zum Scheitern verurteilt ist - und die sich zudem sehr narzisstisch anfühlt. Da sage ich lieber: "Hier, ich habe diese Sache gemacht. Ich hoffe schwer, dass ihr sie mögt oder hasst, also seht es, wie ihr es wollt." Ich meine: Führen Sie sich nur vor Augen, wie viele Songtexte Sie in ihrem Leben wahrscheinlich schon falsch verstanden haben, die trotzdem eine besondere Bedeutung für Sie haben. Wenn Sie die später, mit fortgeschrittenem Alter, noch einmal hören und erkennen, wie falsch Sie dabei gelegen haben, ist das doch toll. Es geht um diesen Moment der Erkenntnis, der Erleuchtung. Ich meine, jeder Song ist am Ende wie ein Rorschach-Test. Es kommt immer auf die Sichtweise an, es gibt kein Richtig und Falsch.

Wie bei den notorisch rätselhaften Klassikern "Stairway To Heaven" oder "A Whiter Shade Of Pale"?

Ja, worum zum Teufel geht es in den Songs? Das wissen wahrscheinlich nicht einmal diejenigen, die sie geschrieben haben. Aber im Grunde ist das eben egal.

Viele Musiker wollen allerdings am liebsten nur über ihr neues Album reden.

Verrückt. Es ist nämlich alles andere als leicht, über ein Album zu reden. Vor allem immer und immer wieder. Du denkst dir: "Moment, ich habe doch schon alles erzählt. Und zwar alles, was ich weiß - und mehr, als ich meiner eigenen Familie erzählen würde. Hört doch einfach hin!" Trotzdem muss man den Leuten immer wieder alles bis ins Detail aufdröseln. Das hat ein bisschen was davon, wie ein Vertreter von Tür zu Tür zu ziehen.

Eine Frage zu Ihrem neuen Album muss trotzdem erlaubt sein, bitte!

Na gut.

Es endet mit dem Song "Smoking Section" und den Worten "What could be better than love / it's not the end" und dem Bild, wie Sie im Raucherbereich eines Cafés oder einer Bar sitzen und verzweifelt um Aufmerksamkeit buhlen. Was haben Sie sich denn dabei gedacht?

Ich hoffe einfach, dass irgendwann etwas von der Glut einer Zigarre auf mir landet und mich in Flammen aufgehen lässt. Das tue ich öfter. Ich sitze da und warte auf den Funken, der überschlägt.

Und dann?

Kann ich die Person verklagen und dafür sorgen, dass es solche Raucherrefugien in Zukunft nicht mehr gibt.

Der Song "New York" hat Ihnen nicht zuletzt deshalb viel Aufmerksamkeit beschert, weil es eine intime Liebeserklärung an Ihre Ex-Freundin, das Supermodel Cara Delevingne, ist. Sie singen: "You're the only motherfucker in the city who can handle me" ...

Das sagt doch alles, oder?

Dass Sie so offen privat sind in Ihrer Kunst, war eine Überraschung.

Na ja, ich habe das fast ein Jahr mit mir herumgetragen. Mittlerweile denke ich aber: Es ist okay, wenn sich die Leute darauf stürzen und darüber reden. Das verstehe ich, weil mich das an ihrer Stelle auch interessieren würde. Weil ich genauso auf Klatsch stehe wie alle. Und ich habe nun mal, wenn auch unabsichtlich, eine sehr öffentliche Beziehung geführt. Da wollen die Leute dann mehr wissen, jedes noch so kleine Detail. Das ist schon in Ordnung, sollen sie doch bekommen, was sie wollen. Und wenn sie daraus etwas für ihr eigenes Leben ziehen können, umso besser.

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