Spanische Comickünstler von 1957 Frühling der Hoffnung

Paco Roca erzählt in seinem Buch "Der Winter des Zeichners" von Comickünstlern unter Franco. Das wohlhabende Nachkriegs-Spanien schildert der Autor anhand von atmosphärischen und akkuraten Bildern der Bars und Straßen Barcelonas. Nicht nur etwas für eingefleischte Comicfans.

Von Heiner Lünstedt

Paco Rocas preisgekrönter und bereits als Zeichentrick verfilmter Comic "Arrugas" ("Falten") über die Freundschaft zweier Bewohner eines Altersheims im Schatten einer Alzheimer-Erkrankung ist bei uns noch nicht erschienen. Daher verwundert es, dass es sich bei der ersten deutschen Veröffentlichung des spanischen Comickünstlers um ein sehr stark regional geprägtes Werk handelt.

Basierend auf tatsächlichen Ereignissen, erzählt "Der Winter des Zeichners" von fünf spanischen Lohn-Zeichnern, die im Franco-Spanien des Jahres 1957 den Schritt in die Freiheit wagten. Beim auf junge Leser spezialisierten Verlagshaus Bruguera hatten sie zwar ein gesichertes Einkommen, aber keinerlei Rechte an ihren Zeichnungen und Texten. Auch künstlerische Freiheit galt dort nichts, denn es herrschte Angst vor der Zensur. Daher gründete das Quintett ein eigenes Comicmagazin namens Tio Vivo, das sich an ein erwachsenes Publikum richtete. Das Projekt scheiterte, weil Bruguera seine Beziehungen spielen ließ und Vertriebswege blockierte. Die Zeichner kehrten wieder an ihre ungeliebten Arbeitsplätze zurück oder veröffentlichten nur noch im Ausland. Eine kleine Rolle innerhalb der Geschichte spielt der junge Newcomer Francisco Ibáñez, dessen Serie "Mortadelo y Filemón" auch in Deutschland als "Clever und Smart" ein großer Erfolg wurde.

Paco Rocas Bilder der Straßen und Bars von Barcelona sowie der Verlagsräumlichkeiten sind ebenso akkurat wie atmosphärisch ausgeführt. Die Figuren, die diese Szenerien bevölkern, wirken dagegen etwas steif und emotionslos. Doch diese Schwäche gleicht Roca durch einen originellen Einfall aus: Um zu verdeutlichen, wie zwischen den ineinander verschachtelten Zeitebenen seiner Geschichte die Jahreszeiten wechseln, verwendet er verschiedenfarbiges Papier. Der hoffnungsvolle Frühling des Aufbruchs schimmert rötlich, der Winter, in dem die Zeichner zurück in die Verlags-Knechtschaft kehren, ist mit einem kalten Blau unterlegt, während die Erlebnisse im Sommer und Herbst auf gelbem respektive braunem Papier gedruckt wurden.

"Der Winter des Zeichners" richtet sich nicht nur an eingefleischte Comicfans. Die mit vielen Zwischentönen versehene Geschichte zeichnet gut nachvollziehbar das Bild eines Nachkriegs-Spaniens in relativem Wohlstand, wobei ständige Barbesuche nicht wirklich helfen, damit klarzukommen, in einer Diktatur zu leben. Zugleich erzählt Roca, wie wichtig es ist, eine Sache gewagt zu haben, selbst wenn sie am Ende scheitern wird.

Paco Roca: Der Winter des Zeichners. Aus dem Spanischen von André Höchemer. Reprodukt Verlag, Berlin 2012. 128 Seiten, 20 Euro.