Jeder Kritiker hat seine Masche. Jeder hat seine Lieblinge, oh ja, und seine Feindbilder, die kein Bein auf seinen persönlichen Boden kriegen. Das macht die Sache nicht gerade brauchbar. Es lohnt kaum noch, Kritiken zu lesen, verbale Schlachten zu verfolgen, Hymnen und Verrisse, Lob und Häme sich reinzuziehen. Es lohnt nur noch, Bücher möglichst selbst zu lesen.
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Das Feuilleton schreibt füreinander und gegeneinander, man zeigt sich, wer der Gescheiteste, Schnellste, Arroganteste ist - und der Leser ist eh wurscht, so scheint es mir zu sein.
Schon lange freue ich mich nicht mehr über gute und leide nicht mehr unter schlechten Kritiken, und vielen Kollegen geht es wie mir. Damit meine ich nicht nur meine eigenen Bücher, sondern auch Bücher, die ich liebe oder nicht liebe, und die von Kritikern gelobt oder hingerichtet werden. Es interessiert mich einfach nicht mehr. Ich wittere zu viele eitle Hahnenkämpfe hinter den Kulissen und weiß auch von solchen. Und ich sehe nur noch selten Respekt vor der Arbeit eines Autors.
Jede Verallgemeinerung ist falsch, so auch diese. Es gibt andere, es gibt gründliche und ehrliche und aufrichtige Kritiker, deren Ego hinter dem des Künstlers, des Autors tatsächlich zurückzubleiben versteht. Die meisten aber verachten den Leser bestimmter Bücher als Simpel und schreiben nur für ihresgleichen.
Bei der Gruppe 47, sagte Joachim Kaiser mal, konnte man auch als Kritiker durchfallen, nicht nur als Autor. Marcel Reich-Ranicki hatte damals keine guten Karten, was man so hört. Das Internet mit seinen vielen Möchtegernkritikern verändert die Kritik-Landschaft zusätzlich.
Wer heute jung ist und unter jahrelanger Qual ein Buch schreibt, kann sich sicher sein, auf Amazon von irgendeinem Gimpel, dem die Nase des Autors nicht passt, unter falschem Namen eine verpasst zu kriegen. Wie gut könnte man da die Feuilletons gebrauchen! Aber die Feuilletons bleiben, statt zu vermitteln und einzuordnen: unter sich.
Sehr viele neue Bücher werden hier gar nicht besprochen, weil man vor allem jene besprechen will, die die anderen auch gerade besprechen. Dabei wird oft vergessen, was ein Literaturkritiker eigentlich stets bedenken sollte. Reinhard Baumgart, ein großer Kritiker, hat es so formuliert:
"Ich jedenfalls meine, man muss seinen Gegenstand, bevor man ihn abfertigt, auch darstellen, was meist wesentlich schwieriger ist als das Formulieren von Urteilen. Also in den gravitätischen Worten des alten Goethe: Man soll erst einmal sagen und zeigen, was ein Autor sich 'vorgenommen' hat, dann überlegen, ob das 'einsichtig' und 'vernünftig' war, und erst drittens dann entscheiden, ob er das Intendierte erreicht hat. Immer noch, für mich, die allerbündigste Anweisung für das kritische Geschäft."
Was hatte Helene Hegemann sich vorgenommen? Uns eins in die Fresse zu hauen. Hat sie geschafft. Nun, sie hat dabei abgeschrieben. Ein fleißiges Mädchen. Bei Harald Schmidt, vergangene Woche, wurde uns zudem auch ein seltsam gestörtes Mädchen vorgeführt. Sie will zur Bundeswehr, um ihre Ruhe zu haben. Die einen Kritiker gucken jetzt doof aus der Wäsche. Und die anderen platzen vor Selbstgerechtigkeit. Als hätten sie alles schon vorher gewusst. Was sie nicht getan haben.
Ein kranker Betrieb. Noch ein kleiner Tipp? Lesen! Guten Büchern kann dieser Betrieb nämlich nix anhaben.
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(SZ vom 20.10.2010/mikö)
"Was hatte Helene Hegemann sich vorgenommen? Uns eins in die Fresse zu hauen." Liebe Frau Heidenreich, wie kommen Sie denn darauf? Das Motiv passt zu Ihnen - Sie unterstellen es schwesterlich einer anderen.
Kann ja auch so gewesen sein: Siebzehn, und noch immer nicht beruehmt - versuchs doch mal mit nem Kotzfickbuch, das geht immer.
"In meiner Sendung "Lesen!" habe ich sechs Jahre lang nur Buchempfehlungen, also Lesetipps gegeben. Das war keine Literaturkritik und so auch nicht gedacht."
Einfach nur lächerlich, was sind denn Empfehlungen anderes als Parteinahme und somit (versteckte) Kritik gegenüber den nicht empfohlenen Büchern.
Wie richtig, liebe Elke Heidenreich, und doch auch wieder: wie falsch! Mit Ihrer Argumentation könnte man die gesamten Sinnstiftungswissenschaften gleich mit in den Orkus kippen. Aber ja doch, mit vielen Beiträgen kann man das wirklich, doch der Dialog dieses Betriebs ist trotzdem so wichtig, weil sich hier die Sinnsuche einer ganzen Gesellschaft mit ihren Dummheiten und auch ihrer Klugheit kondensiert. Am Ende macht uns doch auch die aktuelle Debatte über Frau Hegemann Lust auf das Lesen als solches und sei es das Lesen der Ergüsse jener Hahnenkämpfe, die Frau Heidenreich so trefflich geißelt. Übrigens sind es auch Hennenkämpfe, wie Frau Radisch in der aktuellen Ausgabe der Zeit belegt.
Mit Verlaub: Ich möchte gerne auch weiter in den Feuilletons Bücher empfohlen bekommen und andere vernichtet wissen weil jede Lobpreisung über den grünen Klee (so wie Helene H. sie zunächst erfahren hat) notwenig einen fulminanten Widerspruch nach sich zieht, wenn er berechtigt ist - und umgekehrt auch jeder Verriss. Auch weil ich mir zutraue, die passende Rezension von der unpassenden zu unterscheiden. Das lernt man mit der Zeit, so wie man eben auch lernt, gute von schlechter Literatur zu unterscheiden und sowas wie einen Geschmack herauszubilden der am Ende sogar in der Lage ist zu formulieren, WAS ihm ge- oder missfällt.
Trotzdem habe ich mich über die zutreffende Darstellung der eitlen Fatzkes - und Fatzkinnen! - unseres Kulturbetriebs sehr amüsiert: Köstlich. Vor allem die Mutmaßung, was zu den komischen Elogen über Axolotl Dingsbums geführt haben dürfte!
per infinitum ad absurdum
Dinge die nicht weiß sind, müssen deswegen nicht notwendigerweise schwarz sein. Menschen, die es wagen, intellektualisierenden Kulturbetrieb zu kritisieren, mit dem Stammtischargument abzuwatschen, ist ein brutal originelles Totschlagsargument, das manchmal zugegebenermaßen trotzdem einfach passt. Elke Heidenreich hat es hier aber mit ihrer wesentlich differenzierteren und in der Ausdrucksweise ebenfalls überlegenen Ausführung nicht verdient.
Absolut. Und es könnte jetzt wieder Frühling werden in diesem grippalen Land der verteilungsgerechten Morallisten, der Kultur der mittleren Sachbearbeitung, die nach Dienstschluss das abschreibende Wunderkind oder gleich den technoiden Raver und Kaputtpoeten trifft, wenn "Desperate Housewives" garade nicht mehr läuft.
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