Sigmund Freud Morsches Fundament der Psychoanalyse

Sigmund Freud im Jahr 1938, circa ein Jahr vor seinem Tod in seinem Haus in London.

(Foto: Reuters)

Eines der berühmtesten Möbelstücke der Welt ist kaputt: An der Couch von Psychoanalytiker Sigmund Freud nagt der Zahn der Zeit. Nun wird sie mit Hilfe von Spendengeldern restauriert.

Von Alexander Menden, London

In einem Raum mit Blick auf den Garten von Sigmunds Freuds Londoner Haus läuft eine kurze Filmschleife. Darin berichtet Freud kurz vor seinem Tod über die beruflichen und persönlichen Widerstände, mit denen er als Begründer der Psychoanalyse zu kämpfen hatte. Schließlich, so sagt er in dem Film der BBC, sei ihm zwar Erfolg beschieden gewesen, aber der Kampf sei noch nicht zu Ende. Er macht das in seinem unverwechselbaren, wienerisch akzentuierten Englisch: "Se straggel iss not jet over!"

Tatsächlich musste die Familie Freud nach dem nationalsozialistischen "Anschluss" Österreich im Jahr 1938 verlassen und zog nach Hampstead. "Wir haben es unvergleichlich besser als in der Berggasse oder sogar in Grinzing", sagte Sigmund Freud über den Londoner Vorort Hampstead. Die Adresse: 20 Maresfield Gardens blieb bis 1982 der Freudsche Familiensitz. Er hat - inzwischen ist er das Freud-Museum - den Charakter eines Privathauses bewahrt. Die Freuds hatten glücklicherweise ihren Wiener Hausrat mitnehmen können, darunter reichlich Biedermeier- und Landhausmobiliar, wie auch des Doktors stattliche Bücher- und Antiquitätensammlung.

Sigmund Freuds Arbeits- und Behandlungszimmer wurde in dem Zustand belassen, in dem der Begründer der modernen Psychoanalyse es in seinem Todesjahr 1939 hinterließ. Sein Schreibtischstuhl entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ausrangierter Zahnarztsessel. Unweit davon befindet sich aber das mit Abstand berühmteste Möbelstück des Hauses - und zugleich eines der berühmtesten der Welt: die Couch. Freuds Couch!

Die Original-Couch von Sigmund Freud in London.

(Foto: Imago Stock&People)

Der überraschend niedrige Diwan, 186 Zentimeter lang, 83 Zentimeter breit, das Ursymbol der Psychoanalyse, versteckt sich unter einem farbenprächtigen Perserteppich und zwei bestickten Chenille-Kissen. Dieses Prachtexemplar des überladenen bürgerlichen Wohnstils des späten 19. Jahrhunderts bot Freud seit ungefähr 1890 jenen als Liegestatt an, die bei ihm Hilfe suchten. Eine Wiener Patientin namens Madame Benvenisti hatte ihm die Couch geschenkt. Ein sehr willkommenes Präsent - so musste der Arzt seinen Patienten nicht ins Gesicht blicken. Denn, so Freud: "Ich vertrage es nicht, acht Stunden täglich angestarrt zu werden."

Es nagt der Zahn der Zeit

Obwohl seit vielen Jahrzehnten niemand mehr darauf analysiert wurde, nagt der Zahn der Zeit an dem jetzt dann doch morschen Möbel. Die Nähte des mindestens 123 Jahre alten, durchgescheuerten Leinenpolsters lösen sich auf, die Füllung droht heraus zu quellen. Anfang vergangener Woche, am 157. Geburtstag Siegmund Freuds, gab das Museum bekannt, es benötige umgerechnet etwa 6000 Euro für die fachmännische Restaurierung der Couch. "Das Interesse war überwältigend", sagt Marion Stone, zuständig für die Museums-Finanzen. "Wir bekamen Hilfsangebote aus China, Australien, Italien, Japan - aus der ganzen Welt." Die Spenden flossen reichlich, und der benötigte Betrag war innerhalb von wenigen Tagen beisammen. Zudem haben sich mehrere Möbelrestauratoren gemeldet, welche Freuds Couch unentgeltlich reparieren würden. Nun wird eine Spezialfirma den Auftrag übernehmen.

Ermutigt von dem Erfolg, hat sich das Freud-Museum ein neues Ziel gesetzt. Das Haus, vor allem das Arbeitszimmer, ist vollgestopft mit antiken Skulpturen, die Freud leidenschaftlich sammelte. Auch sie sollen nun mit Spendengeldern restauriert werden. Die Kosten dafür werden auf 47.000 Euro geschätzt.