Setbesuch bei Josef Hader Brenner auf Talfahrt

Von links: Josef Hader, Nora von Waldstaetten und Tobias Moretti am 15. April am Set von "Das ewige Leben".

(Foto: Getty Images)

Eigentlich ist der Spielort Graz. Aber Josef Hader und seine Mitstreiter drehen die Verfilmung des Simon-Brenner-Krimis "Das ewige Leben" wegen des Fördergeldes nun in München weiter. Ein Besuch am Set.

Von Josef Grübl

Die Steiermark ist nicht unbedingt die Gegend, die als Heimstätte internationaler Filmproduktionen bekannt wäre. Arnold Schwarzenegger besucht zwar gelegentlich seine alte Heimat, vor der Kamera stand er aber hier noch nie. Auch die heimische Filmbranche dreht lieber in der Hauptstadt Wien - oder in touristisch ergiebigeren Gegenden wie dem Salzkammergut oder dem Wörthersee. Zum steirischen Glück gibt es noch Josef Hader und seine beiden Mitstreiter Wolf Haas und Wolfgang Murnberger: Die kreativen Köpfe hinter der Kinofilmreihe um den ehemaligen Polizisten Simon Brenner wählten Graz zum Schauplatz ihrer Verfilmung des Haas-Romans "Das ewige Leben".

Es ist der vierte Haas-Film in 14 Jahren, der von Hader gespielte Brenner kehrt darin in die Stadt seiner Jugend zurück. Er begegnet alten Freunden und einer noch älteren Liebe, irgendwann landet er mit einer Kugel im Kopf im Krankenhaus. Gründe für einen Selbstmordversuch gäbe es genug, doch nur der Brenner weiß, dass es ganz anders war.

Seit Mitte März laufen die Dreharbeiten in der steirischen Landeshauptstadt, kurz vor Ostern ist das Team nach München umgezogen. "Das liegt an der Filmförderung", sagt Regisseur Wolfgang Murnberger während einer Drehpause, "der Brenner kommt im ganzen Film gar nicht raus aus Graz". Weil die Produzenten in Österreich aber nicht genügend Geld auftreiben konnten, wurde aus dem "Ewigen Leben" eine österreichisch-deutsche Koproduktion. Der Film-Fernseh-Fonds Bayern förderte das Projekt, laut dessen Vergaberegeln muss das Geld auch hier ausgegeben werden: So wird aus dem Münchner Kreisverwaltungsreferat die Grazer Rentenversicherungsanstalt, leerstehende Büros in Riem verwandeln sich in die steirische Landespolizei. "So etwas nimmt man gerne in Kauf", sagt der Regisseur, der Mittfünfziger mit dem grauen Lockenkopf lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. "Ohne die Förderung hätten wir den Film nicht drehen können."

"Die humorfreie Zone"

Murnberger sitzt in einer heruntergekommenen Fabrikhalle in Neuaubing, dort haben seine Szenenbildner ein Altmöbellager errichtet. Davor steht ein altes Puch-Moped: Im Film kurvt der Brenner damit durch Graz, in der Fabrik dient es als Requisit für die Fotografen. Zum Hauptdarsteller und Regisseur gesellen sich noch Tobias Moretti, Roland Düringer und Nora von Waldstätten. Bei einem Brenner-Film sagt kein Schauspieler nein, die Macher konnten zwischen den größten Stars des Landes wählen. Die Vorgängerfilme "Komm, süßer Tod", "Silentium" und "Der Knochenmann" bekamen viel Kritikerlob und waren in ihrer Heimat Kassenhits, auch in Deutschland liefen sie gut.

"Vor allem in Bayern, Berlin und Hamburg", so der Regisseur, "die Mitte Deutschlands ist dagegen schwierig. Josef nennt sie immer die humorfreie Zone." Da muss er selbst lachen, auch dieses Mal hat er das Drehbuch gemeinsam mit Hader und Haas verfasst. Früheren Aussagen zufolge sei das immer ein Blutbad gewesen, literarisch gesehen natürlich. Alle drei schrieben zunächst eigene Fassungen, die sie sich so lange um die Ohren hauten, bis etwas Gemeinsames entstand. Mittlerweile geht es harmonischer zu: "Wir streiten immer sehr freundlich miteinander", sagt Hader. "Es fällt uns auch leicht, Entscheidungen zu treffen, weil es immer zwei zu eins steht, irgendwann."

"Das Blöde ist, ich will auch geliebt werden"

Ein mäanderndes Interview über die vermeintliche Kriegsbegeisterung 1914, einen "teuflischen Schachzug" von Papst Franziskus, gesunde Hypochondrie und die fatale Profilneurose des österreichischen Kaisers Franz Joseph I. Von Oliver Das Gupta mehr ... Platz 12 - 14 aus 2014

Der 52-Jährige hat sich für die Rolle einen Vollbart wachsen lassen, damit könnte er beinahe als später Hipster durchgehen. Hader ist einer der erfolgreichsten Schauspieler Österreichs, er ist gleich mit mehreren Filmen in der ewigen Bestenliste des Landes vertreten. Das sagt viel aus über die dortige Filmszene: Während in Deutschland Frauenlieblinge wie Matthias Schweighöfer oder Til Schweiger das Publikum anlocken, sind es in Österreich Kabarettisten wie Hader, Düringer oder Alfred Dorfer. Ihre Kinoausflüge als "Kabarettfilme" abzutun (wie die ihrer deutschen Kollegen Gerhard Polt oder Frank-Markus Barwasser), trifft die Sache aber nicht: Vielmehr sind Publikumshits wie "Hinterholz 8", "Bad Fucking" oder "Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott" moderne Heimatfilme mit sarkastischem Witz und unverwechselbaren Figuren, die Zuschauer können sich damit identifizieren.

Sowohl Hader als auch Murnberger betonen, wie wichtig ihnen die Charaktere seien: "Wir haben sieben Drehbuchfassungen geschrieben", erzählt der Regisseur, "dabei wurden es immer weniger Figuren und immer weniger Handlung, dafür immer mehr Konflikt mit den wenigen Figuren." Diese dürfen gerne auch grobschlächtig, gemein oder grantig sein, das gilt in bestimmten Kreisen durchaus als landestypisches Verhalten. Vor allem sind die Filme radikaler und ehrlicher als der deutsche Mainstream-Einheitsbrei. Im Filmkunstfach genießen die Österreicher ohnehin einen exzellenten Ruf. Regisseure wie Michael Haneke, Ulrich Seidl oder Jessica Hausner werden zu den großen Festivals eingeladen und gewinnen regelmäßig Preise.

Es hat wohl etwas mit dem nationalen Minderwertigkeitskomplex zu tun, dass die Österreicher ihre Landsleute oft erst dann feiern, wenn sie Anerkennung aus dem Ausland erfahren. Der bayerische Vorzeigeregisseur Marcus H. Rosenmüller outete sich schon vor Jahren als Fan des österreichischen Kinos, aktuell bereitet er einen Dokumentarfilm über den Musiker Hubert von Goisern vor. Seine Regiekollegen Joseph Vilsmaier, Detlev Buck oder Benjamin Heisenberg arbeiten regelmäßig mit Produzenten aus dem Nachbarland zusammen, österreichische Schauspieler wie Simon Schwarz, Birgit Minichmayr oder Georg Friedrich stehen in beiden Ländern hoch im Kurs.

"Da wird man eben mutiger"

Die Zeiten für deutsch-österreichisches Kino sind ohnehin gut: Andreas Prochaskas Alpenwestern "Das finstere Tal" ist der große Favorit bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises in zwei Wochen, Koproduktionen wie "Die Wand" oder "More than Honey" liefen in beiden Ländern gut. Natürlich werden in Österreich nicht so viele Filme produziert wie hierzulande, es gibt auch viele Flops. Der kommerzielle Druck ist aber nicht so hoch wie in Deutschland. Der Schauspieler Karl Markovics sagte anlässlich seines Regiedebüts "Atmen": "Wir haben acht Millionen Menschen, für einen Kinomarkt ist das eigentlich lächerlich. Da wird man eben mutiger, weil einen Blockbuster erwartet eh keiner."

Beim neuen Brenner-Film, der im März 2015 in die Kinos kommen soll, ist das etwas anderes: So gab Wolfgang Murnberger nach dem "Knochenmann" zu verstehen, dass er sich sowohl künstlerisch als auch von den Zuschauerzahlen her noch einmal steigern wolle. Anderenfalls könne man es auch bleiben lassen. "Es ist schon ein großer Druck", bestätigt er am Set in Neuaubing, "die Latte liegt ziemlich hoch". Es ist Josef Hader, der die Erwartungen wieder herunterschraubt - wenngleich auch auf seine Art: "Der Brenner macht von Film zu Film einen Lebenssprung. Eigentlich immer nach unten, es ist ein neuer Tiefpunkt erreicht." Dann sagt er lachend: "Er ist auf dem Sprung vom einsamen Cowboy zum Mindestrentner."