Semikolon Zeichen unserer Zeit

Mal wieder beschwört ein Medienbericht den Untergang eines Satzzeichens herauf. Überall Ausrufezeichen, Pünktchen: Adieu, Strichpunkt? Mitnichten.

Von Carolin Gasteiger

Totgesagt wurde es schon oft. Und seine besten Zeiten hat das Semikolon bestimmt hinter sich. In immer weniger Texten findet man es, in den ersten fünf Stücken auf Süddeutsche.de an einem beliebigen Morgen: kein einziges Mal. Da verwundert es nicht, dass die Neue Zürcher Zeitung sich in die Schar der Grabredner des Satzzeichens einreiht und den "Niedergang des Strichpunkts" ausruft.

US-Statistiker Tyler Vigen, auf dessen Semikolon-Studie sich der Bericht bezieht, hat in sieben Bestsellern dessen Verwendung untersucht und kam zu dem Ergebnis: In "Verstand und Gefühl" von Jane Austen kommt in jedem dritten Satz ein Strichpunkt vor. In "Harry Potter und der Stein der Weisen" von J. K. Rowling, das 187 Jahre nach Austens Roman erschien, nur noch in jedem 49. Satz. Adieu, Semikolon?

Ende. Aus. Punkt.

Als wäre es nicht schon schwer genug aus SMS-Wörterfetzen den tieferen Sinn herauszulesen, werden nun auch noch Satzzeichen zu Bedeutungsträgern. Ein Punkt heißt oftmals Ärger - gibt es ihn bald deshalb nicht mehr? mehr ... jetzt.de

Vielleicht ist es kein Wunder, dass es nicht mehr verwendet wird. Sind heutzutage doch statt Unentschlossenheit Klarheit und Mut zur Haltung gefragt. Im Netz sollen wir ständig unsere Meinung äußern. Fanden Sie das gut? Oder schlecht?

Also lieber mal einen ordentlichen Punkt setzen.Und wenn schon Strichpunkt, dann nur im lästigen Zwinkersmiley, das jedem ernsthaft niedergeschriebenen Satz die Ernsthaftigkeit nehmen soll, aber im Grunde völlig überflüssig ist.

Vor einigen Jahren bereits tobte in Frankreich eine Debatte darüber, ob das Semikolon aussterbe. Schuld sei unter anderem die amerikanische Sprache mit ihren kurzen Sätzen, hieß es unter den Intellektuellen des Landes (die ihrer Empörung damals im SZ Magazin Luft machten). Seitdem kommt es in regelmäßigen Abständen zu Abgesängen auf den Strichpunkt. Und, mal ehrlich, wann haben Sie ihn zuletzt verwendet?

Man könnte tatsächlich den Eindruck gewinnen, den Platz von Semikolons (auch: Semikola) hätten inzwischen andere eingenommen: Das penetrante Ausrufezeichen etwa! Oder die wieselnden Punkte, die vieles andeuten, aber nichts Konkretes ...

Doch den Strichpunkt totzusagen, dafür ist es zu früh. Denn bei näherer Betrachtung ist es das Zeichen unserer Zeit. Inzwischen heißt es nicht mehr Kind oder Karriere, es heißt nicht mehr Vegetarier oder Fleischesser, und wer im Juni noch mit dem Rucksack durch Australien tourte, liegt im Oktober vielleicht im All-inclusive-Hotel am Pool. Warum? Weil wir uns entscheiden können, nicht müssen.

Wieso gebrauchen wir den Strichpunkt nicht öfter?

Dem Duden zufolge kann das Semikolon "zwischen gleichrangigen Sätzen oder Wortgruppen stehen, wo der Punkt zu stark, das Komma zu schwach trennen würde" und soll zusammengehörige Gruppen in Aufzählungen markieren. Die Schriftstellerin Juli Zeh nennt den Strichpunkt "das Zeichen der Unentschiedenen, der Zauderer, der Grenzgänger, der Wanderer zwischen den Welten"; aber manchmal wählt man eben bewusst das Dazwischen, den vagen freien Raum. Oder, noch luftiger formuliert es eine taz-Leserin: Ein Semikolon gebe der Pause ein lebendiges Vibrato. "Das Komma ist ein Arbeitstier; es ist der Notwendigkeit verhaftet." Schön, oder? Und im folgenden Auszug aus dem Text einer Kollegin gewinnt die Passage - und damit die psychologische Kriegsführung - erst richtig Fahrt: "Im Job übt man sich bevorzugt in psychologischer Kriegsführung; da werden beständig feine Spitzen gesetzt, die das Selbstbewusstsein der Kollegen langsam aber sicher ankratzen."

Insofern müsste das Semikolon, dieser hinkende Punkt, dieses Komma mit Hut, ständig in unseren Texten auftauchen. Aber wieso gebrauchen wir es dann nicht öfter? Eine Umfrage unter Kollegen:

"Ich verwende das Semikolon leider allerhöchstens ganz selten und dann auch immer leicht legasthenisch-unsicher, ob es da jetzt hingehört oder nicht."

"Es geht mir ein bisschen wie mit Siri. Sie ist da, in meinem iPhone: Wäre auch ganz nützlich, aber ich denke nicht an sie ...;)"

"Der Strichpunkt ist gescheitert zwischen Komma, Punkt und Doppelpunkt. Diese Unentschlossenheit mag ich nicht."

"Ich finde das Semikolon sehr nützlich, um einen Zusammenhang zwischen zwei Gedanken darzustellen."

"Es bereichert die Sätze, weil es das Tempo beibehält, aber den Satz zerteilt. Und es sieht schön aus."

Natürlich sind kurze Sätze verständlicher. Stakkato. Eine klare Aussage. Punkt. Aber in manchen Fällen lässt es sich eben nicht vermeiden, ein bisschen auszuholen; genau dann lässt sich die Wortflut mit einem gekonnt gesetzten Semikolon leichter bewältigen. Es ist also nicht eine Frage des Entweder/Oder, sondern eine Frage des Stils. Und guter Stil übersteht einiges; sogar Zwinkersmileys.