Schweigeminute in ARD-Talkshow Unerträgliche Stille bei Jauch

Erzwang bei Günther Jauch am Sonntagabend eine Schweigeminute für die Opfer der Flüchtlingskatastrophen auf dem Mittelmeer: Harald Höppner, Initiator von Sea Watch.

(Foto: dpa)

60 Sekunden zur Trauer und inneren Einkehr? Viel zu kurz, sollte man meinen. Die erzwungene Schweigeminute beim Jauch-Talk beweist das Gegenteil. Stille berührt uns - ob wir wollen oder nicht.

Von Johanna Bruckner

Es ist nicht so, als hätte eine "Günther Jauch"-Sendung keine eigene Dramaturgie. Das Zwiegespräch im Publikum mit einem Gast, der aus welchen Gründen auch immer keinen Platz gefunden hat auf dem Podium, ist fester Bestandteil des Talks. Meist soll es dann menscheln. Auch an diesem Sonntagabend, beim Thema "Das Flüchtlingsdrama! Was ist unsere Pflicht?", zoomte die Kamera nach einer knappen Stunde intimitätsheischend auf den Moderator und einen Mann im blauen Kapuzenpulli.

Harald Höppner, so wusste der Zuschauer aus dem zuvor gezeigten Einspieler, ist einer, der nicht nur zuschaut und sich echauffiert, wenn auf dem Mittelmeer Hunderte, Tausende Menschen ertrinken. Harald Höppner, Initiator der kleinen privaten Seerettungsmission Sea Watch, ist ein Mann der Tat. Er war als Konterpart zu den Wortschwingern im Stuhlrund geladen, doch mit der Rolle des lächelnden und brav Fragen beantwortenden Gastes gab er sich nicht zufrieden. Höppner stand auf, lief aufs Podium zu und forderte mitten in der Live-Aufzeichnung eine Schweigeminute für die umgekommenen Flüchtlinge. Als der sichtlich überrumpelte Moderator ihn bremsen wollte, wurde er im eigenen Studio zurechtgewiesen: "Herr Jauch, Deutschland sollte eine Minute Zeit haben, um dieser Menschen zu gedenken."

Danach wollte sich keiner mehr der verordneten Gedenkmaßnahme entziehen, und so herrschte Stille. 60 Sekunden lang. Lang? Sind 60 Sekunden nicht viel zu kurz zur Trauer und inneren Einkehr? Wie viel Reflexion ist in 60 Sekunden möglich über ein Thema, über das Politiker, Menschenrechtler, Talkshowgäste seit Monaten erbittert streiten können? Und - auch dieser Eindruck wird bei manchem Zuschauer hängengeblieben sein: War das Ganze am Ende nicht mehr als ein Aufmerksamkeits-Coup eines Aktivisten, der im Verlauf der Sendung mehr daran interessiert schien, seine mitunter wirre Agenda loszuwerden, als sich konstruktiv ins Gespräch einzubringen (wobei das sicher nicht nur ihm vorzuwerfen ist)?

Schmerz ist nicht mit Stille aufzuwiegen

Ist die Schweigeminute zum billigen Mittel der kollektiven Anteilnahme geworden? Fast Food für die Seele? 60 Sekunden für tote Flüchtlinge, tote Flugzeuginsassen, tote Karikaturisten - und dann zurück zum gedankenbefreiten Alltag?

Die Antwort auf diese Fragen muss natürlich lauten: Nein, 60 Sekunden werden dem Leid der Menschen, derer gedacht wird, natürlich nicht gerecht. Schmerz ist nicht mit Stille aufzuwiegen. Und natürlich sind 60 Sekunden nicht genug Zeit zum Trauern und Reflektieren. Die Schweigeminute wirkt trotzdem - und im besten Fall länger als eine Minute.

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Zu dieser Erkenntnis konnte man auch in der Jauch-Sendung gelangen. Dort hielt die Kamera erst auf das ungeordnet stehende Grüppchen auf dem Podium mit einem belustigt wirkenden Ex-Innenminister Friedrich und einem verlegen-freundlichen Jauch, dann auf die ordentlich aufgereihten Studiozuschauer, dann fuhr sie ganz nah heran an die ernste Miene von SZ-Journalist Heribert Prantl. Der Kameramann - und mancher Gast - wusste offenkundig nicht so recht, was er anstellen sollte mit diesen 60 Sekunden, in denen nichts passierte.

So moralisch aufgeladen eine Schweigeminute ist, am Ende geht es weniger ums Nachdenken, als vielmehr ums Fühlen. Und es sind nicht mal vermeintlich edle Gefühle, die einen ergreifen können, während man schweigend dasteht. Sondern Unbehagen. Wie soll man schauen, wohin mit den Händen? Neugier. Wie verhalten sich die anderen? Wer hat feuchte Augen? Belustigung. Ist das Ganze nicht einfach nur lächerlich, all diese bedröppelt dreinschauenden Menschen um einen herum? Scham. Warum ist man nicht ergriffen, genau in diesem Moment? Hilflosigkeit. Warum kommen einem plötzlich die Tränen, genau in diesem Moment?

Die Welt dreht sich nicht weiter, zumindest einen Moment lang

Eines ist sicher: Die Stille berührt uns. Weil wir sie nicht gewohnt sind. Stillstand ist für uns Ausnahmezustand. Und damit bringt uns die Schweigeminute tatsächlich all jenen nahe, die auf dem Mittelmeer, in der Germanwings-Maschine oder beim Anschlag auf Charlie Hebdo Angehörige verloren haben. Für die ihre Welt stehengeblieben ist. Und für die es ein Trost sein kann, wenn sich der Rest der Welt nicht weiterdreht, zumindest für einen Moment.

Der britische Dichter W. H. Auden formuliert dieses Gefühl in seinem "Funeral Blues" (1936) so:

Stop all the clocks, cut off the telephone,

Prevent the dog from barking with a juicy bone.

Silence the pianos (...)

The stars are not wanted now, put out every one;

Pack up the moon and dismantle the sun;

Pour away the ocean and sweep up the wood.

For nothing now can ever come to any good.

Das Gedicht wird im Film "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" (1994) bei einer Trauerfeier vorgetragen. Es ist dort ein Stilmittel, wie natürlich auch die Stille eines sein kann - um gezielt Emotionen zu erzeugen. So wird beispielsweise im Abspann des jüngsten "Fast & Furious"-Films des verstorbenen Hauptdarstellers Paul Walker gedacht. Da erscheint dann nach all dem Lärm, den die massenweise Zerstörung von Autos und Gebäuden so mit sich bringt, ein weißer Bildschirm mit schwarzer Schrift: "For Paul". Untermalt mit Stille.

Das wirkt umso mehr, weil es überraschend ist. So wie eine Schweigeminute in einer Talkshow überraschend ist. Aber hat sie nun etwas bewirkt? Zumindest Moderator Günther Jauch hielt so viel Stille offenkundig nicht aus: "Sie müssen nicht auf die Uhr gucken", flüsterte er Harald Höppner zu. 60 Sekunden können eben auch sehr lang sein.

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