Sarrazin und die Gene Das Geheimnis der jüdischen Intelligenz

Eigentlich ist die Deutsche Bahn schuld: Sarrazin durfte nicht die ganze Wahrheit verraten, wie der niederländisch-jüdische Schriftsteller Leon de Winter zufällig persönlich weiß.

Eine Parabel von Leon de Winter

Im Frühjahr 2005, man hatte mich zu einem Vortrag in die Berliner DZ Bank am Pariser Platz eingeladen, wurde ich dem damaligen Finanzsenator Dr. Thilo Sarrazin vorgestellt. Ich habe mich kurz mit ihm unterhalten - worüber, weiß ich nicht mehr genau. Aber ich erinnere mich, dass er einen sympathischen, wenn auch etwas distanzierten, steifen Eindruck auf mich machte.

Für einen Politiker erschien er mir erstaunlich belesen, er streute Buchtitel und Autorennamen ein, die mir fast alle unbekannt waren. Ich glaube nicht, dass er sich damit brüsten wollte. Sarrazin ist, wie er ist - in Amerika sagt man da: What you see is what you get. Ein Mann aus einer vergangenen Zeit, ein aristokratischer Deutscher mit beeindruckendem intellektuellen Rüstzeug und ganz eigenen Umgangsformen. Höflich, aber auch strikt und deutlich, um nicht zu sagen, brüsk.

Zwei Wochen später begegnete ich ihm erneut, zufällig, im Zug von Berlin nach Hamburg. Der Platzreservierungscomputer der DB hatte uns einander gegenübergesetzt. Ein Zufall, der lange nachwirken sollte, wie sich jetzt zeigt.

Wenige Monate davor war in Amsterdam Theo van Gogh ermordet worden. Ich hatte in der deutschen Presse ausführlich darüber geschrieben, und Dr. Sarrazin waren meine Beiträge nicht entgangen. Unser Gespräch kam auf die Einwanderung von Nordafrikanern und Türken aus Regionen, die seit vielen Jahrhunderten einer toleranten und akademischen Tradition entbehrten. Ich erzählte von einer amerikanischen Untersuchung, von der ich gelesen hatte - sie sollte einige Jahre später, 2009, in eine umstrittene Buchveröffentlichung münden: The 10.000 Year Explosion von Gregory Cochran und Henry Harpending, beide Anthropologen, der eine dazu Physiker, der andere Humangenetiker.

Hier ein Auszug aus dem Klappentext: "In dieser überwältigend originellen Darstellung unserer Evolutionsgeschichte verwerfen die Topwissenschaftler Gregory Cochran und Henry Harpending konventionelle Überzeugungen und zeigen auf, dass der Mensch in wesentlich jüngerer Zeit einen Sturm der genetischen Veränderung durchgemacht hat. Tatsächlich, so ihre These, beschleunigte sich die menschliche Evolution seit dem Beginn der Zivilisation, und diese fortwährenden Veränderungen haben in der Geschichte der Menschheit eine zentrale Rolle gespielt. Sie behaupten, die Biologie erkläre die Ausbreitung der Indoeuropäer, die Eroberung Amerikas durch die Europäer und den Aufstieg der europäischen Juden zu intellektueller Prominenz. Der Schlüssel für jedes dieser Beispiele heißt 'neuere genetische Veränderung': die Milchzuckertoleranz Erwachsener, die den frühen Indoeuropäern neue Lebensweisen ermöglichte, die erhöhte Resistenz gegen Krankheiten unter den europäischen Siedlern in Amerika genauso erklärt wie neue Mutationen neurologischer Gene unter europäischen Juden." So weit der Text auf dem Buchdeckel.

Jahre nach der Begegnung mit Sarrazin habe ich das Buch gelesen und war insbesondere von Kapitel 27 fasziniert: "Evolution im Mittelalter: Wie die aschkenasischen Juden zu ihrem Intellekt kamen". Darin legen Cochran und Harpending dar, wie soziokulturelle Umstände, namentlich die Tatsache, dass den Juden im Europa des frühen Mittelalters der Zugang zu den meisten Handwerkszünften verwehrt war, die Konzentration auf ihre intellektuellen Fähigkeiten stimuliert habe.

Da die Juden in hohem Maße innerhalb der eigenen Gruppe heirateten, sei es zu einem natürlichen Selektionsprozess gekommen, der zu einem Anstieg der intellektuellen Leistungen führte. Bei Intelligenztests schnitten aschkenasische Juden im Durchschnitt zehn Punkte über dem Mittelwert von 100 ab. Doch die Intelligenz-Gene hätten auch eine Kehrseite: Erbkrankheiten wie das Tay-Sachs-Syndrom sowie einige Formen von Brustkrebs bei Frauen kämen in der Gruppe der aschkenasischen Juden gehäuft vor.

Auf all diese Themen kamen Sarrazin und ich während unserer gemeinsamen Bahnfahrt zu sprechen. Auch auf mögliche umgekehrte Entwicklungen gegenüber den genetischen Veränderungen, die die Juden im Mittelalter ihren Überlebensstrategien verdankten: Wie verhielt es sich mit Ethnien, denen sehr lange intellektuelle Anreize vorenthalten werden und deren Überleben schon jahrhundertelang von Konformismus, Machismus, Aggression und kulturellem und wissenschaftlichem Stillstand geprägt ist? Wie verhält es sich mit Menschen in Anatolien, die seit Jahrtausenden Analphabeten sind?

Lesen Sie weiter auf Seite 2, woran Sarrazin besonders interessiert war.