Salzburger Festspiele Lichter Zauber

Plácido Domingo singt keine Tenor-Partien mehr, dafür wählt er seine Bariton-Rollen mit viel Geschick, wie jetzt den alternden Dogen in Verdis "I due Foscari".

Von Egbert Tholl

Salzburg liebt seine Stars. Die Menge derer, die in letzter Minute noch eine Karte ergattern wollen, ist gewaltig. Das liegt nicht am Stück, einer frühen, wenig bekannten Verdi-Oper. Das liegt an Plácido Domingo allein, der diesem insgesamt sehr gelungenen Abend tatsächlich einen Glanz verleiht. Vielleicht auch, weil man nicht weiß, wie oft sich solche Auftritte noch wiederholen werden. Domingo ist 76 Jahre alt, singt seit geraumer Zeit keine Tenor-Partien mehr, wählt nun seine Figuren im Bariton-Fach. Mit Geschick: Der Francesco Foscari, den er schon vor eineinhalb Jahren auf der Bühne der Mailänder Scala verkörperte und den er nun im Großen Festspielhaus in dieser konzertanten Aufführung singt, passt perfekt zu ihm.

Verdis Oper "I due Foscari" nach einem Libretto von Francesco Maria Piave, das auf einem Stück von Lord Byron basiert, ist eine kompakte Veranstaltung, in der wenig passiert und die Musik zwischen 6/8-Takt-Albernheiten und interessanter Konzentration changiert. Die beiden Foscaris sind Vater Francesco, Doge von Venedig, und sein Sohn Jacopo, der aus der Verbannung zurückkehrt, nur um abermals, auf Beschluss des Zehner-Rats der Stadt, verbannt zur werden. Die Gründe dafür liegen in einer kruden Vorgeschichte und werden in der Oper selbst nur abstrakt behandelt; Jacopo Loredano aus dem Zehner-Rat hat den Foscaris wegen einer irrlichternden Familienfehde ewige Rache geschworen. Die kriegt er, auch wenn Vater und Sohn letztlich unschuldig sind.

Es geht auch gar nicht um das Aufdröseln dieser Geschichte, sondern im Kern ausschließlich um Francescos Konflikt: Als Doge muss er das Recht sprechen, das ihm der Rat beschließt; als Vater will er seinen Sohn retten. Der tut wenig dafür, seine Frau indes, Lucrezia, ist das eigentliche Movens der Handlung - falls sich hier überhaupt etwas bewegt. Sie bekniet den Schwiegervater, sie leidet liebend mit ihrem Mann. Guanqun Yu bietet dafür viel zarte Anmut auf, verziert ihr Flehen mit den schönsten Trillerchen und kann doch nicht ganz verhindern, dass ihr Vortrag etwas leicht Dressiertes hat. Joseph Calleja dagegen verleiht dem von Verdi und Piave herzhaft eindimensional gezeichnetem Jacopo viele Farben, die zusammen mit dem männlichen Kern seiner Stimme und einer berückenden Heiserkeit im flirrenden Vibrato seiner Höhe an beste altmodische Tenorpracht erinnern.

Domingo, der alternde Doge, der aus Kummer die Oper nicht überleben wird, leidet. Aber mit der Würde seiner herrlichen Erscheinung. Er mag Schwierigkeiten haben, die Phrasen mit Kraft zu Ende zu bringen, aber er hat immer noch einen lichten Zauber in der Stimme. Er ist halt kein genuiner Bariton, sondern ein gealterter Tenor, und deshalb bekommt Francescos große Diskussion mit seiner Schwiegertochter etwas vom eigentümlichen Reiz einer klassischen Opern-Liebesszene. Hier sinniert kein brummelnder Bariton, hier ringt ein viriler älterer Herr um eine Lösung. Der aufstrebende, 38-jährige Dirigent Michele Mariotti kümmert sich derweil liebevoll um die Sänger, das Mozarteumorchester Salzburg agiert in Zurückhaltung fein. Und neben Domingo zeigt Roberto Tagliavini als der ohne jede eigene Nummer bleibende Rächer Loredano, wie lebendig eine konzertante Aufführung sein kann. Mit flammenden Blick spielt er hier mehr, als er in der statischen Salzburger "Aida" als Ägypterkönig je zeigen darf. Das Publikum ist glücklich über die Absenz jeder Szenerie und dankt Domingo mit Ovationen, als gäbe es kein Morgen.