Rolling Stones auf Tour Gockeln wie eh und je

"Unglaublich, dass wir immer noch hier sind": Die Rolling Stones feiern in London den Auftakt ihrer 50-Jahre-Jubiläumstour. Mit dabei: entfremdete Ex-Kollegen, jüngere Gaststars und ein ergrautes Publikum, das sich als Teil der Bandhistorie versteht.

Von Alexander Menden, London

Die einzige Enttäuschung dieses Abends ist einer der "Überraschungsauftritte", die bereits seit Tagen ein offenes Geheimnis waren. Als Bill Wyman die Bühne betritt, haben die 20.000 Zuschauer im Londoner O2 kaum Zeit, seine Rückkehr zu bejubeln. Seine früheren Bandkollegen legen ohne Präliminarien los mit "It's only Rock and Roll".

Keith Richards hält, wie fast den ganzen Abend, eisern Stellung vor den Drums. Mick Jagger würdigt Wyman keines Blickes. Vorher hatte er ihn als "ehemaliges Mitglied" angekündigt, als begrüße er den Vertreter einer Konkurrenzfirma, mit der man sich aus geschäftlicher Notwendigkeit für ein Sonderprojekt zusammengetan hat - und nicht den Mann, der 30 Jahre lang Bassist der Band war.

Wyman steht abseits und streichelt lustlos seinen Bass. Während des zweiten Songs, bei dem er mitspielt, "Honky Tonk Women", läuft im Hintergrund eine Animation ab: Eine Riesenfrau erklimmt KingKong-artig einen Wolkenkratzer, während ein Gorilla - derselbe, der das Cover der Stones-Jubiläums-Compilation "Grrr" ziert - einen Flugzeugangriff auf ihre nackten Brüste startet. Das lenkt doch beträchtlich von der Reunion auf der Bühne ab. Danach klatschen die meisten Musiker Wyman ab. Jagger drückt ihm kurz die Hand.

Insgesamt fünf ausverkaufte Gigs spielen die Rolling Stones: zwei im ehemaligen Millennium Dome in Greenwich, drei in den USA. Einen für jedes der fünf Jahrzehnte ihres Bestehens. Dass sie Wyman, und später ihren zeitweiligen Gitarristen Mick Taylor, beim ersten Konzert dazugeholt haben, geschieht dabei anscheinend mehr der Vollständigkeit halber. Eigentlich feiert sich hier ja der harte Kern, Jagger, Richards, Charlie Watts, und irgendwie auch Ronnie Wood. Dass sie, wie Jagger ein bisschen zu beiläufig erwähnt, weder am Diamantjubiläum der Queen, noch an der Eröffnung der Olympischen Spiele teilnehmen durften, ist heute nicht so wichtig.

Abglanz der eigenen Jugend

Die Stones sind eine eigenständige Institution, für die ihre Fans bis zu 1200 Euro pro Ticket hinzulegen bereit sind. Fans, die es mit Humor nehmen, wenn Mick Jagger die Zuschauer in den hintersten Rängen fragt: "Und wie ist die Stimmung auf den billigen Plätzen? Ach ja, die sind ja gar nicht so billig." Die Rolling Stones können darauf bauen, dass die vielen, größtenteils mit ihnen ergrauten Menschen im O2 sich als Teil jener Bandhistorie empfinden, die auf der Leinwand hinter der Bühne ausgebreitet wird: Fotos aus den Sechzigern, gesichtet für den dicken Jubiläums-Bildband, der dieses Jahr erschien, Jugendbilder, in denen die Fans einen Abglanz ihrer eigenen Jugend sehen.

Von sentimentalen Anekdoten sieht Mick Jagger dagegen ab: Auch der Auftritt des zweiten Ex-Stones Mick Taylor bei "Midnight Rambler" wird nicht weiter kommentiert. Die Bühnenchemie zwischen ihm und den übrigen Stones scheint zumindest deutlich besser zu sein als zuvor bei Wyman. Nicht nur wegen seines deutlich größeren Körperumfangs wirkt Taylor wie ein Fremdkörper zwischen den spindeldürren Kollegen. Egal, aus dem Publikum schwappt ihm eine warme Welle nostalgischer Sympathie entgegen, auch, weil in seinem brüchigen Spiel immer mal wieder jene Brillanz durchscheint, die Taylor den Ruf des technisch besten Musikers eingetragen hat, der je festes Mitglied der Band war.

Musikalisch wird es überhaupt immer dann besonders interessant, wenn Gäste dazukommen: die elegante Mary J. Blige bei "Gimme Shelter", oder der bei "Going Down" zum ausführlichen Fiedeln aufgelegte Jeff Beck, dessen barockem Solo Keith Richards sein eigenes, wunderbar karges gegenüberstellt. Aber keine Frage: Das Konzert wäre auch ohne Stargäste ein totaler Selbstläufer.

Die Stones grooven, als hätten sie's erfunden (haben sie irgendwie auch) und plündern lustvoll den eigenen back catalogue. Immer, wenn man denkt: "Jetzt haben sie aber alle Hits durch", kommt der nächste: "Wild Horses", "Start Me Up", "Tumbling Dice", "Brown Sugar" - das O2 ist zweieinhalb Stunden lang eine gigantische Best-of-Jukebox. Einige Songs haben an Qualität sogar dazugewonnen. "Paint it black" zum Beispiel hat eine sinistre Patina, die nur das Alter verleiht.

Nicht, dass man Jagger seine annähernd 70 Jahre ansähe, wie er da im altbekannten Gockelstil unablässig über die lippenförmige Bühne zischt. Die Befriedigung der letzten Zugabe, es wäre aller Wahrscheinlichkeit nach "Satisfaction" gewesen, bleibt den Fans allerdings versagt: Um elf ist endgültig Zapfenstreich, so will es der Veranstalter. "50 Jahre haben wir gebraucht von Dartford nach Greenwich", hatte Jagger vorher noch gesagt. "Unglaublich, dass wir immer noch hier sind. Und noch viel unglaublicher, dass ihr uns immer noch hören wollt."