"Restless" im Kino Vor aller Augen sterben

Ein Tabubruch: Mit "Restless" wagt sich Gus Van Sant an den Krebs, ein Thema, das im amerikanischen Film lange verpönt war. Der Regisseur folgt einem erkennbaren Trend, denn es gibt im Moment etliche Filme, die sich mit Krankheit und Tod befassen. Das Kino reagiert damit auf die dauervernetzte Gesellschaft, die die Intimsphäre immer weniger achtet.

Von Susan Vahabzadeh

Zu jedem Erwachsenwerden gehört es, erst einmal auszuprobieren, welche Gefühle man zulassen muss und welchen man besser aus dem Weg geht. Enoch, der Junge, um den es in Gus Van Sants neuem Film Restless geht, kann sich nicht so recht entscheiden zwischen melancholischem Eskapismus und einem Frontalangriff auf sein Trauma.

Morbide Liebe: Annabel (Mia Wasikowska) und Enoch (Henry Hopper) in Restless.

(Foto: dapd)

Er hat seine Eltern verloren. Nun lebt er bei seiner Tante und schwänzt die Schule. Dann vertrödelt er seine Zeit mit einem Geist, einem unverwüstlichen eingebildeten Freund, dem in sicherem Zeitabstand verblichenen Weltkriegssoldaten Hiroshi. Oder er geht seinem anderen morbiden Hobby nach - Beerdigungen crashen, um sich an der frischen Trauer fremder Leute hochzuziehen. Auch eine Art, die eigenen Gefühle auf Eis zu legen. Dann aber begegnet er Annabel. Deren Hobby ist eher zynisch: Sie ist besessen von Charles Darwin, aber weil sie bald sterben wird, hat sie nicht mehr viel Zeit, sich mit seinen Büchern zu befassen.

So viel Potential an Exzentrik müssen zwei Figuren schon mitbringen, um den Filmemacher Gus Van Sant zu interessieren, den Mann, der My Own Private Idaho gemacht hat, das Columbine-Drama Elephant und Milk über den Schwulenrechtler Harvey Milk. Für einen wie Gus Van Sant ist Restless ein ungewöhnlicher Film - so eine Art zerzauste Indie-Version von Love Story, bei der Van Sant, mehr noch als bei Milk, genüsslich mit dem Sentimentalen experimentiert, damit, wie man seine Zuschauer überwältigt, und dann doch die Kamera abwendet, bevor der süßliche Beigeschmack unangenehm wird.

Am besten gelingt ihm das in der Geistergeschichte mit Hiroshi, der ganz wunderbar in der Schwebe bleibt, manchmal klare Projektion, dann wieder gespenstisch selbständig. Eigentlich ist das sterbende Mädchen in Restless eine Randfigur. Der Tod ist für die Lebenden: Der Film erzählt von einem Jungen, der seine Eltern verloren hat und sich sehenden Auges einen weiteren Verlust einhandelt, als würde noch mehr Schmerz seine Seele reinigen.

Einmal zwingt Annabel ihm eine kleine Theaterinszenierung auf. Die beiden proben ihren Tod als Rührstück. Nicht ihr wird das zu viel, sondern Enoch, der selbst in einem absurden Spiel nicht ertragen kann, was auf ihn zukommt. Mia Wasikowska, die Tim Burtons Alice im Wunderland war, spielt Annabel. Und Enoch ist Henry Hopper, der, sagt Gus Van Sant, so kurz nach dem Krebstod seines Vaters Dennis Hopper einiges an eigenen Emotionen und Erfahrungen mitgebracht hat in diese Rolle.

Goldene Regel

Es ist ja überhaupt so: Alle Kunst ahmt das Leben nach, im Kino zumindest, weswegen wir dort früher oder später die Bilder und Zerrbilder all dessen wiederfinden, was wir tun und durchmachen.

Gus Van Sants Restless liegt da in einem erkennbaren Trend. Es gibt im Moment noch eine ganze Reihe anderer Filme, die sich mit Krebs und Tod befassen - "Kein Mittel gegen Liebe" ist in der vergangenen Woche angelaufen. Andreas Dresens "Halt auf freier Strecke", der gemeinsam mit Restless in der Cannes-Reihe Un certain regard vorgestellt wurde, kommt im November ins Kino.

Dresen, der deutsche Realist, tut genau das, was die Amerikaner vermeiden: die hässliche Fratze der Krankheit zeigen. Gus Van Sant hingegen, der ja eigentlich zum amerikanischen Indie-Kino, nicht zu Hollywood gehört, hat eine der goldenen Regeln beachtet: Annabel hat einen Hirntumor, eine der Krebsarten, die Hollywood favorisiert, weil man sich da nicht mit Amputationen oder künstlichen Darmausgängen herumschlagen oder sich allzu weit in die physische Privatsphäre vorwagen muss.

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