Premiere Junge Hexen

Mathilde Bundschuh (li.) und Pauline Fusban als Duncans Söhne Malcolm und Donalbain.

(Foto: Thomas Dashuber)

Pauline Fusban und Mathilde Bundschuh sind seit Beginn dieser Saison fest im Ensemble des Residenztheaters, nun spielen sie in Andreas Kriegenburgs "Macbeth"-Inszenierung

Von Egbert Tholl

Eigentlich ein irritierender Moment: Man trifft zwei junge Schauspielerinnen, die gerade ihr erstes Festengagement angetreten haben, am Residenztheater in München, und stellt fest, dass beide zusammen ein Jahr jünger sind als der Mensch, der mit ihnen redet. Doch dies Treffen bietet keinen Grund, in prägeriatrischer Schwermut zu versinken, denn die beiden sind ausgesprochen freundlich. In der "Macbeth"-Inszenierung von Andreas Kriegenburg, die am Freitag, 13. Januar, am Residenztheater Premiere hat, spielen sie die Söhne Duncans und zwei der drei Hexen. Aber furchterregend wirken Pauline Fusban und Mathilde Bundschuh nicht. Eher denkt man an "Robin Hood", die Produktion des Residenztheaters, bei der sie zusammen auf der großen Bühne stehen und darin "megagern" spielen. Passt aber auch nicht ganz, dazu sind sie dann doch wieder zu ernsthaft, bei aller Unterschiedlichkeit.

Die eine, Bundschuh, wurde in Plauen geboren, wuchs in Berlin auf, ging in Rostock auf die Schauspielschule, wurde bei deren Abschlussvorstellungstournee von einer Resi-Dramaturgin gesehen und zum Vorsprechen nach München eingeladen. Die andere, Fusban, stammt aus München und studierte in Wien am Max-Reinhard-Seminar. Der kultursämige, katholische Süden trifft auf den theaterkargen Nordosten. Die eine steht bereits die Hälfte ihres Lebens vor der Kamera und wirkte auch schon in einem "Tatort" mit; die andere holte sich Martin Kušej, der am Reinhardt-Seminar als Regieprofessor tätig ist, als Studierende aus Wien an die Münchner Kammerspiele, als er dort seine Gastinszenierung "Jagdszenen aus Niederbayern" machte. Die eine ist bescheiden und die andere scheu. Klug sind sie beide.

"Klingt blöd, aber ich kann nix anderes." Mathilde Bundschuh drehte bereits während der Schule, schmiss diese, fing an, Schauspiel zu studieren. Da war es von Vorteil, dass der Vater und der Bruder auch Schauspieler sind, der Opa dies auch werden wollte. Doch an der Schule, an der er sich bewarb, sollte er Regie studieren - das wollte er nicht. Er wurde Pathologe. Fusbans Onkel ist Axel Milberg, was für ihre Berufswahl keine Rolle spielte, inzwischen aber bei Familienfesten für willkommene Gelegenheiten sorgt, sich dem allgemeinen Gespräch entziehen zu können.

Pauline Fusban wollte Menschen haben. In der elften Klasse war sie ein Jahr in Venezuela, nach dem Abitur in Afrika, sie wollte reisen, vielleicht Fotografieren. Aber "Menschen nur durch eine Maschine wahrnehmen", das war ihr zu blöd. Dazu kam ein Punkt, den übrigens viele Schauspieler nennen: Überwindungskraft. Sich etwas trauen, wovor man Angst hat. Bundschuh pflichtet ihr bei. Man reißt sich los vor jeder neuen Produktion, vor jeder Vorstellung. Und muss, so Fusban, immer offen bleiben. Also auch eine Art von Reisen, nur halt am gleichbleibenden Ort.

Als Mathilde Bundschuh ans Resi kam, musste sie sich erst einmal daran gewöhnen, dass es nun "die Käseglocke der Schauspielschule" nicht mehr gibt. Hier gebe es zwar auch eine, aber das Glas sei viel dünner. Ähnliches stellte Pauline Fusban fest, als sie einmal beim Schlussapplaus ihre ehemalige Physiklehrerin im Publikum entdeckte. "Mir war nicht klar, wie öffentlich dieser Beruf ist." An der Schule, vor allem wenn sie während der Endproben zu Regieprojekten vom Unterricht befreit war, war sie eher damit beschäftigt, "den ganzen Tag über wahnsinnig zu werden". Nun ist sie in dem Dilemma, einerseits einen klar strukturierten Alltag verpasst zu kriegen, andererseits abends gefälligst frei und kreativ zu sein.

Eines spürt man: Egal, was die einem auf der Schule beibringen, das erste Festengagement birgt Überraschungen. Und sei es nur die, dass man einen Urlaubsschein braucht, wenn man am Wochenende die Stadt verlassen will. Früher hat sich Fusban immer gefragt, wie Schauspieler am Abend nach der Vorstellung nach Hause gehen. Sie dachte, die müssten schweben. Jetzt geht sie selbst heim, wieder und wieder, und findet: "So magic ist es dann doch nicht." Aber halt, nein, natürlich ist da Magie, für Mathilde Bundschuh etwa in diesem winzigen Moment der Stille, wenn der Vorhang gefallen ist und der Applaus noch gerade nicht angehoben hat. "Das ist ein magischer Moment der Schwebe." Also doch, Schweben.

Die eine wusste schon auf dem Schulhof in Rostock, was das Residenztheater ist, und war dann verblüfft, dass die Menschen hier Schlange stehen, um ins Theater zu gehen. Die andere freute sich, in ihrer Heimstadt arbeiten zu dürfen. Und da so ein Treffen auch mit einer List verbunden ist, nähert man sich nun der Frage, wie man sich in einem hierarchisch organisiertem Betrieb fühle. Fusban: "Gegenüber einer Gesellschaft, der die kapitalistische Demokratie viele Freiheiten raubt, ist das hier ein interessanter Gegenentwurf." Und: Auf dem Max-Reinhard-Seminar sei es auch nicht viel anders zugegangen. Beide sind sich einig, dass Theater nun einmal bedeutet, dass am Ende einer sagt, wie es zu machen sei. Besonders beeindruckt wirken sie davon nicht. Sondern viel mehr von einer Begegnung mit Andreas Kriegenburg und dessen Phantasie. Sie scheinen sich im "Macbeth" wohlzufühlen. Letzter Satz: "I love to be a witch."

Macbeth, Freitag, 13. Januar, 19 Uhr, Residenztheater, Max-Joseph-Platz 1