Pop Wo er singt, ist Zuhause

Der Popmusiker Phil Collins spielt in Köln, sein Sohn Nicolas begleitet ihn. Es ist ein Abend voller Leben, Güte, Wärme - zum Heulen schön.

Von Oliver Polak

Im Taxi nach Tegel, ich warte seit einem halben Jahr auf diesen Tag, wir fahren durch den Tunnel am Hauptbahnhof, auf meinem Kopfhörer "In The Air Tonight". An der Tunneldecke orangefarbene Lichter, auf dem Asphalt weiße Streifen. Lichter und Streifen. Ein Freund ruft an und fragt, wo ich bin: "Ich bin auf dem Weg nach Köln zu Phil Collins, ihm geht's nicht so gut", entgegne ich. Maxim fragt: "Wem geht's nicht gut?" Der Empfang im Tunnel bricht ab. Egal. Entlang der Spree nach Tegel. Take-off mit "Against All Odds" durch die Wolken zu Philip.

Wir haben uns noch nie gesehen und trotzdem fühlt es sich an wie das Treffen mit einem alten Bekannten. Es liegt in der Natur der Sache, dass Zeit vergeht und wir älter werden. Phil Collins ist natürlich auch älter geworden. Er kann nicht mehr Schlagzeug spielen, da er seit einigen Jahren seine Hände nicht mehr fühlt, und auch das Laufen fällt ihm nach einer missglückten Rücken-Operation schwer. Vor ein paar Jahren wäre er fast gestorben. Aber jetzt, mit 66, kommt er entgegen allen Erwartungen noch mal auf Tournee, zu seinen Fans. Nach 250 Millionen verkauften Platten muss er das alles nicht, und einige Stimmen sagen: Er wirkt auf der Bühne räudig und verstörend. Zu altern ist nicht räudig und verstörend. Dass er diesen Kraftakt auf sich nimmt, lässt an John Miles denken: "Music was my first love / and it'll be my last / Music of the future / And music of the past / To live without my music / Would be impossible to do". Musik ist die erste und die letzte Liebe, ein Leben ohne Musik ist unmöglich. "Not Dead Yet", noch nicht tot, ist der Titel der Phil-Collins- Tour.

Da wo einst hinter dem Schlagzeug sein Platz, sein faradayscher Käfig war, wird jemand anders sitzen. Über die Bühne rennen geht auch nicht mehr, es gibt jetzt einen Stuhl. So ist das. Phil Collins ist wie ein Lieblingsonkel, jemand, dem wir gerne zuhören, den wir singen hören wollen. Mit oder ohne Stuhl. Er hat uns begleitet, und wir begleiten ihn.

Er war immer da, mit Genesis, solo und überhaupt. Und auch die Leute, die eine Meinung zu Phil Collins haben, sie waren immer da und das geht an seine Kritiker: Egal wie bescheuert ihr Phil findet, wirklich schlimm war Mr. Mister, "Take These Broken Wings", und nein, Genesis mit Peter Gabriel als Sänger waren nicht die besseren Genesis und grundsätzlich: Phil Collins ist immer noch der Shit, ihr nicht.

Draußen vor der Lanxess Arena, in der Collins fünf Tage am Stück spielen wird, eine letzte Zigarette. Dann: Das Hallenlicht, gedimmt, und auf dem Vorhang vor der Bühne eine Diashow mit Schwarzweiß-Bildern aus den letzten 40 Collins-Jahren, während die Menschen zu ihren Plätzen wuseln. Vor dem durchsichtigen Vorhang steht ein Hocker. Um 20.13 Uhr erlischt das Licht. Phil Collins, in schwarz gekleidet, ein Pflaster auf der Stirn, er ist erst vor drei Tagen in seinem Hotelzimmer in London gestürzt und wurde genäht, er meint es ernst, betritt unter Ovationen mit Gehstock die Bühne und geht zum Hocker, auf den zwei Scheinwerfer gerichtet sind. Bevor er anfängt, sagt er, dass er nur einen deutschen Satz kann: "Ich weiß, ich habe gesagt, ich werde in den Ruhestand gehen, aber ich habe euch vermisst." Wieder Ovationen.

Der erste Song ist "Against All Odds". Entgegen allen Erwartungen. Passt perfekt und könnte emotionaler nicht sein. Aus dem Off das Klavier und dazu nur Collins' Stimme. Das Ganze hat etwas so Anrührendes, er ist gleichzeitig stark und zerbrechlich. Dann setzt das Schlagzeug ein und auf dem Vorhang hinter Phil erscheint riesig die Silhouette des Schlagzeugers. Wie sein eigener Schatten. Der Schlagzeuger auf dieser Tour ist sein 16-jähriger Sohn Nicholas. Im Schatten des Sohnes. Zum Heulen. Es ist ein Glücklich-und-gleichzeitig-berührt-sein-Heulen. Dann direkt rüber in "Another Day In Paradise". Der Vorhang hebt sich, die Band wird sichtbar. Daryl Stuermer, Ronnie Caryl, Leland Sklar und viele andere langjährige musikalische Weggefährten sind um Collins versammelt. "One More Night". "Vor 300 Jahren hab' ich in einer Band gespielt", sagt Collins, bevor es in Genesis' "Follow You, Follow Me" geht. Das Ganze hat etwas so Beruhigendes, Schönes.

"Sorry, dass ich länger weg war. Das Leben ist mir dazwischen gekommen"

Genesis ist Phil Collins, und Phil Collins ist Genesis. Man fühlt sich wie in Watte gebettet und von Honig ummantelt. Bei dem Song "I Missed Again" kommen die Bläser dazu. Selbst die Reihe mit den 15 Rollstuhlfahrern auf der Rolli-Tribüne ist außer Rand und Band, sie headbangen fast. Im Pogrammheft schreibt Collins ebenfalls, dass er seine Fans vermisst hat und dass er hoffe, dass sie ihn auch vermisst haben. Und weiter schreibt er, dass, wenn dem nicht so ist, Sting sonst nächste Woche spielt. Collins' Humor, der sich auch durch seine Ansagen zieht: "Sorry, dass ich länger weg war, das Leben ist mir dazwischengekommen."

Der zweite Teil der Show startet mit einem Drum-Solo seines Sohns Nicholas, dann folgen nur noch Hits. "Something Happened On The Way To Heaven", "You Can't Hurry Love", "Invisible Touch", "Easy Lover", "Sussudio". Collins ist getrieben. Seine Stimme ist so was von da, nichts fehlt. Für "You Know What I Mean" sitzen er und sein Sohn zusammen auf dem Klavierhocker. Phil singt, Nicholas begleitet seinen Dad am Klavier. Am Ende des Songs umarmt er seinen Vater und gibt ihm einen Kuss, bevor er wieder zum Schlagzeug schleicht, von wo aus er seinen Vater immer wieder nach vorne trommelt.

Dann wird der Elektro-Beat, das Intro von "In The Air Tonight" gestartet. Würde es diesen Song nicht geben, gäbe es vermutlich auch keinen James Blake, wird mir gerade klar. Ein Epos über Einsamkeit, Wut, Traurigkeit, Depression und Verlustängste. Eine sehr düstere Stimmung. Und dann die Tom-Schläge des wahrscheinlich bekanntesten Schlagzeug-Einsatzes aller Zeiten: De-De-Dü-Dü-Dö-Dö-Du-Du-Do-Do.

Idealisierung kann eine schöne Illusion sein, und sie ist oftmals angenehmer als die Realität. Aber das heute ist die Realität und sie ist nicht unangenehm. Die Halle tobt, ich habe noch nie so viele glückliche tanzende deutsche Menschen auf einem Haufen gesehen. Collins ist an diesem Abend Hingabe, Güte, Liebe, Wärme, das pure Leben, und als er zum Finale "Take Me Home" spielt und die Zeile singt: "Take that look of worry, I'm an ordinary man", da singen alle 16 000 mit ihm in der hell erleuchteten Halle: "Please take me home." Wahrscheinlich gibt an diesem Abend niemanden, der Phil Collins nicht gerne nach Hause gebracht hätte. Wobei das gar nicht nötig ist, denn beim letzten Akkord wird klar: Da, wo er gerade sitzt und singt, zwischen seinen Fans, seiner Band, seinen Freunden und seinem Sohn, das ist sein Zuhause.

Der Autor ist Stand-up-Comedian und Autor. Für seine Pro7-Late-Night-Show "Applaus und raus!" wurde er in diesem Jahr mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Der jüdische Patient" (Kiepenheuer und Witsch).